8. Kapitel
Rikkinen schlief unruhig in seinem Biuak. Bilder von Wolfswelpen geisterten durch seinen Schlaf, die Schamanin der lyamit beobachtete ihn mit ihrem mysteriösen dritten Auge und sein Vater streckte anklagend den Finger gegen ihn aus.
So erhob sich Rikkinen noch vor Sonnenaufgang. Als er die Lederplane beiseite schlug und das Gepäck fortschob, fand er einen toten Hasen vor der Schutzhöhle.
Unter den schützenden Stamm geschmiegt, lag Dreikralle zusammengerollt da und schlief. Oder schien zu schlafen, denn in dem Augenblick, wo Rikkinen den Hasen aufhob, nahm er den buschigen Schweif von der Nase und blickte ihn mit einem ganz besonderen Ausdruck an.
Dreikralle ließ ein leises Rülpsen hören, woraus Rikkinen schloss, dass der Wolf schon für sein eigenes Wohl gesorgt hatte. »Soll ich nun etwa das Fleisch roh essen, wie euereiner?«, fragte Rikkinen unwirsch. Er fühlte sich vom Verhalten des Wolfes verspottet.
Mit den trockenen Ästen, die ihm als Lager gedient hatten, entfachte der Jäger im Windschutz der Höhle ein Feuer. Bis das Feuer gut anbrannte und die Kohle glühte, häutete Rikkinen den Hasen und nahm ihn aus.
Er schnitt schmale Streifen Fleisch ab und grillte sie auf einem Stein, den er zwischen die Glut gelegt hatte. Der Duft des guten Essens verbesserte seine Stimmung beträchtlich.
»He, Wolf, hast du nicht zufällig auch etwas Speck dabei, um den trockenen Hasen schmackhafter zu machen?«, fragte er, und erwartete halb eine Reaktion seines Reisegefährten. Aber der Wolf machte sich nur hoheitsvoll über das Gekröse her und vertilgte auch das Fleisch, das Rikkinen nicht mehr essen wollte. Er war eben nur ein Tier. Auf jeden Fall aber war das ein Fleischhandel nach Rikkinens Geschmack. Sonst war es umgekehrt: Die Wölfe bekamen ihren Anteil von der Jagdbeute der Nivesen, und natürlich erhielten sie den Fleischtribut für Bündnisse und bei besonderen Zeremonien. Diese Aufteilung hatte Rikkinen schon immer geärgert. Er war nicht Mada, und dessen Verbrechen lag nun schon so viele Generationen zurück -warum mussten die Nivesen immer noch Blutgeld dafür zahlen?
Rikkinen schob mit dem Stiefel Schnee über das Feuer, als wollte er die leidige Frage nach der Schuld vergraben. Zischend ersticken die Flammen.
Bis zur Straße längs des Oblomon lag noch ein strammer Fußmarsch von ein bis zwei Tagen vor ihnen. Der Jäger in Rikkinen war unruhig und zweifelte. Unterwegs hatte er keine weitere Spur entdeckt, und es war nur eine Vermutung, die ihn Richtung Oblomon ziehen ließ. Aber es gab hier auf der Taiga in weiter Ferne sonst nur andere Nivesensippen. Ein Dieb konnte sich zwar überall verstecken, lief aber Gefahr, Nivesen oder Rauhwölfen zu begegnen. Und wer auch immer es sein mochte - wenn er mit einem Jungtier den Wölfen unter die Fänge geriet, war sein Schicksal besiegelt.
Dreikralle brachte sich mit einem Knurren in Erinnerung. Las dieser verwünschte Wolf jetzt etwa seine Gedanken?
Rikkinen lief weiter und war sich bewusst, dass jeder Schritt ihn weiter von seinem kranken Vater fortführte. »Ach, der alte Rejko ist zäh wie eine Karensehne«, murmelte er vor sich hin.
Die Sonne ging rechts von ihm langsam auf. Er musste die Augen schützen, denn sie stand so tief, dass ihre Strahlen über dem Schnee wie auf einem See glänzten. Das erleichterte das Spurenlesen auf keinen Fall.
Rikkinen ballte die Fäuste in den Handschuhen. Der Schnee vor ihm war von den Sonnenstrahlen zerrissen, jeder freigelegte Erdklumpen konnte eine Spur sein und forderte seine Aufmerksamkeit.
Wenn er auf diese Weise jedes Loch prüfen musste, würde die Wanderung um einiges länger dauern. Die Taiga war groß.
»Was meinst du, Pelzgesicht? Soll ich hier jeden Tritt eines wilden Steppenhundes untersuchen, oder soll ich mich lieber schnell zum Oblomon aufmachen?«
Aber Dreikralle war schon wieder vorausgelaufen. Rik-kinen blieb stehen und zog zornig die Mütze tiefer in die Stirn. Er schnob verächtlich und versetzte sich abermals in die Situation des Diebes:
Ich bin ein Fremder, der den kleinen Wolf für Gold in die Lande der Jänak verkaufen möchte. Das kann ich am besten, in einer ihrer Städte. Tavaljuk liegt westlich, aber Gordask in entgegengesetzter Richtung. In Gordask muss ich mit Pelzjägern rechnen, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht, meinen Kopf an die Nivesen verkaufen.
Die Nivesen kommen bei der Wanderung mit den Karenen dicht an Gordask vorbei, also lauert dort eine weitere Gefahr. Wenn ich aber nach Tavaljuk ziehe, da, wo die Norbarden das Flussdelta umgehen, stehen mir viele Wege längs der Küste offen.
Rikkinen stieß eine Atemwolke aus. Wenn er ein Jänak wäre, würde er sich in Richtung des Golfes von Riva orientieren.
Er hatte zwar nur von der gigantischen Wasserfläche gehört, aber da es Schiffe gab, die den Oblomon befahren konnten, warum sollen die Jänak nicht auch das Meer bezwingen?
Oder ich würde mich irgendwo verstecken, bis die größte Aufregung vorbei ist, und dann mein Ziel ansteuern. Aber was mache ich in der Zwischenzeit mit dem Welpen?
Am liebsten hätte Rikkinen verärgert aufgeschrien. Diese Suche war aussichtslos! Bis auf die erste Spur hatte er keine Hinweise mehr gefunden und lief nun wie ein schneeblinder Jäger einfach drauflos.
Aber solange er nichts besseres wusste, folgte er weiterhin dem Weg zur Straße. Mit etwas Glück gelangte er unterwegs in das Winterlager einer anderen Sippe. Vielleicht hatten sie etwas Ungewöhnliches bemerkt.
Und wo blieb überhaupt dieser Wolf schon wieder?
Dicke graue Wolken fraßen die Sonnenscheibe. Schnell wie mit Drachenflügeln zogen die Wolkenfelder heran und verdunkelten die Taiga gleich den Schwingen des Eestäki.
Rikkinen hatte in Geschichten gehört, wie gefährlich ein solcher Horndrache werden konnte. Geschichten, pah! Aus eigener Erfahrung wusste er, wie tückisch das Wetter zum Ende des Winters hin umschlagen konnte. Er würde sich jederzeit lieber mit der Waffe in der Hand einem Untier stellen, als in einen Schneesturm zu geraten.
Es schien, als habe der Lahti der lyamit mit dem Wetterumschwung Recht gehabt. Der Kerl hätte seine Bedenken wirklich deutlicher machen können! Ohne Unterschlupf saß Rikkinen ziemlich in der Klemme.
Vor zwei Stunden hatte er den bewaldeten Flecken verlassen, wo er unter der gestürzten Kiefer übernachtet hatte. Er spähte im gräulichen Licht über das Gelände und schätzte, dass es bestimmt eine weitere Stunde bis zum nächsten Tannicht dauerte. Dennoch bog er von der geraden Route ab, um so schnell wie möglich ein Wäldchen zu erreichen, oder wenigstens Schutz in einem der kleinen Täler zu finden, die zwischen den Hügellanden weiter östlich wie eine Perlenkette aufgereiht lagen.
Erste Schneeflocken schwebten sacht heran und es lag ein Geruch nach Winter in der Luft. Kurz darauf tanzten die Flocken dichter herab und wimmelten wie eine unruhige Herde Karene im Frühjahr. Der Wind, der ihm den Schnee entgegentrug, bot bereits spürbaren Widerstand. Rikkinen zog die hohe Mütze aus und schlang stattdessen die Kapuze eng um den Kopf. Eine dünne, weißblonde Haarsträhne hatte sich aus der Kapuze befreit und peitschte ihm nun durch das Gesicht. Mit den klobigen Handschuhen konnte Rikkinen die Strähne nicht zurückstecken. Bereits nach wenigen Augenblicken waren die Haare schneeverklebt und kurz darauf von einem Eispanzer umgeben. Die vereiste Strähne peitschte ihm schmerzhaft auf die Wangen und schlug Rikkinen fast ins Auge.
Er packte mit dem dicken Fäustling zu, zerrte wütend an der Strähne und riss die Haare aus. Der Schmerz steigerte seine Sinneseindrücke und trieb ihn vorwärts.
Es wurde merklich kälter.
Rikkinen marschierte rascher. Den kräftezehrenden Schritt konnte er nicht lange durchhalten, doch er wollte so viel Boden gutmachen wie nur möglich.
Das letzte Licht schwand. Rikkinens Welt bestand aus einem weiß umtosten, kleinen Bereich vor den Augen. Seine Füße rissen wieder und wieder Schneeklumpen vom Boden auf.
Als der Sturm dann richtig losbrach, konnte der junge Jäger die Flocken nicht mehr vom Tageslicht unterscheiden. Alles um ihn war in dichten graugelben Nebel gehüllt. Eiskörnchen schlugen ihm ins Gesicht. Rikkinen kniff die Augen zu, aber der Schnee verklebte die Wimpern immer wieder aufs Neue. Er wischte sich mit dem Pelzhandschuh übers Gesicht, doch kurz darauf war wieder alles von einer Maske aus Eis bedeckt. Langsam bekam er Angst.
Der Wind nahm ihm den Atem, riss die Luft aus seiner Lunge und schien sie stattdessen mit Schnee zu füllen.
Jetzt wagte er nur noch kleine Schritte. Im grimmen Winter hätte sich Rikkinen eine Schneehöhle gegraben. Doch dafür war der Schnee jetzt nicht mehr tief genug; es würde höchstens zu einer flachen Mulde reichen. Und noch gab Rikkinen nicht auf. Die Schneestürme zum Frühjahrsbeginn waren zwar heftig, aber meistens kurz.
Verbissen marschierte er weiter, irgendwohin, denn die Orientierung hatte er inzwischen verloren.
Schatten wankten vor seinen Augen, doch er achtete nicht darauf. Die einzelnen, verkrüppelten Kiefern oder Tannen boten kaum Schutz gegen die Wucht des Sturmes. Das Unwetter war bestimmt gleich vorbei.
Sein Weg wurde völlig vom Wind bestimmt. Er konnte nur mit dem Sturm laufen oder direkt dagegen. Aber Letzteres war Wahnsinn.
Schneelaurerkackel Jetzt laufe ich den ganzen Weg wieder zurück. Oder der Wind hat gedreht.
Rikkinen hatte sein Ziel sowieso aus den Augen verloren. Seine Füße schleiften durch den Neuschnee, sackten ein. Das Auf und Ab ermüdete ihn zusätzlich. Manchmal glaubte er, zierliche Fußstapfen vor sich zu entdecken - wie die eines Wolfes. Oder narrten ihn nur die Fienlauki, die zehrenden Wintergeister? Für einen Moment schloss er erschöpft die Augen.
Eine Windböe packte ihn von der Seite und brachte ihn zu Fall. Mit dem Traggestell auf dem Rücken bot er eine zu große Angriffsfläche. Rikkinen duckte sich und spannte die Muskeln an, um wieder aufzustehen. Doch der Wind blies ihn einfach um.
Der Nivese zückte sein Messer und stieß die Klinge tief in den Schnee, um ein wenig Halt zu finden und sich neu auszurichten. Das Schneegestöber ließ nicht nach. Der tosende Sturn riss an seiner Kleidung, drang unter seinen Leib und wollte ihn anheben.
Ich sollte noch hier bleiben und das Ende des Unwetters abwarten.
Rikkinen schaufelte mit einer Hand den Schnee zur Seite fort, um so eine Schutzwand zu formen, die er mit dem Tragegestell verstärken konnte. Jetzt würde es doch bloß eine Mulde werden, kein besserer Schneeschutz, als ihn ein Hase hatte. Inzwischen wäre Rikkinen sogar für eine Krüppelkiefer als Deckung dankbar gewesen.
Auf einmal wurde das Graben leicht. Rikkinen fand eine Furche im firnigen Altschnee unter den frisch gefallenen Flocken. Als er sich wie ein Dachs auf dem Bauch über den Boden schob und weiterkratzte, entdeckte er eine parallele Spur.
Hier waren Wagenräder gerollt und das vor nicht allzu langer Zeit. Sonst hätte die Sonne den Schnee angetaut und die Spur wäre breiter auseinander gelaufen. Er schöpfte neue Hoffnung und folgte der Wagenspur. Wo Wagen fuhren, da gab es Menschen.
Vielleicht war es sogar besser, weiterhin in Bewegung zu bleiben. Der feuchte Neuschnee hatte Teile seiner Kleidung durchnässt, sein Schweiß den Anaurak von innen durchtränkt. Wenn er sich jetzt zum Ausruhen in eine offene Schneemulde legte, erwachte er vielleicht nicht mehr. Rikkinen kannte die Gefahr, die vom süßen Versprechen des Schlafes ausging, wenn man völlig ausgekühlt war. Ausruhen durfte er nur in einem geschützten Unterschlupf.
Der Wind blies eisiger, die Flocken wurden kleiner. Noch war es nicht vorbei. Rikkinen stand auf, kämpfte sich weiter vorwärts und versuchte, sich mit sarkastischen Gedanken aufzumuntern
Nun bin ich die lyamit-Schamanin wohl endgültig losgeworden. Und den Pelzkopf ebenso.
Doch irgendwie verspürte Rikkinen beim Gedanken an Dreikralle fast so etwas wie Bedauern und nicht die erhoffte Befriedigung, die ihn weiter durch den Sturm tragen sollte.
Rikkinen wusste nicht, wie lange er nun schon durch das Unwetter lief. Der Schneefall hatte nachgelassen, aber seine Füße trugen ihn weiter, einfach weiter. Irgendwann erblickte er einen Schatten hinter dem Vorhang aus Schneeflocken. Der Schatten war groß, er bewegte sich nicht.
Ein Jurtunar!
Eine Welle der Energie strömte durch den jungen Jäger. Doch als Rikkinen den dunklen Flecken erreicht hatte, er- nüchterte ihn der Anblick: Er stand vor einem der hochrädrigen Wagen, in denen die Norbarden auf ihren Handelsfahrten lebten.
Der Wagen war vollkommen eingeschneit, und nur an wenigen Stellen konnte man die Bemalung des Gefährtes überhaupt noch erkennen. Rikkinen pochte kräftig an die Seitenwand, weniger aus Höflichkeit, sondern um den Schnee abzuklopfen und den Eingang zu finden.
Dann stöhnte er leise. Hier gab es keine Tür, nur ein Fenster. Er quälte sich weiter. So kurz vor dem ersehnten Ziel schienen seine Beine ein Stück schwerer geworden zu sein. Rikkinen umrundete den Wagen und legte auf der entgegengesetzten Seite endlich den schmalen Einstieg frei.
Es blieb still. »Ist denn keiner hier?«, fragte er matt. Er hatte auf Menschen gehofft, auf ein wärmendes Feuer und eine heiße Suppe. Doch wie es schien, war der Wagen leer.
Nur raus aus dem schneidenden Wind!
Die Türe war unverriegelt, aber festgefroren. Rikkinen brach den Einstieg mit Hilfe seines Messers auf und stieg den Wagentritt empor.
Das Innere des Fahrzeugs war dämmrig, das kleine Fenster zugeweht. Rikkinen zog die Türe zu und schob den Riegel vor. Er ließ sich fallen, um überhaupt zu Atem zu kommen. Der Boden verlief leicht schräg, vielleicht war der Wagen irgendwo eingebrochen.
Dann zwang sich Rikkinen wieder auf die müden Beine. Er musste die nasse Kleidung loswerden und für Wärme sorgen. Seit er aus dem Schneesturm heraus war, war die größte Gefahr zwar vorbei. Aber Rikkinen zitterte immer noch am ganzen Leib.
Es gab einen Metallofen, in dem noch warme Asche war. Einige Holzscheite lagen über den Boden verstreut. Rikkinen zog Handschuhe und Anaurak aus und feuerte das Öfchen wieder an.
Seine Zähne schlugen aufeinander. Hoffentlich war das Rohr nicht verstopft, sonst hatte er hier gleich alles voller Qualm. Doch die Flammen zogen besser als erwartet, und kurz darauf legte sich Rikkinen bibbernd auf einer der Lagerstellen zur Ruhe, in eine Decke gewickelt, die er dort gefunden hatte.
Als Rikkinen hochschreckte, war es bereits dunkel. Der Raum war inzwischen behaglich warm geworden. Was hatte ihn geweckt? Kamen die Besitzer des Wagens zurück?
Mit einem Kienspan entzündete Rikkinen eine Öllampe und blickte sich suchend um. Er hatte tief geschlafen, die Betäubung wich nur langsam von seinen Sinnen.
Etwas kratzte beharrlich außen am Wagen. Das hatte ihn wahrscheinlich aus dem Schlaf gerissen. Vielleicht war es der Wind, der irgendein loses Stück des Wagens bewegte. Aber dafür waren die Töne zu gleichmäßig. Rikkinen kam eine Ahnung. Ein Grinsen schlich sich in sein Gesicht, als er überlegte, sich unter der Decke zu verkriechen und den Besucher draußen stehen zu lassen.
Gähnend nahm er die Lampe und öffnete die Türe. Ein Schneeschauer traf ihn, dann sprang etwas an ihm vorbei in den Wagen. Doch ehe er die Türe schließen konnte, huschte eine weitere, schneebedeckte Gestalt hinein. Er legte den Riegel vor und drehte sich um.
Zwei nasse Wölfe saßen vor ihm auf den Hinterläufen. Dreikralle und ein anderes Tier. Offensichtlich war dieser Wagen keine Nivesenjurte und damit gut genug für die Wölfe, um einzutreten, dachte Rikkinen verbittert.
Er wischte sich den Schnee vom nackten Oberkörper und warf Dreikralle einen tadelnden Blick zu. Dann rieb er sich noch mal die Augen. Der andere Wolf trug zwei Packtaschen an einem Ledergeschirr über dem Rücken. Das hatte Rikkinen bisher nur bei den Hunden im Jurtunar gesehen, wenn sie auf der großen Wanderung einen Teil des Gepäckes tragen mussten. Aber das war gewiss kein Hund, sondern eine schlanke Wölfin mit rötlichem Fell.
Das Tier blaffte auffordernd und streckte den Rücken. Rikkinen begriff und schnallte die Last vom Rücken der Wölfin, halb überzeugt, zu träumen.
Dann hockte plötzlich eine nackte, junge Frau auf dem Holzboden, wo vorher noch der Wolf gesessen hatte.
Rikkinen wurde schlagartig wach. Die Schamanin der lyamit hatte ihn gefunden. Sie war splitternackt und er nur halb bekleidet. Was würde Sekjera wohl denken, wenn sie ihn so sah?
Verlegen drehte Rikkinen sich um und legte sich die Schlafdecke um die Schultern. Das sollte der Schamanin Zeit lassen, um sich etwas überzuziehen. Er spürte, wie ihm warm wurde. Schließlich bin ich ein verheirateter Mann!
Dann presste er die Lippen zusammen und wandte sich wieder Starna zu. Das hier hatte nichts von einer Liebelei an sich. Sie muss denken, ich hätte noch nie eine Frau gesehen. Wie lächerlich!
Die Schamanin schwieg. Das lange Haar klebte nass an ihren Schultern, während sie eine der zwei Packtaschen öffnete und Kleidung herauszog. Schnell hatte sie sich angezogen.
Nun kam sich Rikkinen mit der umgelegten Decke seltsam vor. Aber er würde sich nicht die Blöße geben, überhastet seine Blöße zu bedecken.
»Ich bin überrascht, dass du mich gefunden hast, Starna von den lyamit!«, begrüßte er die Schamanin.
»Und ich habe dir versprochen, ich würde dich finden, Rikkinen von den Hekkla.« Starna rückte näher an den Ofen und kämmte mit den Fingern durch ihre Haare, damit sie rascher trockneten.
»Wenn du damit keine Schamanengeheimnisse verrätst, würde ich...«, Rikkinen kratzte sich den Nacken.
»Ganz einfach«, unterbrach ihn Starna und deutete auf Dreikralle. »Mein Freund hat mir den Weg markiert und kam mir entgegen. Wir sind den Duftmarken gefolgt, nachdem sich der Sturm gelegt hat.« Sie knurrte etwas, und Dreikralle klopfte mit dem Schweif auf den Boden. »Und jetzt, nachdem er mich hergeführt hat, möchte Dreikralle jagen gehen.«
Die beiden hatten den Sturm abgewartet, natürlich. Sie hielten sich für etwas so viel Besseres als er. Dreikralle, weil er ein Wolf war, und Starna, weil sie sich in eine Wölfin verwandeln konnte. Und immer ihre Geheimgespräche! Zorn stieg in Rikkinen hoch. Er hatte es gehasst, wann immer sich Rejko mit den Wölfen unterhalten und ihn ausgeschlossen hatte. Die Wölfe erhielten stets die volle Aufmerksamkeit seines Vaters ...
Rejko! Rikkinen fühlte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg. Das hatte er ganz aus den Augen verloren.
»Was ist mit meinem Vater?«, wollte er wissen.
»Es geht ihm jetzt gut, ich ...«
Der Wolf trottete in Richtung Tür und fuhr dann knurrend herum. Rikkinen sprang einen Schritt zurück, prallte gegen die Wand des Wagens. Geduckt stand Dreikralle vor ihm, den Kopf vorgestreckt, die Lefzen hochgezogen, bis die blanken Zähne sichtbar waren.
»Laurerkacke!«, schimpfte Rikkinen. »Was ist denn los?«
Der Wolf schien wie von Sinnen. Er kratzte mit den Krallen über die Bretter und riss einige Holzsplitter aus dem schrägen Boden.
»Ganz ruhig, Rikkinen. Beweg dich nicht.«
Starna machte einige hastige Gesten, fuhr sich über die Oberschenkel und gab ein paar Wolfslaute von sich.
Es blieb einen Herzschlag lang völlig still. Dann antwortete ihr der Wolf.
Starna schien so gebannt zu sein, dass sie zeitgleich übersetzte: »Ist hier. Hrrarg! - Das Blut, der Fluch. Er. Dieb.«
Sie schluckte und interpretierte dann die Worte. »Dreikralle ist aufgebracht. Er spricht von einem Schicksal, das im Blut liegt. Er sagt, du bist der Dieb des Welpen!«
»Ich? - Ist ihm die Kälte ...« Beim Anblick des tobenden Wolfes brach Rikkinen ab.
»Er sagt, du riechst so sehr nach Goldglanz, wie es nur der Dieb kann.« Starna wurde ebenso bleich, wie Rikkinen gerade rot geworden war.
Dreikralle sprang in die Luft und jaulte. Er rückte noch näher an Rikkinen heran. Der kreuzte zur Verteidigung die Arme. »Sag ihm, ich war im Dorf, als der Welpe verschwand.« Beim Anblick des tobenden Wolfes schluckte Rikkinen. Er war unschuldig!
Während er sich an der Wand entlang langsam von dem geifernden Tier entfernte, rutschte die Decke von seinen bloßen Schultern. Mit einem Hechtsprung schnellte der Wolf los. Rikkinen warf sich zur Seite. Er spürte schon die Zähne des Rauhwolfes an seiner Kehle.
Doch Dreikralle hatte sich in die Decke verbissen.
»Deine Decke trägt die Witterung des Welpen. Das ist der Beweis«, übersetzte Starna mit erstickter Stimme.
Rikkinen hob abwehrend beide Hände. »Das ist nicht meine Decke. Sieh selbst nach, meine Schlafdecke ist noch am Tragegestell festgezurrt. Ich habe mich im Schneesturm verirrt und bin zufällig auf den Wagen getroffen. Es war niemand hier. Ich war erschöpft und habe gefroren, also habe ich mich in die erste Decke gewickelt, die dalag, und bin eingeschlafen.«
Starna warf ihm einen misstrauischen Blick zu, dann trat sie zu seinem Gepäck und überprüfte seine Worte. Natürlich hing Rikkinens Decke noch an ihrem Platz, doch Starna sah weiterhin skeptisch aus.
»Sag Dreikralle, er soll an der zusammengerollten Decke schnüffeln. Ich habe gestern damit meine Schutzhöhle zugehängt. Die Decke riecht bestimmt noch nach Kiefernharz und - nach dem Hasen vielleicht, den er mir heut Morgen vorbeigebracht hat.«
Langsam gingen Rikkinen die Vorschläge aus. Er begann zu schwitzen.
Nachdem Starna seine Worte übersetzt hatte, steckte Dreikralle die Nase in die Deckenrolle an Rikkinens Gepack. Dann lief er durch den ganzen Wagen, die Nase stets am Boden, bis er schließlich zurückkam. Der Wolf gab einige Laute von sich.
»Dreikralle sagt, die gerollte Decke riecht nach Kiefer und Rikkinens Schlafduft. Es sind einige Hasenhaare darauf. Die andere riecht nach Rikkinens frischen Schweiß, aber auch nach Goldglanz. Sie riecht jedoch ebenso nach dem Holz des Wagens und einem Fremden. Er sagt, deine Worte sind wahr.«
Rikkinen entspannte sich und ließ sich auf einer der Ruhebänke nieder. Er verstand die Aufregung des Wolfes, aber wieso hatte er ihn des Verbrechens verdächtigt?
Als Dreikralle auf ihn zukam und ihm die Pfote auf das Knie legte, zuckte Rikkinen erst zurück. Doch dann lauschte er Starnas Erklärung: »Dreikralle entschuldigt sich bei dir. Er sagt, dass ihr beide Jäger seid und dass Brüder sich vertrauen sollten.«
Rikkinen nickte. Aber die abgehackten Übersetzungen Starnas ging ihm nicht aus dem Kopf. Was war dieser Fluch, der im Blut lag?
»... und als dein Vater die Augen aufschlug, war er wieder vollkommen klar und der allen bekannte Rejko.«
Starna warf ein Holzscheit in den Ofen und schob die Klappe mit dem Schürhaken wieder zu. »Mach dir keine Sorgen um ihn. Als ich heute in Wolfsgestalt von eurem Dorf aufbrach, ging es sogar Lanan ein bisschen besser.«
»Aber was ist denn geschehen?«, wollte Rikkinen wissen. Der Schreck von vorhin steckte ihm wohl noch in den Gliedern, denn er vergaß ganz seine sonstigen spitzen Bemerkungen.
Starna zuckte die Achseln. »Das wusste Rejko selbst nicht. Wir haben uns kurz unterhalten, doch dein Vater war noch schwach vom Kampf gegen den Geist und mir ging es ebenso. Rejko berichtete mir, dass er den Ahngeist Eki gerufen und Lanan angewiesen hatte, sich für die Ankunft des Ahnen bereitzuhalten. Aber dann kam ein anderer Geist, eine dunkle Gegenwart, die Lanan nur kurz berührte und dann in Rejkos Leib fuhr wie der Blitz.«
Starna griff sich selbst an den Bauch. Erst bei diesen Worten wurde sie sich darüber klar, wie knapp sie selbst dem wütenden Ansturm des Geistes entronnen war. Unliebsame Erinnerungen erwachten. Sie sah wieder, wie sich Yassi vor ihren Augen in eine reißende Bestie verwandelte und ... Nein!
»Rejko wurde von der Wut des Geistes fast erdrückt, in den ersten Momenten sah er buchstäblich rot«, fuhr sie mit Rejkos Worten fort.
»Als er bemerkte, dass der fremde Geist seinen Leib benutzte, um Lanan anzugreifen, wehrte er sich gegen ihn. Aber erst die Ankunft von Tinjat lenkte den Geist soweit ab, dass Rejko ihn in einen Kampf verwickeln konnte.« Es war ein stilles Ringen gewesen, das beider Aufmerksamkeit band und dem Schamanen nicht mehr gestattete, seinen Körper irgendwie zu bewegen.
»Rejko ist sehr stark. Er konnte verhindern, dass der Geist auf einen anderen übersprang oder seinen Körper als Werkzeug benutzte.«
»Aber was war das für ein Geist?«, wollte Rikkinen wissen.
Taarjuk, flüsterte es in Starna, das musste Taarjuk gewesen sein. Doch sie scheute sich, den Namen des Bärengeistes auszusprechen, während sie ihn in einem Tongefäß bei sich trug. So als würde sein Name dem Geist Kraft und Wille zurückgeben. Sie musste ihn rasch loswerden, am besten vergraben, sobald die Schneedecke schmolz.
»Es war ein ungezähmter Geist der Zerstörung«, sagte sie nur.
Aber bei sich überlegte sie noch immer, ob das Erklärung genug war. Starna erinnerte sich an die dunkle Präsenz, die über dem Lager der Hekkla gelegen hatte wie eine Qualmwolke vom Totenfeuer.
Zum Glück fragte Rikkinen nicht weiter nach. Sie hatten ohnehin drängendere Fragen zu beantworten: »Weißt du, was das hier sein könnte?«, fragte sie den Hekkla.
»Was das sein könnte? Für mich sieht es nach einem Wagen der Norbarden aus«, antwortete Rikkinen, und in seine hellblauen Augen kehrte eine Spur der gewohnten Überheblichkeit zurück.
Starna schüttelte den Kopf. »Genau, es sieht für dich so aus. Weil es so aussehen soll«, sagte sie einen Ton schärfer, als angemessen.
Rikkinens Kopf ruckte bei dem angriffslustigen Klang ihrer Stimme hoch, aber sie machte eine beschwichtigende Geste. »Ich habe auf meiner großen Reise einige Tage bei den Norbarden verbracht. Ich kenne ihre Wagen von innen. Diese Kaleschka stammt vielleicht von Norbarden, aber hier haben keine gelebt.«
Starna beschrieb Rikkinen den Aufbau von Hillahs und Ribacs Wohnwagen. »Wo sind die Eckschränke mit Kleidern, die Sitztruhen mit Handelswaren oder Decken?« Sie zeigte auf das Seitenfenster und mahnte die fehlenden bunten Vorhänge an. »Hier ist nackter Holzboden. Aber wo ist der weiche Bilderteppich, wie ich ihn bei Hillahs Sippe in jedem Wagen gesehen habe?
Außerdem sitzen die Norbarden nicht auf Stühlen wie die Jänak. Aber wo kommt dann dieser Sitz her?« Starna deutete auf den Hocker, der zerbrochen im Wagen lag und dessen Einzelteile sie nun im Ofen verheizten. »Außerdem reisen Norbarden in der Sippe und nicht allein.«
»Du kannst viel erzählen. Schamanin. Ich traue lieber meinen Augen. Hier ist doch Handelsware«, sagte Rikkinen. »Oder vielleicht der Welpe?«, fügte er spöttisch an.
Rikkinen riss einen Ballen auf, der in einer Kiste im hinteren Teil des Wagens lag. Dann allerdings kräuselten sich seine Lippen vor Überraschung und Ekel. Starna kam mit der Lampe herbei und hätte sie beinahe vor Schreck fallen gelassen.
Zwischen einigen Lagen geölten Leders quollen ungegerbte Felle heraus. Wolfspelze.
»Das ist...« Die Bilder ihrer Vision liefen vor Starnas Augen ab, als wäre sie erneut in eine Trance gefallen. Die toten Wölfe, die Welle aus Blut. Sie zitterte bei der Erinnerung an die gehäuteten Wolfskörper auf der Ebene.
Jemand rüttelte sie an der Schulter, und der Bann fiel von Starna ab. »So etwas würden die Norbarden niemals tun«, flüsterte sie eindringlich. »Versteh doch, Rikkinen. Dieser Wagen muss einem anderen gehören.«
Der Hekkla musterte sie aus seinen gletscherfarbenen Augen. »Einem anderen also? Dann erkläre mir, wem!«
Die Müdigkeit der durchwachten Nacht holte Starna ein. Himmelswölfe, wurde dieser Hekkla mit Dachsmilch gestillt?
»Ich weiß genauso viel über diesen Wagen wie du. Sag mir, was denkst du über einen Karren mit zerbrochenen Hockern, einer Decke mit dem Geruch von Goldglanz und mit - Wolfsfellen?«
»Wer Wölfe jagt, der raubt auch Welpen«, folgerte Rikkinen selbstgefällig, doch mit zwingender Logik. »Ob Norbarde oder nicht.«
»Aber mitten im Nivesenland wäre es das Dümmste, was man tun könnte«, beharrte Starna. »Wenn nicht die Wölfe selbst den Dieb und Mörder erwischen, dann würden ihn die Nivesen bestrafen. Meine Sippe, deine oder eine andere.« Sie schaute sich im Wagen um. Seit dem Fund der Pelze war der gemütliche Unterschlupf ihr unheimlich geworden, sie fühlte sich selbst wie in einem großen, hölzernen Käfig gefangen.
»In dieser Jahreszeit kann man abseits der Straßen leicht einbrechen und stecken bleiben. Warum also sollte ein Norbarde hier unterwegs sein?« Der Einwurf kam von Rikkinen. Er kaute an seiner Unterlippe. »Wenn aber jemand nur vorgibt, ein Norbarde zu sein, so lohnt sich für ihn vielleicht die Mühe. Er kann damit rechnen, von allen freundlich begrüßt zu werden. Kein Fremder würde in einen Händlerwagen spähen. Der Dieb wickelt den Welpen in eine Decke oder sperrt ihn in eine Kiste, damit er nicht um Hilfe ruf... äh winseln kann!«
Starna war verdutzt über Rikkinens jähen Meinungsumschwung. »Wie kommst du darauf?«
»Weil ich genau das tun würde, wenn ich den Welpen gestohlen hätte.«
Starna wiederholte den Satz in Gedanken. Seine Aussage besänftigte ihr Misstrauen nicht gerade. »Erzähl weiter«, drängte sie. »Sag mir, was du mit dem Welpen tun würdest.«
Rikkinen setzte sich langsam hin. »Bleib ruhig«, sagte er. »Jetzt ist es sowieso zu spät, um den Dieb einzuholen. Außerdem kenne ich sein Ziel.«
Starna rieb sich die Augen und nahm gegenüber von Rikkinen Platz. »Also?«
»Dieser Wagen dient dazu, Beute ungesehen durch das Land der Nivesen zu transportieren. Wolfspelze zum Beispiel. Da der Dieb hier fremd ist, weiß er nicht, dass die Sippen der Norbarden noch im Winterlager verweilen.« Rikkinen stampfte auf die Holzbretter. »Dieser Wagen wurde in Eile zurückgelassen. Wieso sonst wurden die Wolfspelze vergessen?«
»Aber was will der Dieb mit Goldglanz?« War der Welpe am Ende bereits tot?
Rikkinen fletschte die Zähne wie ein hungriger Wolf. »Hat man einen Welpen mit goldenem Fell, muss man ihn nur in Sicherheit bringen, bis ein großer Wolf daraus wird. Dessen goldenes Fell ist mehr wert als das jedes Wolfsjungen.«
Starna nickte und verfolgte den Gedanken weiter. In Gefangenschaft konnte man so ein ganzes Rudel goldfarbener Wölfe züchten. Ja, das traute sie den Jänak zu.
»Und wohin flüchtet der Dieb?«, fragte sie. »Weißt du das auch so genau?«
Rikkinen schob ein Bein unter das andere, um sich bequemer hinzusetzen. »Er reist zur Straße und von dort weiter an die Küste von Riva.«