16. Kapitel
Starna schlüpfte noch vor Morgengrauen aus ihrer Decke. Leise, damit Rikkinen nichts davon bemerkte, schulterte sie die Tasche und schlich Richtung Wald.
Wenn er aufgeben wollte, gut. »Ich brauche keinen Reisegefährten«, sagte Starna trotzig zu sich selbst, als sie zwischen die Bäume stiefelte. Was dachte er sich eigentlich? Auch wenn man sie ›nur‹ dazugebeten hatte, war ihr das Schicksal des Wolfes mindestens ebenso wichtig wie Rikkinen. Vielleicht sogar wichtiger!
Dichter Nebel lag wie eine zweite Schneedecke über dem Waldboden. Starna sah nicht, wohin sie trat. Sie spürte nur, wie der Harsch unter ihren Füßen knirschte, ertastete Äste und Steine durch die weichen Sohlen ihrer Stiefel.
Es war still und die Morgenkälte kroch unter Starnas Kleidung. Ihr fröstelte. Wanderten die Geister der unbestatteten Pelzjäger hier ruhelos umher?
Vorbei an dem äußeren Wall aus Unterholz und Gestrüpp, zwischen dessen dürren Ästen sich Nebelfetzen fingen, geriet sie tiefer in den Wald. Die Bäume tauchten aus dem Zwielicht auf wie schweigende Riesen.
Leise tropfte Schmelzwasser von den Ästen. Vereinzelt kam Schnee ins Rutschen und schlug dumpf auf dem Boden auf. Der Nebel wurde dichter. Feuchter Dunst dämpfte alle Geräusche und überzog Starnas Gesicht und Haare mit feinen Tröpfchen. Endlich hatte sie eine kleine Lichtung ganz nach ihren Vorstellungen gefunden. Sie legte die Tasche an einem Baum ab und breitete die Decke aus.
Ein Schatten löste sich aus dem Nebel. Heißer Atem traf ihr Gesicht. Starna erschrak und riss den Arm hoch. Sie schrie auf, wich zurück. Doch der Schatten folgte ihr mit gebleckten Zähnen. Formen schälten sich aus dem Dunst.
Große Nüstern, ein langer Schädel mit Mähne, dunkle Augen wie Kohlen im Schnee.
Starna seufzte erleichtert und entspannte sich.
Es war nur ein Pferd, dessen graues Fell in der Dämmerung mit dem Nebel verschmolzen war. Vermutlich hatte es den Pelzjägern gehört und war herbeigelaufen, um die Nähe eines Menschen zu suchen.
Geduldig ließ Starna die Liebkosungen des Tieres über sich ergehen, dann schob sie das weiche Maul entschieden fort.
Langsam trottete das Tier davon und verschwand wieder zwischen weißen Wolken.
Immer noch klopfte Starnas Herz wie verrückt.
Sie beruhigte sich erst langsam durch die Vorbereitungen auf das Ritual, als sie Säckchen bereitlegte und Zauberutensilien ausbreitete. Die gewohnten Handgriffe in der überlieferten Reihenfolge kannte sie auswendig. Trotzdem baute sich mit jeder Geste und jedem Kopfnicken mehr und mehr erwartungsvolle Spannung auf.
Bis Starna mit der Knochenkeule zwischen den in den Schnee gemalten Schutzsymbolen und Opfergaben da-hockte, war sie hoch konzentriert. Sie stimmte das Lied der Geister an. Sie rasselte mit der Schamanenkeule im Takt und rief die niederen Geister herbei. In ihren eigenen Gesang eintauchend, schloss sie die Augen. Klänge spülten durch ihre Glieder.
Als sie tief in sich die Wärme spürte, der Pulsschlag ruhig wie eine Trommel ging, da befahl Starna den Wind zu sich. Sie verstummte jäh und streute eine Hand voll Schneehuhnfedern in die Luft. Der Windgeist würde sich in ihnen manifestieren, und Starna konnte ihn anweisen, ihr die Spur des Flüchtlings zu zeigen.
Doch anstatt eine Gestalt zu bilden und mit dem Wind zu tanzen, sanken die Daunen zu Boden wie totes Laub.
Starna vernahm ein Brüllen hinter sich und riss die Keule hoch.
In diesem Moment umfing sie die Schwärze eines gigantischen, aufgerissen Mauls.
Rikkinen wurde wach. Er war froh, die schrecklichen Träume abschütteln zu können. Immer wieder war ihm Dreikralle erschienen und hatte ihn mit vorwurfsvollen Blicken bedacht. Eine lange Reihe Wölfe stand hinter ihm, aufgereiht wie zur Schlacht, und sie bildeten eine Linie bis zum Horizont.
Ihre Augen brannten sich in Rikkinens Seele, und als er sich schmerzerfüllt abwandte, da wurden ihre Pupillen riesig und leuchteten wie grüne Monde. Das Madamal selbst stand auch am Himmel und war von einem blutigen Schleier überzogen. Es starrte ihn an wie ein ganz eigenes Auge.
Irgendwann hatte er geglaubt, einen Schrei zu hören, schrill, aber weit entfernt. Gehörte der noch zum Traum?
Rikkinen wälzte sich herum, noch nicht bereit, sein warmes Lager zu verlassen und gegen einen Gang durch die Kälte zu tauschen. Grässlicher Traum! Das letzte Mal hatte er als Kind von den feindseligen Wölfen geträumt. Wieso tauchte dieses Nachtgespinst ausgerechnet heute wieder auf?
Dreikralle. Natürlich, es lag an Dreikralles Tod.
Augenblicklich wurde Rikkinen munter. »Laurerkacke«, fluchte er, als er den leeren Schlafplatz gegenüber des Feuers erblickte. Starna war verschwunden und hatte ihr Gepäck mitgenommen. Also war sie wirklich ohne ihn aufgebrochen.
Alleine kann Starna es nicht schaffen.
Ihm wurde mit einem Mal bewusst, dass er sie tatsächlich bei ihrem Namen nannte und nicht immer nur als Schamanin an sie dachte. Wann hatte das angefangen?
Rikkinen grub sich die Fingernägel in den Handballen, bis es schmerzte. Wie töricht von ihm, sie als Mensch an sich heranzulassen. Es war leichter, wenn er unangreifbar blieb. Wenn er andere Menschen von sich fern hielt. Aber er hatte seine Deckung einmal zu oft gesenkt. Nicht nur der Wolf, sondern auch die Schamanin waren zu einem Teil seiner Welt geworden.
Immer noch stand er mit gesenktem Kopfe da, dann schrie eine Krähe und Rikkinen erwachte jäh aus seiner Versunkenheit. Besser, er machte sich jetzt gleich auf den Weg. Dann hatte er es hinter sich.
Rikkinen raffte die Decke zusammen und packte alles in lange geübter Gewohnheit auf das Tragegestell. Essen würde er unterwegs. Im Moment fühlte sich sein Magen wie zugeschnürt an.
Er folgte dem Verlauf des Tals, das im ersten Morgenlicht verheißungsvoll glitzerte. Doch die schrägen Sonnenstrahlen hoben auch den aufgehäuften Schneehügel aus dem Schatten, den blutigen Schnee und die Körper der Pelzjäger.
Während Rikkinen an ihnen vorbeimarschierte, lief es ihm kalt über den Rücken. Er hatte noch keinen Leichnam gesehen, der länger als einige Stunden dagelegen hatte. Die Toten seines Stammes wurden noch vor dem nächsten Sonnenuntergang verbrannt, egal wie viele Leute dafür Brennmaterial suchen mussten. Es war ein Gesetz aus alter Zeit. Und selbst die trauernden Angehörigen schufteten lieber bis zur Erschöpfung, als einem der Ihren das Feuer zu verweigern, das seine Seele ins Jenseits trug.
Rachedürstende Geister und unruhige Seelen lockten den Überzähligen an, den schwärzesten aller bösen Geister.
Rikkinen erschauderte in einem Rest kindlichen Aberglaubens. Wenigstens konnte er die Gesichter der Menschen unter den Fellmasken nicht erkennen.
Sie haben sich wie Tiere gekleidet, also enden sie auch wie Tiere, dachte Rikkinen und versuchte, die unbehaglichen Gedanken über böse Geister abzuschütteln. Aber trotz allem war er froh, als er diesen Teil des Wegs hinter sich gebracht hatte.
Nein, da war noch einer dieser Jäger, dicht am Waldrand. Sein Rücken war blutüberströmt und ... Rikkinen kniff die Augen zusammen. Plötzlich bebte der zusammengesunkene Körper. Rikkinen fuhr zusammen, und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte sich schon halb zur Flucht umgedreht, als er die langen, roten Haare erkannte, die über den Rücken der Gestalt flossen. Ein Arm schoss in die Höhe, und Rikkinen sah ein Messer blitzen.
»Starna«, rief er und rannte herbei.
Die Schamanin der lyamit warf sich herum und schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Ihr Blick ging durch ihn hindurch, und das Messer glitt im Bogen auf ihren entblößten Arm hinab. Ehe sie sich selbst weiter verletzen konnte, fiel Rikkinen ihr in den Arm. Dann verdrehte er ihr Gelenk so, dass Starna das Messer aus der Hand rutschte.
Sie schnaubte empört und beäugte ihn wie einen Fremden.
Als er seinen Griff lockerte, riss sie sich los und sackte ein Stück zurück. War die Schamanin von Sinnen? Ihr Gesicht war schweißüberströmt und verzerrt. »Ich bin es, Rikkinen!«, rief er.
»Verschwinde von hier. Du wolltest doch gehen!«, stieß sie zwischen den Zähnen hervor. Ihre Brust hob und senkte sich rasch. Sie war atemlos vor Aufregung.
»Was ist geschehen?« Er hätte sie gerne geschüttelt, damit sie zur Vernunft kam. »Komm erst mal mit und beruhige dich.«
»Der Geist. Er war da!«, stammelte sie.
Rikkinens Stimme wurde sanft. Er sprach zu ihr, wie er zuletzt zu seinem fiebernden Sohn geredet hatte. »Es ist alles in Ordnung.« Er kniete sich neben Starna in den Schnee und schob das Messer aus ihrer Reichweite. »Hier ist niemand außer uns beiden.«
»Das denkst du vielleicht. Erzähl mir nichts von Geistern! Es geht mir gut.« Starna presste die Hand auf ihre Wunde. Blut quoll zwischen den Fingern hindurch und tropfte in den Schnee.
»Du solltest dir mal selbst zuhören. Was machst du da?«, fragte Rikkinen.
Starna atmete hörbar aus. »Schamanengeheimnisse gehen nur mich etwas an«, sagte sie, doch sie klang schon bedeutend ruhiger. »Ich rate dir, diesen Ort rasch zu verlassen. Der Wald ist nicht geheuer.«
»Warum bleibst du dann hier, Starna? Lass uns einen besseren Platz suchen. Sonst bleibe ich hier wie angewurzelt stehen, bis ich zu einem Teil des Waldes werde.« Plötzlich schauderte Rikkinen vor dem Sinn seiner Worte. Wenn nun wirklich...
Unwillkürlich schaute er zu den nebeldurchwirkten Bäumen. Was sollte dort schon sein? Wälder wie diesen hatten sie auf ihrer bisherigen Reise ein Dutzend Mal gefahrlos durchquert.
Oder?
Irgendetwas regte sich dort. Rikkinen sah genauer hin, aber die Bewegung huschte vor seinem Blick fort wie eine Forelle vor der Hand, die sie fangen wollte. Nun war seine Neugier erst recht geweckt. Er wandte sich zum Saum aus Sträuchern und verkrüppelten Birken, doch Starna sprang wie eine Wahnsinnige auf und versperrte ihm den Weg.
Aus den Augenwinkeln machte Rikkinen einen Schatten aus, der in der Deckung eines gestürzten Stammes wartete. Eine massige, doch gedrungene Gestalt. Ehe er genauer nachsehen konnte, zog Starna ihn fort.
»Gut«, sagte sie hastig, »gehen wir woanders hin!«
Rikkinen sah noch, wie der Schatten einen Arm ausstreckte, dann verschlang weißer Dunst den Schemen.
Sie gelangten zu dem Platz, wo die Steppenelfen gestern ihr Beratungsfeuer entzündet hatten. Der Nebel war in die Niederungen zurückgekrochen. Starna entspannte sich sichtlich.
Rikkinen beobachtete schweigend, wie sie den Schnitt genauer in Augenschein nahm. Die Wunde war oberflächlich und blutete schon nicht mehr. Starnas Verhalten ver- wirrte Rikkinen. Jetzt war vielleicht nicht der richtige Moment für Vorwürfe, doch es war der einzige Weg, der ihm einfiel, um sie in ihrem Zustand zu erreichen.
»Wir haben zusammen einen langen Weg zurückgelegt. Warum wolltest du ohne mich Weiterreisen?«
Starnas Gesicht war eine Maske aus Trotz. »Wir haben Schon wieder eine ganze Nacht verloren. Außerdem bin ich nicht fortgegangen - ich habe einen Windgeist beschworen, um den Welpen zu finden...«
Während sie erzählte, wurde Starnas Miene weicher. Rikkinen lauschte ihrem Bericht gebannt. Sie hatte ihm noch nie so viel über ein Ritual erzählt. Und sein Vater war mit Einzelheiten auch sparsam umgegangen. Wann immer er seine Schamanenkleidung trug, hüllte er sich in eine Aura des Geheimnisses - als gäbe es zwei getrennte Rejkos, den Vater und den Schamanen.
».. und dann war ringsum nur noch Schwärze.« Starna schluckte sichtlich.
Rikkinen biss die Zähne zusammen. Man musste kein Kasknuk sein, um bei dieser Beschreibung Angst zu bekom-men. Hatte Starna nicht erzählt, dass Rejko von einem bösen Geist in Besitz genommen worden war?
War vielleicht auch die Schamanin der lyamit diesem Geist zum Opfer gefallen? Das würde ihr seltsames Ver-halten erklären! Verstohlen betrachtete Rikkinen die Verletzung an Starnas Arm. Ein böses Wesen konnte Menschen zu Dingen zwingen, die sie ohne den üblen Einfluss nicht getan hätten.
Aber würde ein böser Geist Starna erlauben, offen darüber zu sprechen, wie sie angegriffen wurde?
Rikkinen schrak zusammen, als Starna nach kurzer Pause weitersprach. »Ich hatte keine Zeit, meine Hilfsgeister zu rufen. Nicht einmal Yassi konnte ich erreichen.« Jetzt glitzerten Tränen in Starnas Augen.
»Überall war Dunkelheit, so wie ein finsterer See. Ich habe mich mit aller Kraft zurückgeworfen und bin in meiner Trommel zurückgeschwommen. Aber als ich wieder Licht sah und zurück bei der Lichtung war, da bin ich nur noch gerannt. Meine Trommel, mein Gepäck. Es ist alles noch dort.«
Rikkinen hätte Starna nicht für schreckhaft gehalten. Etwas musste geschehen sein, das ihr tiefe Angst eingejagt hatte. »Aber warum hast du dich gerade verwundet?«, fragte er. »Ist gestern nicht genug Blut geflossen?«
»Ich wollte mich verwandeln, um in Wolfsgestalt den Welpen aufzuspüren. Bislang haben wir uns auf Dreikralle verlassen, aber nun...«
Starna musste vollkommen durcheinander sein. Jeder Nivese wusste doch, dass einzig Wolfskinder Schamanen werden durften. Und ein Wolfskind tauschte die Form mit angeborener Selbstverständlichkeit.
»Aber was hat dein verletzter Arm mit der Wolfsgestalt zu tun? Ich dachte, Schamanen sind Wolfskinder ...«
Für einen Moment durchbohrte Starnas Blick Rikkinen beinahe. Das gelbe Leuchten darin war beängstigend. Doch dann erlosch der Funke, und Starnas Schultern sackten herab.
»Ja, ich bin ein Wolfskind. Doch manchmal glaube ich ...« Starna brach ab. »Warum sollte ich mit dir darüber reden? Du willst den Welpen im Stich lassen. Und ich hatte geglaubt, dass du ... « Sie stockte.
»Was?«, fragte Rikkinen ungehalten. Zuerst machte sie ihn neugierig und dann enthielt sie ihm das Ende vor. »Was hast du geglaubt?« Seine Frage klang harscher als beabsichtigt.
Starna blieb ruhig. »Als du gestern meintest, dass Dreikralle dein Freund war, habe ich geglaubt ... gehofft, du hättest eingesehen, wie wichtig der Welpe ist.«
»Und was glaubst du nun?«
»Du bist zornig, weil du den Wolf nicht gefunden hast und willst deswegen umkehren. Der Welpe ist für dich nur ein - ein Beweis deiner großartigen Jagdkünste. Und wenn du deine Meisterschaft nicht beweisen kannst, gibst du eher den Preis auf, als dich geschlagen zu geben.«
Das saß!
»Ich, aber...«, stotterte Rikkinen. Sein Vater hatte ihn mit seiner Eitelkeit geködert, damit er die Suche antrat. Das stimmte.
Vielleicht hatte Starna Recht, was seine Ziele zu Beginn dieser Reise betraf. Aber genauso gut wollte er seinem Vater helfen. Und nun ... wie sollte er es nur erklären?
»Ich sehe keinen Weg mehr, die Spur zu finden. Selbst die Elfen haben ...«
»Ja, die Elfen haben sie verloren. Aber ihnen ist der Welpe gleichgültig. Denk nicht an die Elfen, denk an dich. Ich habe gesehen, wie du Fährten liest, und du bist wirklich gut darin.«
Das klang eher wie eine Anklage als ein Lob. Rikkinen wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte. Zumal Star-nas Worte von vorhin ihn getroffen hatten. »Vielleicht war meine Entscheidung vorschnell«, gab er zu.
Ja, verdammt, er war ein guter Jäger und Fährtenleser. Aber auch nur ein Mensch. Gestern war er müde gewesen, und der Tod von Dreikralle hatte ihm zugesetzt. »Es kann sein, dass ich übereilt aufgegeben habe«, gestand er ein.
Das Thema war ihm mehr als unangenehm. Er versuchte, davon abzulenken: »Aber was hat das mit deiner Gestalt zu tun? Warum verwandelst du dich nicht einfach in einen Wolf und stöberst die Spur des Welpen auf?«
Ein guter Konter. Er beobachtete zufrieden, wie Starnas Mund für einen Moment offen stand. Doch als er den Schmerz in ihren Augen las, tat ihm die Frage Leid.
»Ja, es ist so einfach, sich in einen Wolf zu verwandeln. Es ist so einfach, dass manche Wolfskinder Jahre brauchen, um die Verwandlung zu meistern.« Es schien, als bräche sich in Starna eine lang verborgene Verzweiflung Bahn. Sie lachte bitter. »Es ist wirklich einfach, wenn man sich ärgert oder Angst hat oder aufgeregt ist. Viel zu einfach.
Es passiert immer, wenn man es nicht gebrauchen kann, aber wenn man darauf angewiesen ist, dann ...«
»Willst du damit sagen, du kannst es nicht?« Rikkinen war verblüfft.
Starna drehte den Kopf beiseite, als bereiteten ihr diese Worte körperliche Schmerzen. »Ich habe als Yuikets Schülerin lange vergeblich geübt. Erst als ich meine Leute befreien wollte und zu Liska reiste, da flüsterte sie mir das Geheimnis zu. Aber manchmal, da gelingt es einfach nicht, so sehr ich mir die Verwandlung auch wünsche. Und dann ist es leichter, wenn ich ...«
Ah! Rikkinen begriff, was sie sagen wollte. Die Verwandlung kam manchmal ungerufen, das hatte auch Rejko schon erwähnt. In Notzeiten oder im Kampf. Und Starna hatte versucht, sich zu verletzen, damit ihre Wolfsinstinkte sie überwältigten und bei der Gestaltwandlung halfen.
Vielleicht war Starna wirklich besessen, wenn sie zu so einem Mittel griff. Oder verzweifelt.
»Ich verspreche dir, dass ich die Fährten prüfen werde!«, sagte er, halb um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, halb, um die Stimme zu ersticken, die ihn weitertrieb. »Du musst kein Blut vergießen oder versuchen, Dreikralle zu ersetzen!« Er war der Jäger, und es war gut, dass sie ihn an diese Tatsache erinnert hatte.
Starna schielte ihn schräg an, als würde sie seinen Worten keinen Glauben schenken. »So schlimm ist es nicht«, wollte sie abwiegeln. »Ich kannte mal einen Schamanen, der seinem Gott regelmäßig eigenes Blut opferte. Doch ich bin froh, dass die Himmelswölfe keine blutigen Menschenopfer fordern und Liska den Menschen wohlgesonnen ist.«
»Du hast Liska gesehen?«, fragte Rikkinen, und ein merkwürdiges Gefühl durchströmte ihn. Etwas zog mit einem süßen Schmerz an ihm, wie damals beim ersten Blick auf den neugeborenen Kerjuk.
Er liebte die Gottwölfe nicht. Und seit Kerjuks Tod hatte er sie oftmals verflucht. Doch bei Liskas Erwähnung durchfuhren ihn Schmerz und Sehnsucht gleichermaßen. Er wünschte beinahe, an Starnas Erlebnis teilzuhaben.
»Ja, sie ist ...« Starna stockte. »Sie war groß und klein zugleich. Ich hatte das Gefühl, sie von außen zu sehen, aber auch in ihr zu sein. Liska blieb nie lange stehen, sie tänzelte auf ihren Pfoten, denn wenn ihr Fuß den Boden zu lange berührte, veränderte sich dort die Landschaft.«
Beinahe wider Willen hing Rikkinen an ihren Lippen.
»Liska kannte sie alle, meine ganze Sippe. Sie wusste, wie Amuris ungeborenes Kind heißen würde, noch ehe Amuri es wusste! Sie nannte es nach meinem Ge..., nach meinem Weggefährten Yassi, der uns beistand, obwohl er selbst schon ein Geist geworden war.« Starnas Stimme wurde leiser, als verriete sie Rikkinen ein Geheimnis.
»Liska kannte nicht nur meine Sippe, sie kannte alle Nivesen! Als ich ihr in die Augen blickte, sah ich mich selbst. Und meine Eltern hielten mich an den Händen. Und die wiederum waren umringt von anderen lyamit und von Fremden, die ihnen ähnlich sahen, und von durchschei-nenden Gestalten in der Ferne. Und die Menschenmenge erstreckte sich so weit, wie meine Augen reichten. Da drehte ich mich um, und hinter mir, da standen Kinder, und noch weiter krabbelten Säuglinge. Und sie alle waren miteinander verbunden, wie ein Muster, das die Spinne in ihr Netz webt. Und Liska kannte alle beim Namen, und sie zeigte mir Hemuka, die Wolfsschwester, von deren Schicksal die Legenden unseres Stammes berichten.«
Starna seufzte. »Manchmal denke ich, dass ich unwürdig bin und Liska mir das Geheimnis der Verwandlung nur anvertraut hat, damit ich meine Sippe retten kann.« Dann presste sie plötzlich die Lippen zusammen, als hätte sie mehr gesagt, als sie eigentlich wollte.
Rikkinen schwieg. Es war eine ganz ungewohnte Erfah-rung für ihn, dass ihm jemand sein Herz ausschüttete. Aber es war ein gutes Gefühl. Starna schenkte ihm ihr Vertrauen und das wiederum löste bei ihm ein wohliges Empfinden aus. Es erinnerte Rikkinen an die Zeit, da er mit dem kleinen Kerjuk Laufen geübt hatte und Kerjuk sich mit wackeligen Beinen ohne Angst vor Zurückweisung in seine Arme gestürzt hatte.
Ihm wurde heiß und kalt.
»Mach dir keine Sorgen. Die Himmelswölfe achten die Menschen nicht auf diese Art«, spottete er mit bitterem Unterton. »Wir sind für sie nur Ameisen auf ihrem Pfad und ohne weitere Bedeutung.«
Rikkinen nahm Zuflucht zu seiner gewohnten Haltung, um dem Wechselbad der Gefühle zu entkommen, in das Starnas Bericht ihn gestürzt hatte. Doch die Worte klangen ihm selbst hohl. Außerdem halfen Starna seine Zweifel nicht weiter.
Rikkinen streichelte ihre Hand. »Vertrau dem Urteil deiner Lehrmeisterin, Starna. Du beherrschst die Verwandlung und bist ein Wolfskind. Eine unbegabte Schülerin hätte die Schamanin abgewiesen.«
Starna beachtete seine geringschätzige Bemerkung gegenüber den Gottwölfen nicht und zuckte die Schultern. Mag sein, verriet diese Geste, mag aber auch nicht sein.
Sie legte nachdenklich den Kopf schräg und seufzte. »Wir sollten warten, bis sich der Nebel verzogen hat, und dann nach den Spuren sehen. Ich brauche auch meine Trommel aus dem Wald zurück.«
Rikkinen stutzte. Wusste Starna genau, was sie da vorschlug? »Denkst du nicht, dass das gefährlich ist?«
»Wenn meine Seele nicht der Welt der Geister geöffnet ist, dann bin ich weniger verwundbar«, erklärte Starna. »Und außerdem kannst du mich ja begleiten, Jäger!«