11. Kapitel
Im Morgengrauen weckte Dreikralle sie aufgeregt.
Rikkinen rieb sich den Schlaf aus den Augen.
»Er sagt, er hat den Geruch von Goldglanz aufgespürt. Ganz in der Nähe«, übersetzte Starna und wehrte den zappeligen Wolf ab, der sie an den Ärmeln vorwärtszerren wollte.
Sie rafften ihre Habseligkeiten zusammen und brachen auf, ohne auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen. Dreikralle gebärdete sich wie toll. Er lief fünf Schritte vor und drei wieder zurück. Endlich kamen sie an eine Stelle am Straßenrand, wo das Gras niedergetrampelt war.
Zwischen den grünen Halmen des kräftigen Sumpfgrases lag Dung. Rikkinen beugte sich hinab und prüfte die Spuren. Mit der Hand maß er die Größe der Huf abdrücke.
»Einige Pferde waren hier - vier Pferde, würde ich sagen. Und, nun, tatsächlich könnte ein Welpe diese Losung hinterlassen haben.«
Der Wolf jaulte und stieß einen kurzen dumpfen Laut aus.
»Dreikralle meint, es ist der gestohlene Welpe seines Rudels«, erklärte Starna.
»Endlich!« Rikkinen rückte sein Gepäck zurecht und bedeutete Starna, sich zu beeilen.
»Jetzt haben wir ihn!«, stieß er befriedigt aus, als das Jagdfieber durch seine Adern strömte.
Er brach in einen Trott aus, während Dreikralle vorauslief.
Um die Mittagsstunde kam ihnen ein einsamer Reisender auf einem fahlbraunem Paavi-Pony entgegen. Auf Starnas Frage, ob er unterwegs jemandem begegnet war, gab er bereitwillig Antwort.
»Da kam vor einer Weile diese Gruppe von zwei Jägern mit einem Packpferd und einem Fährtenleser«, sagte der Mann und zügelte sein widerstrebendes Pony. »Sahen abgekämpft aus, die Tiere, nicht so frisch wie mein Hedding hier. Aber natürlich kann auch nicht jedes Pferd aus so guter Zucht sein. Hedding hat mich ein gutes Stück Geld gekostet...«
Starna nickte höflich und blickte immer wieder die Straße hinunter, als könne sie die Wolfsdiebe bereits sehen.
»Vier Pferde, drei Gegner«, murmelte Rikkinen ungeachtet des Fremden.
Dieser kämpfte noch immer mit seinem unruhigen Reittier, machte aber keine Anstalten, weiterzureiten. Der Reisende zog ein Tuch hervor und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. »Aber ich habe ...«
Dreikralle knurrte. Das Pony warf den Kopf hoch. »Könnt ihr diesen Hund vielleicht zurückrufen?«, unterbrach der Mann seinen Redefluss.
Rikkinen winkte ab und wollte weitergehen.
»Das ist kein...«, setzte Starna gerade zu einer Erklärung an, als Dreikralle vorschoss und das Pony in den Hinterlauf zwickte. Das Tier trat aus und fiel dann in einen wilden Galopp. Bald waren Ross und Reiter nur noch ein Fleck am Horizont.
»Guter Junge«, lobte Rikkinen den Wolf. »Wir haben keine Zeit mit Geschwätz zu verschwenden. Drei Diebe warten auf drei Jäger, sie wissen es bloß noch nicht! Gordask liegt ganz in der Nähe. Sie dürfen die Stadt nicht erreichen.«
Der Rauhwolf stieß ein Heulen aus, das Rikkinen verriet, dass er sehr wohl begriffen hatte, was auf dem Spiel stand.
Kurz vor Gordask entfernte sich die Spur von der Straße und zweigte ins Umland ab. Die Jäger folgten der Fährte, die sie schließlich zu einer Furt über den Oblomon führte. Starna kannte diesen Flussübergang, der in einer scharfen Kehre des Oblomon gelegen war. Zweimal im Jahr kamen die Stämme auf ihrer Herbst- und Frühjahrswanderung mit den Tieren hier vorbei. Unzählige Karene hatten die Uferböschung im Laufe der Jahre flach getreten.
In diesem Bereich des Flusses war das Wasser nicht annähernd so tief und reißend wie in der Hauptrinne. Über die Trittsteine im Fluss hatte man ein kräftiges Seil gespannt. Fußgänger konnten sich daran festhalten, damit die Strömung sie nicht von den Füßen riss. Die Methode funktionierte, solange kein Hochwasser herrschte. Aber jetzt, zur Zeit der Schneeschmelze, führte der Oblomon mehr Wasser als gewöhnlich.
Während Dreikralle geschickt durch den brausenden Fluss schwamm und nur ein Stück abgetrieben wurde, mussten Starna und Rikkinen bis zum Bauch durch das eisige Wasser waten. Vorher legten sie Schuhe und Hosen ab und wickelten sie zu zwei Bündeln zusammen, die sie auf ihre Rückentragen und Taschen banden.
Als Starna ins Wasser glitt, stockte ihr der Atem. Die Kälte schnitt jedes Gefühl in den Beinen ab. Doch langsam fanden ihre Füße festen Boden und sie tastete sich voran.
Sie flüsterte eine Bitte um Beistand an die Uonii, die Wassergeister. Im Frühjahr tollten sie besonders wild umher und lenkten die Fluten in Strudel und schäumende Wirbel. Der Strom presste Starna gegen das Lederseil. Ohne diese Hilfe wäre sie im schlammigen Flussbett ausgeglitten.
Rikkinen mit seinen langen Beinen war hier im Vorteil. Er konnte das Gleichgewicht leichter halten. Genau wie Starna hatte er den Saum des Anauraks in den Gürtel gesteckt, doch das Spritzwasser benetzte sein Oberteil trotzdem. Als er hinter der Schamanin aus dem Wasser stieg, klebte der Pelzbesatz nass am Oberleder.
Starna feixte. Sie beide sahen nicht viel besser aus als der triefende Wolf. Dreikralle schüttelte sich und schleuderte das Wasser aus seinem Pelz. Mit nassem Fell wirkte er ungewohnt mager.
Mühelos nahm Rikkinen die Spur der Pferde am schlammigen Ufer wieder auf.
Offensichtlich kannten die Pelzjäger diese Furt, und sie waren gewiss nicht zufällig darauf gestoßen. Umso seltsamer, denn auf der Höhe von Gordask gab es einen bequemeren Übergang.
Sie drückten das Wasser aus den Anauraks und trockneten sich oberflächlich ab, ehe sie wieder in Hosen und Stiefel schlüpften. Die Verfolgung ging weiter. Rikkinen schlug einen strammen Schritt an, der bald die letzte Kälte aus Starnas Gliedern vertrieb.
»Hast du schon einen Plan, wie wir den Welpen befreien sollen?«, fragte sie.
Rikkinen musterte sie argwöhnisch. »Weißt du mehr als ich? Wie soll ich planen ohne ...«
»Na, dann ist es ja gut!«, antwortete Starna und hatte Mühe, nicht patzig zu klingen. »Du solltest nur bedenken, dass wir zwar drei gegen drei sind, aber kaum Waffen haben!«
»Ich trage einen Speer, zusammen mit meiner Wurfkeule. Und du hast deine Zun-, die Geister, meine ich. Dreikralle hat immerhin spitze Zähne.«
Starna wurde langsam wütend. Sie umklammerte ihre Schamanenkeule am Gürtel. Weil der Platz in den Packtaschen begrenzt gewesen war, hatte sie ihre Waffen bei den Hekkla lassen müssen. So blieb Starna nur ihre Knochenkeule als Streitkolben. Doch bei dem Gedanken, das Artefakt im Kampf zu benutzen, wurde ihr kalt.
Ihre Lehrerin Yuiket hatte mit der Schamanenkeule um ihr Leben gekämpft, und am Ende war die Keule zerbrochen. Starna hatte die tote Yuiket damals gefunden. Un-gerufen traten die Bilder des zerstörten Lagers vor ihr geistiges Auge. Nein, das war Vergangenheit!
»Ich wollte dich nur daran erinnern, dass wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun bekommen«, sagte sie spitz.
»Jäger und Fährtenleser, hat der Geschwätzige gesagt.«
Rikkinen klang gelangweilt. »Wenn wir so weiterreden, sind wir atemlos, bis wir sie eingeholt haben.«
Starna presste die Lippen aufeinander. Ein Jäger war nicht unbedingt ein guter Krieger. Doch die Jänak besaßen eiserne Waffen. Starna hatte Thorwaler kämpfen sehen und sie wusste, welche Macht in blankem Stahl lag.
Leise seufzte sie. Alles würde sich nach dem Willen der Himmelswölfe fügen.
Bald kreuzten sie die Landstraße, doch die Verfolgten hatten einen anderen Weg gewählt.
»Sie reiten Richtung Tundra!«, stieß Starna verblüfft aus. Was wollten die Fremden in der unwirtlichen Landschaft, in der zu dieser Jahreszeit noch der Frost und die Fienlauki herrschten? »Du hast doch gemeint, dass sie in Gordask ihre Beute verkaufen wollen«, sagte sie mit einem Seitenblick auf Rikkinen. Der aber schwieg verbissen.
Vielleicht hatte sich Rikkinen einfach geirrt. Es wäre nicht das erste Mal.
Rikkinen ballte die Fäuste und legte einen Schritt zu, um Abstand von der Schamanin zu gewinnen. Die Verzögerung ärgerte ihn. Diese Flussüberquerung hatte Zeit gekostet und trotz aller Vorkehrungen waren ihre Kleider nass geworden. Nun denn, sie mussten ohnehin in Bewegung bleiben. Sie waren den Dieben noch nicht viel näher gekommen!
Und nun machte diese Schamanin spitze Bemerkungen. Als wäre das Fährtenlesen eine Art von Wahrsagerei!
Wenigstens war seine Aufgabe inzwischen einfacher denn je. Die Landschaft änderte sich, während sie weiter nach Nordost wanderten. Die bewaldeten Flächen wurden schmaler und seltener. Das Land zeigte sich von seiner kargen, schneebedeckten Seite. Unter diesen Umständen war es ein Leichtes, die Spuren der Reiter zu verfolgen.
Rikkinens Körper war angespannt wie eine Bogensehne, und er zwang die müden Beine vorwärts. Starna und er hatten sich kaum Ruhepausen gegönnt, sodass die Verfolgung langsam auch an ihren Kräften zehrte. Hinter der Landstraße entdeckte Rikkinen einen Haufen Pferdeäpfel; er dampfte noch in der kalten Luft. Dreikralle schnüffelte mit Hingabe daran.
»Was machen wir, wenn wir die Diebe erreicht haben?«, fragte Starna von hinten. Dreikralle löste sich von der fliegenumsummten Hinterlassenschaft des Pferdes und blickte Rikkinen herausfordernd an.
»Ich dachte daran, ihre Pferde zu vertreiben und sie damit abzulenken. Dann können wir vielleicht an den Welpen herankommen.«
Starnas Gesicht hellte sich auf und Rikkinen stutzte. Was hatte sie denn gedacht, was er vorhatte? Eigentlich sollte er Starna die ganze Sache überlassen. Schließlich lag den lyamit Diebstahl und Viehräuberei im Blute!
Rikkinen verzog den Mund zu einem breiten Grinsen.
Er musste gar nichts sagen, denn bei seiner Miene zog Starna die Augenbrauen zusammen.
»Ehe wir uns anschleichen, werde ich einen Geist als Kundschafter rufen. Dreikralle kann sich dann bestimmt um die Pferde kümmern.« Ihre Stimme klang angespannter als sonst.
Der Wolf ist sicher williger als die Geister, dachte Rikkinen und erinnerte sich an die erfolglose letzte Beschwörung der Schamanin. »Ich bevorzuge da etwas Handfesteres. Hast du noch andere Waffen als diese Keule und dein Messer dabei?«
Starna schüttelte den Kopf. Sie drückte die Schamanenkeule an sich, als hätte er gerade versucht, sie ihr fortzunehmen. »Aber ich habe scharfe Zähne, wenn es drauf ankommt!« In Starnas Augen loderte ein gelber Funke.
Natürlich, die Verwandlung! Starna war ja ein Wolfskind. Rikkinen reichte ihr seine Wurfkeule. »Nimm lieber eine Waffe. Ich brauche jemanden mit Armen an meiner Seite.«
Er nickte zu Dreikralle. »Und der Pelzkopf kann sich dann als vierbeiniger Retter betätigen und den Welpen am Nackenfell aus der Hand der Entführer tragen.«
Dreikralle tat, als habe er nichts gehört. Aber einen Moment, nachdem Rikkinen das gesagt hatte, stieß der Wolf seinen Kopf unter Rikkinens Anaurak und kniff ihn in eine sehr intime Hautstelle. Starna prustete vor Lachen.
»Pass auf, Schamanin, damit du nicht ausrutscht und auf dem Hinterteil landest«, flüsterte Rikkinen gereizt.
Die Frühlingssonne glitzerte auf dem Schnee, und Rikkinen schirmte geblendet die Augen ab. Nur gelegentlich wendete er den Blick zum Boden, um die Spur zu sehen. Rikkinen hatte sich gegen das gleißende Licht etwas Asche um die Augen gerieben, das verhinderte das Schlimmste. Und bei der Betrachtung der ausgemergelten Grasbüschel und Erdhügel, die aus dem Schnee ragten, ruhte er die Augen aus, damit sie für die Spur frisch blieben.
Während der Wanderung fiel Rikkinen in eine Art Trance. Er kniff die Augen zu, verdrängte das Ziehen in den Muskeln und den knurrenden Magen. Schritt vor Schritt.
Dreikralle lief nebenher wie ein treuer Hund. Die Zunge hing über sein prachtvolles Gebiss, während er Lauf vor Lauf die Straße entlangtrabte. Auch ihn schien die endlose Jagd allmählich zu ermüden. Doch plötzlich knurrte der Wolf, und sein Nackenfell sträubte sich.
Rikkinen hielt den Atem an, um zu lauschen. Aus einer Senke, im Schatten des nächsten Hügels, erklang Knurren und Fauchen. Kampfgeräusche. Rikkinen zwang die schweren Beine zum Laufschritt. Zeitgleich mit Dreikralle und weit vor Starna hatte er die Senke erreicht. Rikkinen blieb stehen, warf einen Blick hinein und marschierte dann gleichgültig weiter.
Keuchend näherte sich Starna dem Kampfplatz, aber sie konnte zunächst nichts erkennen. Auf dem Hügel streckten drei Birken die zierlichen Äste dem Himmel entgegen. Die Bäume wiegten sich im Wind, anmutig wie Tänzerinnen. Am Grund der Senke wucherten ein Schlehdorn und eine ausladende Kriechföhre, die sich bis über den Rand zogen und die Anhöhe bedeckten, als hätten die Birkentänzerinnen dort ihre Schleier abgeworfen.
Das Buschwerk verbarg das Geschehen und Starna sah nur schattenhafte Bewegungen. Erst als sie mit ausladenden Schritten noch näher kam, wurde die Situation allmählich deutlicher.
Im weißen Winterpelz fast unsichtbar gegen den Schnee, hockten vier Schneelaurer und hatten eine kleine Gestalt an den Stamm der Föhre gedrängt. Ein Kind?
Starna sah ein rotes Leuchten um die Gestalt. Hatten die Naaku ihre Beute etwa schon blutig gebissen? Und warum kümmerte sich Rikkinen nicht darum?
»Hekkla, bleib doch stehen.«
Doch Rikkinen stapfte weiter, hob die Arme und ließ sie dann seitlich wieder fallen zum Zeichen, dass er gar nichts tun würde.
Dieser verdammte Sturkopf. Starna blieb in einer Schneewehe stecken. »Rikkinen, hilf mir. Da ist ein Ki...«
Das kleine Geschöpf am Baumstamm jammerte vor Schmerz und Angst. Zwei Schneelaurer näherten sich von der Seite, um das Opfer abzulenken, während ein dritter Naaku zum Angriff hochsprang. Ein Schmerzensschrei ertönte.
»Keine Angst«, brüllte Starna. »Ich komme.«
Die gedrungenen Schneelaurer huschten über den Talboden und veränderten ständig ihre Angriffsposition. Nicht umsonst hießen die angriffslustigen Tiere auch Weißschreck. Wenn man einen sah, war es bereits zu spät.
Durch die Lücke im Gehölz erblickte Starna nur noch einen Wirbel Weiß in hochstäubendem Schnee. Blutige Zähne und Krallen. Die Angstschreie des Opfers übertönten sogar das Fauchen der Naaku. Entschlossen legte sie die letzten Schritte zurück und fegte das Gestrüpp beiseite.
»Komm, Schamanin, das ist nur ein Goblin«, rief Rikkinen ihr über die Schulter zu.
Starna schob die Äste aus dem Weg und erkannte ihren Fehler. Sie hatte das kleinwüchsige Wesen mit einem Kind verwechselt. Was sie für ein Kleid oder Blut gehalten hatte, war in Wirklichkeit der Pelz eines Goblins.
Das platte, gefurchte Gesicht des Geschöpfs war vor Angst verzerrt, und die dunkleren Flecke in seinem Pelz waren tatsächlich Blut. Bei diesem elenden Anblick kehrte Starnas Mitgefühl zurück. Auch wenn es nur ein Goblin war, so war es doch ein Lebewesen, das Schmerz empfand und gleich grausam sterben würde.
»Wir können ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen«, rief sie Rikkinen zu, der sich schon ein ganzes Stück weit entfernt hatte. Dreikralle ließ sich von ihrem Tonfall überreden und trottete zurück. Immerhin blieb Rikkinen stehen und wandte sich wieder um.
Goblins waren nicht gerade Freunde der Nivesen. Sie verletzten mutwillig Karene, um sie zu Fall zu bringen und zu töten. Auch verschwanden auffällig oft Hunde, wenn Goblins in der Nähe des Lagers gesichtet wurden. Sie stahlen, was ihnen in die Finger kam, oder zerbrachen Dinge, die zu schwer zum Mitnehmen waren.
Und doch verspürte Starna Mitleid mit diesem Geschöpf. Ein einzelner Goblin hatte keinerlei Chance gegen vier Schneelaurer.
»Was ist, wir müssen weiter«, rief Rikkinen.
Natürlich, die Entführer des Wolfswelpen waren nicht mehr weit voraus. Aber dieser Goblin war hier und jetzt dem Tode geweiht.
Starna erinnerte sich an ein anderes, grob gefügtes Gesicht - an den alten Orkschamanen Rezzal, mit dem sie eine Zeit lang gereist war. Sie hätte nie gedacht, dass die grausamen Orks überhaupt Kontakt zu den Geistern hatten.
Doch letztlich hatte Rezzal sie und Yassi geschont, ganz anders, als es ihm die blutrünstigen Riten seines dunklen Gottes vorschrieben.
Ohne es zu merken, ergriff Starna bereits die Wurfkeule, die Rikkinen ihr überlassen hatte. Mit Schwung schleuderte sie die Waffe auf einen sprungbereiten Schneelaurer. Auf kurze Distanz konnte die Keule ihre volle Wucht noch nicht erreichen, doch für den Naaku genügte es. Betäubt sank das Tier zu Boden.
Dreikralle fuhr zwischen die übrigen Schneelaurer wie der Blitz, Blut färbte den Schnee rot, und es war nicht das Blut des Wolfes. Doch der letzte Weißschreck warf sich mit gebleckten Zähnen herum und wählte den Wolf als Ziel. Dreikralle, vom Angriff auf den anderen Schneelaurer abgelenkt, entging die Gefahr. Fauchend wie ein Säbelzahntiger krallte sich der Schneelaurer an den Wolf und schnappte nach seiner Kehle.
Starna zückte die Knochenkeule und tat einen Schritt, um Dreikralle beizustehen. Doch in diesem Moment stürmte ein Schatten vor, stieß sie zurück und etwas sauste, schneller als das Auge folgen konnte, in die Senke.
Von dem Speer in den gefrorenen Boden genagelt, zappelte der Schneelaurer noch ein wenig und starb dann. Rikkinen sprang in die Kuhle, schnitt dem betäubten Naaku die Kehle durch, trat dann auf den Balg des anderen Tieres und zog seinen Speer heraus.
Starna stand wie vom Donner gerührt da.
Rikkinen drehte sich zu Dreikralle um. Er musterte den Wolf kurz und wischte dann seinen Speer am Fell des getöteten Schneelaurers ab. »Schade um den schönen Pelz«, hörte sie den Hekkla knurren.
Während Rikkinen in der Senke beschäftigt war, drückte sich der Goblin zitternd ins Gebüsch. Sein Blick flog hin und her, suchte einen Ausweg. Aber er saß in der Falle.
Doch kaum verließ Rikkinen den Kampfplatz, da steckte der Rotpelz den Kopf hervor und starrte Starna an. »Schamanin gut«, stammelte er. Sein Gesicht verzog sich und Starna glaubte darin eine Mischung aus Freude und Ehrfurcht zu lesen. »Schamaninmutter rettet Surg.«
Starna nickte verlegen. Ohne Dreikralle und Rikkinens Hilfe wäre der Kampf nicht so schnell vorbei gewesen. Doch der Goblin schien weder die Beteiligung des Wolfes noch die des Jägers zu würdigen. Unentwegt blickte er Starna mit offenem Mund und aufgerissenen Augen an.
Sein Verhalten war Starna unangenehm.
Und damit schien sie nicht die Einzige zu sein.
»Jetzt müssen wir weiter«, sagte Rikkinen mit ausdrucksloser Stimme. »Wir haben genug Zeit verloren.«
Starna steckte die Keule fort und stapfte zu ihm hoch, froh, den bewundernden Blicken des Goblins entrinnen zu können.
»Ohne dich hätten wir es nicht geschafft«, dankte sie dem Hekkla.
»Zumindest hättet ihr noch mehr Zeit verplempert«, meinte Rikkinen mürrisch und schob den Unterkiefer vor.
Starna fiel auf, wie er den Wolf abermals besorgt musterte. Das lohfarbene Brustfell von Dreikralle war blutverkrustet, wo der Schneelaurer die Krallen in das Fleisch des Wolfes geschlagen hatte.
Der Wolf hob die blutigen Lefzen und stieß ein paar bellende Laute aus. »Dreikralle geht es gut. Er hat nur einige Kratzer«, übersetzte Starna. »Das meiste Blut stammt von den Laurern.«
Rikkinen wandte den Kopf ab. Aber Starna durchschaute ihn. Er wollte verbergen, dass ihm das Schicksal des Wolfes nicht gleichgültig war. Das war doch nichts, wofür man sich schämen musste! Was war nur mit diesem Hekkla los?
Aus dem Augenwinkel sah Starna eine Bewegung und fuhr herum, die Hand diesmal am Messer. Wie ein ängstliches Karen-Kalb fuhr der Rotpelz zurück. »Surg mitkommen. Schamaninmutter begleiten.« Bettelnd hob er die Hände.
»Nein«, wehrte Starna ab. »Wir können dich nicht gebrauchen. Verschwinde zu deinem Volk.«
Als der Goblin keine Anstalten machte, von Starnas Seite zu weichen, zückte Rikkinen den Speer und wog ihn in der Hand.
»Hau ab!«, brüllte er so laut, dass Starnas Ohren zu klingeln begannen. Schneller als ein Schneelaurer huschte der Goblin ins Gebüsch zurück. Starna nickte Rikkinen zu. »Und jetzt weiter.«
Schon kurz darauf bemerkte Rikkinen, dass ihnen jemand folgte. An Starna gewandt meinte er: »Jetzt läuft uns dieser Goblin hinterher. Da siehst du, was du angerichtet hast.«
Starna reckte trotzig das Kinn vor. »Du hättest ihn einfach sterben lassen. Natürlich sind die Goblins eine Plage. Aber es sind auch Lebewesen, wie wir ...«
»Lebewesen wie wir - hoffentlich nicht ganz«, murmelte Rikkinen und dachte: Solche hässlichen, kriecherischen Gesellen ... was für eine ungeheure Beleidigung!
Starna wurde zornig. »Du hast doch gehört, was er sagte. Er kannte Schamanen. Also wissen die Goblins um die Geheimnisse der Geisterwelt.«
Alles in Rikkinen drängte danach, ihrer Vermutung die entsprechende Antwort zu erteilen. Und wenn schon, selbst wenn sie die Geisterwelt kennen, so doch nur, um uns Menschen noch gründlicher schaden zu können.
Doch er schwieg. So nah am Ziel wollte Rikkinen weder Zeit noch Atemluft vergeuden.
Er versuchte, das leise Knirschen im Schnee nicht zu beachten, und den roten Schatten, der immer zur Seite huschte, wenn er sich umdrehte ... aber schließlich riss sein Geduldsfaden doch.
Sobald der Goblin ein wenig herangekommen war, bückte sich Rikkinen und schleuderte ihm scharfkantige Eisstücke entgegen. »Verschwinde, Rotpelz. Ich will dich nicht mehr sehen.«
Die Eisbrocken waren schlecht zu werfen und krachten weit vor dem Goblin zu Boden. Doch die Botschaft war angekommen. Der Rotpelz blieb stehen und blickte Starna traurig an, als erwartete er von ihr Beistand. Der Wind riss an seinem Pelz und den Stofffetzen, die er als Kleidung trug.
»Das war deutlich«, sagte Starna. Sie streckte die Hand aus und wies den Goblin abermals fort.
Ja, dachte Rikkinen, hoffentlich deutlich genug. Er hatte mit dieser störrischen Schamanin und dem widerborstigen Dreikralle schon genug um die Ohren.
Das Gelände wurde bergig. Durch die fleckige Schneekruste brachen waldbedeckte Hügel, hintereinander gestaffelt, als lägen pelzige Giganten dort zu einem Mittagsschlaf versammelt.
Die Pferdespuren führten in die Hügelkette. Eine Weile lang waren die Diebe im Zickzack geritten, als würden sie etwas suchen. Nun aber lief ihre Fährte zielgerichtet auf ein kleines Tal zu. Das wäre ein geeignetes Versteck, wo sie auch Schutz vor umschlagender Witterung fänden.
»Ich glaube, sie haben ihr Ziel erreicht. Wir sollten vorsichtig sein«, sagte Rikkinen. Sein Nacken kribbelte.
Die Schamanin nickte.
Solange das Land noch offen war, konnte sich auf der gleißenden Schneefläche niemand vor ihnen verbergen. Erst als zu ihrer Linken Wald auftauchte und zu ihrer Rechten der Hügel anstieg, tauschte Rikkinen einen weiteren Blick mit Starna. Auch Starna schien diese unübersichtliche Gegend nicht geheuer. Sie waren nun zwischen dem Wald und den Anhöhen gefangen. Der Durchlass war nur zehn Schritt breit, Felsauswüchse schoben sich bis zur Mitte des Wegs vor.
»Dieser Platz ist ideal für einen Hinterhalt«, murmelte Rikkinen in Starnas Richtung. »Wenn sie bemerkt haben, dass wir ihnen folgen, könnten sie hinter jedem dieser Vorsprünge lauern. Wie wäre es, wenn der Pelzkopf den Kundschafter spielt?«
Rikkinen erwartete Einwände der Schamanin, doch zu seinem Erstaunen sprang der Wolf bei den ersten Worten bereits vor. Dreikralle schlich leichtfüßig voran und nutzte jede Deckung, die der unebene Boden ihm hier bot. Rikkinen hätte es nicht besser gekonnt.
An einer Biegung verloren sie Dreikralle aus den Augen.
Die Zeit wurde ihnen lang, bis der Wolf zurückkehrte. Als er kam, leuchteten seine gelben Augen wie sein lichtes Fell. Er fiepte, kratzte im Schnee und jaulte zweimal leise auf.
Starna übersetzte: »Er sagt, der Weg hier ist frei bis zu einer... er nannte es gefangener Boden. Ich glaube, er meint einen Talkessel. Außerdem wittert er ein fremdes Rudel Wölfe und totes Fleisch.« Sie stieß angespannt den Atem aus. »Und der Welpe ist hier!«
Rikkinens Herz schlug schneller. »Dann sollten wir vorsichtig weitergehen. Sonst laufen wir den Dieben noch in die Arme.«
Sie schlichen längs der Hügelkette bis zum Talkessel.
»Es riecht nach Rauch«, meinte Starna aufgeschreckt. Dreikralle spitzte die Ohren und stand stocksteif wie das steinerne Abbild eines Wolfes.
Rikkinen rann ein kalter Schauder über den Rücken. »Das gefällt mir gar nicht«, sagte er, und drückte sich tiefer hinter das Gehölz.
Da hörten sie Jaulen und aufgeregtes Bellen. Aus dem Wald vor ihnen preschte ein Rudel Wölfe auf den Talkessel zu. Dahinter rannten zwei riesige zottige Ungetüme. Hauer ragten aus den gewaltigen blutroten Mäulern wie Messer. Äste krachten unter ihren großen Pranken. Sie hatten keine Schwänze, nur Stummel, aber sie liefen auf vier Beinen. Hunde, so groß wie Bären!
Sie zogen brennende Bälle, die Funken schlagend einen Flammenschweif hinter den Tieren bildeten. Pelzbedeck-te Zweibeiner hetzten johlend und mit kreisenden Armen daneben her.
Panisch sprengten die Wölfe in den Talkessel.
Noch ehe sie Zeit hatten, umzudrehen und einen Ausweg zu suchen, tauchten längs des Talkessels mindestens acht weitere Zweibeiner auf und blockierten den Ausweg aus der Falle. Ein Hagel aus Pfeilen und einige Speere sausten direkt in das Wolfsrudel hinein.
Zwei Dinge geschahen gleichzeitig, die Rikkinen nicht aufhalten konnte: Dreikralle stürmte auf den nächsten Angreifer zu, und aus Starnas Hand löste sich die Wurfkeule.
Rikkinen wollte die Schamanin zurück in Deckung ziehen. Doch genau wie der Wolf sprang sie flink auf und stürzte sich nur mit dem Messer bewaffnet in den Kampf.