Скрипториум Авентурис

20. Kapitel

Starna ließ sich unter den ausladenden Kieferzweigen nieder. Es war gar nicht so einfach gewesen, in der offenen Steppe einen guten Platz für das Ritual zu finden. Sie war zwei Stunden in die zunehmende Dämmerung hineingelaufen, bis sie diese Baumgruppe entdeckt hatte.

Es waren drei nebeneinander stehende Kiefern, zur einen Seite hin kahl, zur anderen mit dichten Zweigen bedeckt, als wären die Äste inmitten eines peitschenden Sturms stehen geblieben. Und tatsächlich hatte wohl der Tundrawind die Zweige in diese markante Form geweht. Nicht in einem Augenblick, nicht an einem Tag, sondern in Jahren beständiger Mühe.

Unter den Bäumen war Starna vor dem Nieselregen geschützt. Dann und wann stäubte noch etwas Regen heran, fein wie Nebel, aber er störte weder sie noch das Feuer, das sie mit den harzigen Ästen entfachte. Ein kleines Feuer, nur eben groß genug, damit sie auf der Glut heiligen Rauch verbrennen konnte.

Langsam kroch die Nacht heran. Die Wolken rissen auf, und der Regen verebbte. Starna seufzte leise - es war so weit.

Eines nach dem anderen legte sie ihre Amulette ab und hob sie andächtig mit beiden Armen zum Himmel. Dann ordnete sie sie zu einem Schutzkreis um sich. Schließlich zog Starna ihre Kleidung aus und malte mit roter Farbe die heiligen Zeichen auf ihre Haut. Zum Zeichen der Trauer rieb sie schwarze Aschesalbe um die Augen und strich sie über Brust und Arme. Nackt und bloß hockte sie unter den Augen der Himmelswölfe wie neugeboren.

Langsam ging am Horizont das Madamal auf. Starna betrachtete die gelbe Scheibe eindringlich und atmete tief ein und aus, um ihre Angst zu vertreiben. Gemeinhin galt der Tag von Madas Schande als unheilvoll. Doch heute würden die Wölfe und Geister besonders achtsam sein und sie so vor Schaden bewahren. Hoffte sie!

Sie legte einige Fasern Trockenfleisch als Lockspeise für die Geister neben sich. Auf zwei anderen Häuflein streute sie für die Gabetaj die gelben Blütenblätter aus, die sie bereits vorbereitet hatte. Die Windgeister liebten es, mit bunten, leichten Sachen ihr Spiel zu treiben.

Dann verteilte Starna die Salbe aus ihrem kleinen Holzkästchen: an Stirn und Schläfe, denn Menschen und Wölfe besaßen ein Haupt und zwei Augen. Sie strich die aromatische Mixtur an die Innenseite ihrer Handgelenke und Fußknöchel, denn wie Wölfe besaßen die Menschen vier Gliedmaßen.

Starna summte eine Melodie, während sie den Beutel mit dem heiligen Rauch aufzog und eine Prise des grauen Pulvers ins Feuer streute.

»Lieska uuee«, sang Starna. »Lieska, Schwester hör mich an.«

Ein Trauerlied klingt in der Nacht

Die Wölfe wachen - die Menschen wachen

Wer hat die Welpen umgebracht?

Die Wölfe wachen - die Menschen wachen

Starna hob den Blick zum Madamal und zu den schattenhaften Formen der toten Welpen darin. Schlaff, die Beine zur Seite gelegt, ruhten die zarten Körper auf dem blassen Untergrund.

Der eine Mensch nur voller Gier

Die Wölfe weinen - die Menschen weinen

Er brachte uns das Unglück hier

Die Wölfe weinen - die Menschen weinen

Starnas Stimme wehte verloren durch die Dunkelheit, ein einsamer Ruf in der Nacht. Sie war allein. Kein Wolf war weit und breit zu vernehmen. In ihrer Trauer mieden die vierbeinigen Brüder wohl diese Gegend. Vielleicht missbilligten sie, was die Menschen um des gelben Metalls willen hier mit dem Land getan hatten, das Liska ihnen allen geschenkt hatte.

Starna dachte an Dreikralles Tod, und ihre Augen wurden feucht. Das Bild der Welpen verschwamm, und sie blinzelte die Tränen fort.

Vereint wie Brüder lebten wir

Die Wölfe klagen - die Menschen klagen

Vor Madas Schandtat, Mensch und Tier

Die Wölfe klagen - die Menschen klagen

Starna kniete am Boden in ihrem geschützten Kreis. Sie legte sich die Schamanenkeule über die Schenkel und streute eine weitere Fingerspitze Rauchpulver ins Feuer. Ihre Stirn begann leicht zu prickeln.

Sie atmete schneller und stimmte das alte Lied von Trauer und Verrat an. Für die letzte Strophe wechselte sie dabei in die Wolfssprache. Dreikralles Name drängte über ihre Lippen, und sie sang auch für ihn das Klagelied.

Am Ende der Wolfsklage veränderte sich Starnas Gesang. Dumpfe Laute drangen aus ihrer Kehle, rau und eintönig. Sie wiegte sich langsam hin und her im Auf und Ab eines dunklen Tons. Plötzlich gesellte sich ein zweiter Klang zu dem tiefen Knurren. Ihre Stimme hob sich hinaus über die Baumwipfel, trällerte wie ein Frühlingsvogel, zwitscherte und umwob den tiefen Grundgesang mit verspielten Sprüngen. Leicht wie die Fischotter glitten die hohen Triller durch das dunkle Wasser des heiseren Grundtons, überschlugen sich und kehrten zum Ausgangspunkt zurück.

Einige Augenblicke lang war es ganz still. Nur das Knistern des Feuers und das leise Knacken zerberstender Holzkohle drang an Starnas Ohren. Gleichmäßig blies sie in die Glut und streute einige Blütenblätter über die auflodernden Flammen. Die gelben Blättchen tanzten in der heißen Luft wie kleine Sonnen. Starna bat die Geister herbei.

Sie zog das Armband hervor, an dem sie seit drei Tagen gearbeitet hatte. Hineingeflochten waren Goldglanz‘ schimmernde Haare - und auch einige von Dreikralle, der zu dem Rudel des Welpen und damit zu seiner Blutlinie gehört hatte.

Starna barg die Schamanentrommel in der Armbeuge und klopfte mit dem Schlegel darauf. Erneut erhob sie ihre Stimme und sang im Takt der Schläge:

Tok Tok - hör und lausch der Trommel Ruf

Tok Tok - das Wolfspaar einst die Menschen schuf

Wieder und wieder kamen diese Zeilen über Starnas Lippen, während ihre Augen stetig auf dem Schandmal ruhten.

Langsam wurde ihr heiß. Starna setzte einen Trommelschlag aus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. In diesem Moment zuckte etwas vor ihren Augen. Die kleinen Wölfe im Mond bewegten sich!

Die Schatten, welche die zwei Wolfskörper nachzeichneten, schoben sich zusammen. Starna zwinkerte verwundert, der Schlegel ruhte vergessen zwischen ihren Fingern. Schließlich stand ein einzelner Welpe anstelle der zwei im elfenbeinernen Himmelsrund. Starna verstand.

Ja, es wurde Zeit, die Trauer abzulegen und in die Zukunft zu schauen. Es war Zeit, nach Goldglanz Ausschau zu halten.

Jetzt streifte Starna das Armband aus den Haaren des Welpen übers Handgelenk. Die Geister sollten Goldglanz‘ Witterung aufnehmen und Starna zu ihm geleiten. Sie legte den Schlegel beiseite und hockte sich hin, um mit beiden Händen zu trommeln. Ihr Atem ging schwerer.

Starna sog den schweren Rauch des verlöschenden Feuers ein und schmeckte die Kräuter und Harze des Heiligen Rauches heraus. Ihr Körper begann zu glühen. Das Rieseln der Tropfen in den Zweigen verwob sich mit dem Schlag ihrer Trommel, und sie schloss die Augen und öffnete ihren inneren Blick.

Sie machte sich zur Reise bereit. Es war Tamuukan - die Nacht der Wölfe.

Rikkinen klemmte das Holzbrett in den Rahmen des zerbrochenen Fensters, um Wind und Regentropfen draußen zu halten. Graue Wolken brodelten am Himmel und wurden von einem raschen Wind davongetragen.

Es war nicht kalt, und Rikkinen hätte sich einfach nur an eine andere Stelle begeben müssen, um der Zugluft auszuweichen. Aber zum einen saß er lieber mit dem Rücken zur Wand, wo er den ganzen Raum gut überblicken konnte – und zum anderen hatte er so wenigstens etwas zu tun.

Starna war vor einer Weile gegangen. Es würde eine lange Nacht werden ohne sie. Wenn sie glaubte, er würde diesem verwilderten Pevyk genug vertrauen, um in seiner Gegenwart Schlaf zu finden, dann lag sie falsch. Rikkinen presste die Fingerknöchel gegen Stirn und Augenbrauen. Es pochte dumpf in seinem Schädel, kein richtiger Schmerz, sondern nur ein Druckgefühl, das vom Schlafmangel herrührte. Gerne hätte Rikkinen Pevyks Gesellschaft sogar gegen die von Surg eingetauscht. Doch der kleine Goblin hatte sich irgendwohin verdrückt und Rikkinen mit dem lyamit allein gelassen. Rikkinen behielt Pevyk immer im Auge und spürte auch dessen Aufmerksamkeit auf sich.

Dabei hatte er die letzten Nächte so wenig Ruhe gefunden, dass er jetzt schon gegen den Schlaf kämpfte. Deswegen war ihm jede Ausrede recht, um aufzustehen und umherzugehen. Es half ihm, wach zu bleiben. Als aber alle Fenster abgedichtet waren, blieb ihm nichts zu tun, als zu warten.

Und Pevyk zu beobachten.

Sein Kopf sackte ein Stück tiefer, während sich die Augenlider unwillkürlich schlossen. Muss Pevyk ... Rikkinens Kopf ruckte hoch. Er rieb sich die brennenden Augen.

Spinnennetze hingen von der Decke - zerfetzt und staubig wie Rikkinens Gedanken. Leicht wehten die Weben in der Luft, als Pevyk unvermittelt von seinem Platz aufstand und sich zu Rikkinen setzte. Er trug Starnas Proviantpaket in der Hand.

»Hier, bedien dich.« Mit einladender Geste hielt Pevyk Rikkinen das Trockenfleisch entgegen.

Rikkinen schüttelte den Kopf. »Ich faste heute.«

Es war vielleicht verrückt, aber Rikkinen fühlte sich bei dem Verzicht aufs Essen tatsächlich wohl. Er würde heute am Trauertag der Wölfe seines Sohnes gedenken.

Pevyk zog einen Streifen Fleisch heraus und kaute darauf herum. Etwas raschelte, vermutlich wickelte Pevyk das Essen wieder ein. Rikkinen war zu müde, um nachzusehen. Er gähnte und überlegte, ob er sich wohl Wasser ins Gesicht spritzen sollte, um wach zu bleiben.

»Bist du jetzt Starnas Mann?«, fragte Pevyk geradeheraus.

Rikkinens Kopf fuhr bei der unerwarteten Frage herum.

Pevyk hielt ihm eine Hand voll Staub entgegen und blies darauf. Rikkinen spürte den Luftzug im Gesicht, roch etwas Fauliges. Dann wurde es schwarz um ihn.

Zwei Monde glühten um Starna. Sie schwebte dazwischen, gefangen im goldenen Licht des Madamals am Himmel und der glühenden Kohle ihres Feuers am Boden. Starnas Seele schmiegte sich an den Trommelklang. Die Gabetaj zogen die Töne hinauf, und mit ihnen flog Starna zum Rand des Himmels. Das Lagerfeuer markierte den Ort, an den sie zurückkehren musste. Ihr Körper blieb weit unten zurück, während ihre Seele sich aufmachte, den Welpen im Nivaleiken zu suchen.

Mit ihrem inneren Auge erforschte Starna den sternen-übersäten Himmel. Sie war auf dem richtigen Weg! Die Gestirne waren die Augen der Himmelswölfe, die auf ihre Wolfsverwandten und die Menschen hinabblickten. Bestimmt wussten sie, wo Goldglanz zu finden war. Starna frohlockte.

Plötzlich wurde es dunkler. Ein riesiger Schatten wogte vom Rand ihres Gesichtsfelds heran und fraß auf seinem Weg die Sterne. Da war er wieder, ihr alter Feind. Die Sterne erloschen. War der Schatten denn mächtiger als die Himmelswölfe?

»Nein!«, schrie Starnas Seele, doch die Finsternis kam immer rascher auf sie zu. Schon verdunkelte sie das Ma-damal und breitete sich darüber hinaus. Es roch nach kaltem Blut. Starna floh. Immer kleiner wurde der freie Platz. Hastig schaute sie über die Schulter zurück. Ihr Leuchtfeuer erstarb. Damit war ihr der Rückweg zu dem tröstlich hellen Flecken verwehrt, der ihr Lager markierte. Ihre Schritte über den Wolken kamen ins Stocken. Es war nicht mehr viel Raum, um zu fliehen.

Da rollte ein riesiger Ring über den Horizont, groß wie der Mond. Starna sah ein vertrautes Wolfsgesicht aus der Dunkelheit ragen, ein rötlicher Kopf mit einem dunklen Fellstreifen: Dreikralle.

Wie der Himmelswolf Ranik, der die Sonne über den Horizont rollte, so schob Dreikralle das runde Gebilde in Starnas Richtung. Er gab dem Ring noch einen Stoß, ehe die Finsternis sich auch seiner bemächtigte.

Die Dunkelheit bildete Tatzen aus und griff nach dem Gebilde.

Starna rannte auf den Ring zu, der jetzt die einzige noch freie Fläche des Himmels umzirkelte. Ihr wurde seltsam leicht zu Mute, während ihre Füße die Wolken berührten. Sie erkannte in dem Reifen das Armband mit den Wolfshaaren und stürzte sich mit letzter Kraft in den Kreis hinein.

Hinter sich hörte Starna noch ein wütendes Brüllen, aber dann wurde es hell und still um sie. Kühle Luft umhüllte und erfrischte Starna. Sie schwebte über der mondbeglänzten Tundra. Zu ihrer Rechten schimmerte der Fluss im Licht des Madamals. Unter sich erkannte sie eine Ruinenstadt, inmitten einer Kraterlandschaft. Es war der Ort, wo sie Rikkinen und Pevyk zurückgelassen hatte. Was sollte sie hier?

»Goldglanz, wo bist du?« Starna berührte das Armband, das ihr Seelenkörper ums Handgelenk trug, genau wie ihr leiblicher Körper im Tuundarar, der körperlichen Welt. Es ruckelte und wollte sich von ihrem Arm losreißen.

Sie zog den Reif ab und ließ ihn fallen. Das leichte Geflecht aus Haar und Leder trudelte ein wenig, dann bewegte es sich längs des Flusses fort und schwebte vor ihr her. Starna schlug mit den Beinen und schwamm durch den Himmel hinter dem Armschmuck her.

Mit jedem Beinschlag sank sie ein Stück herab und konnte nun besser die Einzelheiten der Landschaft erkennen. Ebenso langsam wie sie sank auch der Armreif. Starna versuchte, ihn nicht aus den Augen zu lassen und gleichzeitig auf Landmarken zu achten. Doch von hier oben ...

Starna verharrte. Sie sah etwas, eine glühende Linie, die sich wie ein Rinnsal aus Feuer durch die Landschaft schlängelte. Der Reif rollte weiter, zog über die Linie, und als Starna hoch oben die Flammenspur kreuzte, da spürte sie es tief in sich: Sie verfolgte eine Spur der Himmelswölfe, wo Geister besonders mächtig und zahlreich versammelt waren.

Längs der Kraftlinie flog sie weiter und badete in der belebenden Ausstrahlung.

Die Spur der Himmelswölfe führte sie näher an den Frisund heran, und auf einmal blieb der Armreif in der Luft stehen.

Genau über der Feuerspur erblickte Starna einen Kreis aus Steinen. Ein Ort, wohin sich Schamanen zurückzogen, um nach zehrenden Ritualen neue Kraft zu schöpfen.

Der Armreif zuckte noch einmal und stürzte dann jäh zu Boden. Starna folgte ihm, der Sturzflug betäubte sie fast, doch sie konnte nicht riskieren, den Wegzeiger aus dem Auge zu verlieren. Kurz bevor ihr Geistkörper auf dem Boden aufschlug, streckte sie die Arme wie Flügel aus, spannte den Leib und bremste den Sturz.

Starna sah einen dunklen Fremden, der inmitten des Kreises hockte. Sie erblickte eine Kiste, aus der ihr die Präsenz des Welpen entgegenströmte wie ein starker Duft. Und an der Seite des Wolfsdiebes sah sie Rikkinen sitzen. Starna bäumte sich auf und schrie lautlos. Weiter hinten stand Pevyk und baute aus den Steinen des Kreises einen flachen Tisch - eine Opferstätte.

Der Fremde blickte hoch, als habe er ihre Anwesenheit gespürt. Mit einem Mal wurde es finster. Starna bekam keine Luft mehr. Ihr Gesicht wurde in ein dichtes, weiches Fell gepresst. Kräftige Arme umklammerten sie. Der böse Geist hatte sie gefunden.

Starna keuchte, versuchte, dem Klammergriff zu entkommen. Doch unerbittlich drückte der Bär sie an sich. Ihr Herz klopfte immer lauter. Starna hörte, wie es einen Schlag aussetzte und wieder Tritt fasste. Sie trat und schlug nach dem bösen Geist. Ihr Herzschlag stolperte erneut. War das ihr Ende - von den Freunden verraten und einem üblen Wesen zum Fraß vorgeworfen? Ohne ihre Seele konnte schließlich auch ihr Körper nicht überleben. Die Trommel schlug direkt in ihrem Schädel, ihr Puls, der immer langsamer wurde. Sie wollte ... Plötzlich wusste Starna, was zu tun war.

Von irgendwoher drangen leise Schleifgeräusche.

Rikkinens Nase brannte, seine Zunge schien angeschwollen zu sein und klebte am Gaumen fest. Der ganze Mund schmeckte bitter. Sein leerer Magen zog sich zusammen, und Rikkinen würgte im Halbschlaf etwas Galle hoch.

Er lag verkrümmt auf der Seite. Benommen wollte er in eine bequemere Position rutschen, doch dann stöhnte er gequält auf. Bei der kleinsten Bewegung zuckten Schmerzen durch Oberarme und Schultern. Seine Hände waren hinter den Rücken gebunden, auch die Füße waren gefesselt.

Mit dieser Entdeckung wurde Rikkinen schlagartig wach. Er riss die Augen auf. Eine nasse Haarsträhne klebte über seinem Auge und ließ sich nicht fortblinzeln.

Im Dämmerlicht sah er rauen Fels. Er lag vor einem un-gefügten Stein, schutzlos Wind und Nieselregen ausgeliefert. Die leisen, schleifenden Geräusche erklangen hinter ihm. Also war er nicht allein.

Er unterdrückte ein neuerliches Stöhnen. Die Schulter, auf der sein Körpergewicht ruhte, schien in Flammen zu stehen. Mit einiger Mühe drehte er sich herum. Damit verriet er vielleicht, dass er aufgewacht war, aber er hielt die Qual im belasteten Gelenk nicht länger aus.

Unwillkürlich seufzte er, als der Schmerz im Schulterblatt nachließ. Stein und Boden waren nass, seine Kleidung ebenso. Der stetige Wind kühlte ihn zusätzlich aus. Rikkinen schob die Unterlippe vor und reckte den Kopf so weit wie möglich, um die Lage einzuschätzen.

Durch eine Zeltplane in der Nähe schimmerte sanftes Licht und erhellte einen Teil der Umgebung. Pevyk hockte unter dem Lederstück wie in einem winzigen Zelt, neben sich eine Lampe und ein Werkzeug in der Hand. Und da stand doch tatsächlich auch Starnas Tasche, die sie bei ihnen zurückgelassen hatte!

Schlagartig kehrte Rikkinens Erinnerung zurück. Dieser verräterische lyamit! So sah also Pevyks Rache dafür aus, dass Rikkinen ihn am liebsten in Banden gehalten hätte.

Zu Recht, wie sich jetzt herausstellte.

Rikkinen bäumte sich wütend auf. »Was hast du getan, Pevyk?« Er knirschte mit den Zähnen und versuchte, die Fesseln zu sprengen. Doch vergeblich, die Lederriemen lagen zu eng an und er konnte hinter dem Rücken kaum Muskeln einsetzen. Er erreichte damit bloß, dass der Schmerz aus der Achsel nun weit bis in die Arme schoss. Das Geräusch erstarb. Pevyk sah auf und hob schlaff die Hand. »Ich habe dich gerettet, Rikkinen«, meinte er mit einem eigenartigen Glucksen.

»Gerettet? Wovor?«, fuhr Rikkinen auf. Er mühte sich in eine halb sitzende, halb kauernde Stellung, so gut das mit den Fesseln eben ging.

Immer noch kicherte Pevyk in sich hinein. »Vor den Geistern der Stadt. Die Stimme hat mir von dem verfluchten Ort erzählt.«

Rikkinen spürte, wie ihm die Wut neue Kraft zuführte. Zumindest fühlte er sich besser. Mit dem Stein im Rücken richtete er sich etwas höher auf. »Und warum hast du mich dann gefesselt, anstatt mit mir darüber zu sprechen? Mach sofort die Riemen los!«

»Du würdest mir nicht glauben, hat die Stimme gesagt. Und darum habe ich dich betäubt und aus der Stadt gebracht.«

Rikkinen hatte Recht gehabt mit seinem Misstrauen. Am liebsten hätte er sich selbst geohrfeigt. Aber vorher wollte er Pevyk einen nachdrücklichen Magenschwinger versetzen.

Wie Rikkinen jetzt bemerkte, befanden sie sich beide am äußeren Rand eines Steinkreises aus Felsbrocken. Mit solchen Steinsetzungen markierten Schamanen die Spuren der Himmelswölfe, die sie auf ihren Wanderungen kreuzten. Das musste Rikkinen von seinem Vater.

Die Erde ringsum war von Kratern durchlöchert, im Zentrum der Steine jedoch unberührt. Bestimmt hatten sich die abergläubigen Jänak gefürchtet, hier nach Gold zu suchen, aus Angst vor der Rache eines Schamanen. Langsam beruhigte sich Rikkinen ausreichend, um nachzudenken. Er kippte ein Stück zur Seite und verbarg die gefesselten Hände vor Pevyk.

Vorsichtig schabte er mit den Lederfesseln an dem rauen Stein. Da er auf diese Weise mehr Haut als Leder abschürfte, zwang er sich zu einem falschen Lächeln, das seine Grimassen kaschierte. Das Leder durchzuscheuern würde eine ganze Weile dauern, und solange musste er Pevyk ablenken.

Trotz der protestierenden Muskeln reckte sich Rikkinen ein Stück weiter, um Pevyk im Auge zu behalten. »Welche Stimme meinst du?«, wollte er wissen. Seine Neugier war im Gegensatz zu seinem Grinsen echt.

»Die Stimme, die zu mir redet, wenn niemand da ist«, antwortete Pevyk. »Manchmal spricht sie mit den Worten von Yalunka.«

War diese Yalunka nicht seine verstorbene Geliebte? Bei dem träumerischen Tonfall des lyamit lief Rikkinen ein Kälteschauder den Rücken hinunter. Sein künstliches Lächeln erstarb. Eine körperlose Stimme?

Für einen Moment war es ganz still, dann setzte das gleichmäßige Geräusch wieder ein. Jetzt erkannte Rikkinen dessen Ursprung: Pevyk zog das Messer über einen Wetzstein, der in seinem Schoß lag. Wieder und wieder glitt die Klinge über die raue Oberfläche, schmirgelte sich glatt.

Rikkinen ächzte.

»Warum bindest du mich nicht los? Erzähl Starna, was dir die Stimme gesagt hat«, stieß er hervor. Es war das Erste, was ihm dazu in den Sinn kam. Starna als Schamanin musste sich mit allen Wesenheiten auskennen. Pevyk würde Starna sicher vertrauen, immerhin stammten sie aus derselben Sippe.

»Starna ist fort«, kam es tonlos von Pevyk. »Ich habe extra gewartet, bis sie verschwunden ist. Die Stimme mag sie nicht.«

Rikkinens Unbehagen wuchs zu echter Angst. Was war während seiner Betäubung geschehen? War Pevyk jener mordlüsterne Nivese, von dem die Goldgräber gesprochen hatten?

»Was hast du getan?«, entfuhr es Rikkinen, noch ehe er über seine Worte nachdenken konnte.

»Pevyk hat dich auf Taarjuks Geheiß zu mir gebracht«, sagte eine Stimme hinter Rikkinen. Sie klang tiefer und beherrschter als Pevyks seltsam hüpfende Tonlage.

Rikkinen fuhr herum und renkte sich bei der unbedachten Bewegung fast die Schulter aus. Doch er vergaß den aufbrandenden Schmerz.

Ein lebendig gewordener Schatten ragte vor ihm auf. Für einen Moment verschlug es Rikkinen den Atem.

Erst auf den zweiten Blick erkannte er im Dämmerlicht, dass die dunkle Gestalt ein Mensch war. Der Fremde war nackt, abgesehen von einem Schamtuch. Schlammbraune Farbe bedeckte seine Haut. Zwischen dem Braun stachen einfache, weiße Zickzackmuster hervor und betonten Arme und Beine, wie von Blitzen umzüngelt. Über das Gesicht zog sich eine Schicht Rot wie ein blutiger Schleier. Der Mann verließ mit federnden Schritten den Steinkreis und baute sich vor ihm auf. Im schwachen Zwielicht der anbrechenden Sommernacht konnte Rikkinen die Gesichtszüge des Fremden unter der Schminke nicht erkennen. Aber er hatte ihn in der Zunge der Nivesen angesprochen, und seine Aussprache war akzentfrei. Es musste ein Sohn seines Volkes sein.

In der Hand hielt der Mann einen dunklen, fast schwarzen länglichen Gegenstand, einen Streitkolben oder eine Keule. Die Oberseite seiner Finger war mit einem dünnen, Weißen Streifen nachgezogen, sodass es aussah, als umklammerte er die Waffe mit bleichen Krallen.

Eine Schamanenkeule? Der Fremde sah nicht aus wie ein Wolfssprecher. Und doch machte es den Eindruck, als sei er keinesfalls zufällig hier. »Wer bist du?«, wollte Rikkinen wissen. »Namen sind ein gefährliches Gut in der Geisterwelt. Deinen Namen brauchst du nicht zu wissen, Rikkinen. Es reicht, dass ich deinen kenne.«

In der Stimme des Fremden schwang jener Hauch von Selbstgerechtigkeit mit, der Rikkinen seit jeher zur Weißglut trieb. Ich weiß etwas, das du nicht weißt!

Jetzt musste er sehr vorsichtig sein. In seiner Lage war es fatal, einen Gegner zu reizen. Lieber scheuerte er die Fesseln weiter ab und verbiss sich den Schmerz an den Händen und seine Wut.

»Was willst du von mir?«, fragte Rikkinen gezwungen ruhig. »Was hat das alles zu bedeuten?«

Der Mann lächelte, seine Lippen teilten sich und zeigten weiße Zähne, die in dem dunkel geschminkten Gesicht unwirklich leuchteten. »Ich will dir eine Geschichte erzählen, Rikkinen. Die Geschichte einer Stadt der Jänak.«

Schnell wie eine zustoßende Schlange packte er Rikkinen am Hemdkragen. Mit nur einer Hand zog er ihn mühelos ein Stück hoch, bis auf Höhe des Steins. Dann drehte er ihn in der Luft herum, als wöge Rikkinen nicht mehr als eine Lumpenpuppe.

Rikkinen japste. Jenseits der Steine, etwa eine Meile entfernt, erblickte er schattenhafte Dächer und Häuser. Die Überreste der Stadt, in der Starna und er Schutz gesucht hatten.

»Du bist gerade rechtzeitig aufgewacht, Rikkinen. Bald wird es beginnen«, sagte der Fremde und seine Stimme vibrierte vor unterdrückter Erregung.

Was beginnen?, dachte Rikkinen. Er bekam kaum noch Luft und versuchte, die aufsteigende Panik im Zaum zu halten. Immer noch hielt der Fremde ihn so mühelos am Kragen fest wie ein Wolf, der einen Welpen zurück in die Höhle trägt.

Der Unbekannte fiel in einen erzählenden Singsang. »Vor vielen, vielen Sommern, da fanden die Jänak am Ufer des Frisund das gelbe Metall, das Gold, das ihnen so wertvoll ist. Sie kamen in Scharen heran, wie die Karenfliegen im Sommer. Und sie wimmelten über der Tundra und wühlten im Boden. Sie bauten eine Stadt. Diese Stadt.«

Mit ausgestreckter Keule wies der Mann auf die Silhouetten der Häuser. Und schlagartig, als habe er Macht über das Wetter und den Mond, hörte der Regen auf und das Madamal tauchte hinter den Wolken hervor. Geisterhaft badete der Schein des Mondes den Steinkreis in fahles Licht. Die Tundra begann zu dampfen, als würden die Mondstrahlen das Regenwasser aus ihr herausziehen.

Der Fremde setzte Rikkinen auf dem Steinblock ab. Endlich! Dankbar sog Rikkinen die feuchte Abendluft ein. Die markante Stimme des Mannes drang durch die keuchenden Atemzüge mühelos an sein Ohr.

»Aber die Lieska-Leddu, die in dieser Gegend ihr Lager aufgeschlagen hatten, tadelten die Fremden wegen ihrer Maßlosigkeit. Ihre Schamanin begab sich in die Stadt der Jänak und befahl ihnen, das Treiben einzustellen. Die Jänak lachten, und noch viel mehr lachten sie, als die Schamanin sie aufforderte, den ansässigen Rauhwölfen ihren Tribut zu entrichten und die Tundra zu verlassen. Sie trieben die Wolfsfrau der Lieska-Leddu aus der Stadt. Diese aber nahm fürchterliche Rache.« Beschwörend breitete der Mann die Arme aus.

Dieser Mann ist ein erfahrener Erzähler. Rikkinen erkannte den singenden Tonfall, in dem auch sein Vater die alten Stammeslegenden erzählte.

War der Mann etwa doch ein Schamane? Es sprach einiges dafür: die Keule, seine geschulte Stimme, sein ganzer Gestus ...

Trotz der Schmerzen und seiner verkrampften Haltung zog die Geschichte Rikkinen in ihren Bann.

»Die Schamanin übte furchtbare Rache. Sie schickte im Namen der Himmelswölfe eine Krankheit über die Stadt. Binnen dreier Tage starben die Goldgräber. Die Überlebenden wurden von den vereinten Kräften der Lieska-Leddu und der Rauhwölfe niedergemacht.«

Rikkinen merkte auf. Bei dem Wort Himmelswölfe hatte sich die Tonlage des Mannes kurz verändert. Seine Stimme war ein wenig höher geworden. Und hatte sie nicht auch spöttisch geklungen?

»Und so schrecklich war der Fluch der Schamanin, dass seither die Seelen aller gestorbenen Jänak in den drei Tagen, wenn sich ihre Todesstunde jährt, in der Stadt umgehen, als seien sie lebendig. Und jede lebende Seele, die zufällig dort weilt, teilt ihr Schicksal.«

Gehörte der Mann zu den Lieska-Leddu? Rikkinen war inzwischen sicher, dass er ein Kasknuk war. Aber sollte nicht jeder Schamane zu Tamuukan den Wölfen Abbitte für Ma-das Vergehen leisten?

Und was ging ihn das alles an?

Rikkinens Blick wanderte über die nebelverschleierte Tundra. Der aufsteigende Dunst verdichtete sich zu feinen Wolken. Geisterhaft krochen die Schwaden über den Boden in Richtung der Ruinen. Sie woben eine Mauer, die langsam, aber sicher die ehemalige Goldgräberstadt einschloss.

Der Schamane wies auf den Nebel. »Gegen Mitternacht, wenn das Madamal voll am Himmel steht, wird diese Mauer die gefangenen Seelen einschließen. Dann beginnen die Totengeister drinnen, ihr unterbrochenes Leben fortzuführen - für drei Tage und Nächte.«

Beim Anblick des unheimlichen Nebels glaubte Rikkinen dem Schamanen jedes Wort. Das war mehr als eine Legende! Was wäre geschehen, wenn Rikkinen sich jetzt noch in der Stadt aufgehalten hätte? Selbst hier, in seiner ungewissen Lage, fuhr ihm der Schrecken durch alle Glieder bei dem Gedanken, von ruhelosen Geistern umgeben zu sein.

Rikkinen befeuchtete sich die Lippen: »Was habe ich damit zu tun, Kasknuk? Ich bin ein Nivese, kein Jänak.«

Der Schamane fuhr herum. »Du bist etwas ganz Besonderes.«

Der ehrfürchtige Unterton verwirrte Rikkinen. Und schon rutschten die Worte heraus. »Warum nur habe ich den Eindruck, als dürfte ich mich darüber nicht gerade freuen?«

Der Fremde musterte Rikkinen durchdringend. Ein zweifelnder Ausdruck malte sich auf seinen Zügen. »Du musst es immer schon gespürt haben. Und später hat man es dir sicherlich gesagt. Die Wölfe haben dir ihr Zeichen aufgeprägt.«

Rikkinen schloss die Augen. Irgendetwas in seinem Innersten krampfte sich zusammen. Und wenn es seinen Tod bedeutete - er musste erfahren, was der Schamane wusste.

Pevyk warf etwas ein. Mit einem einzigen Laut brachte der fremde Schamane ihn zum Schweigen, noch ehe Rikkinen verstanden hatte, worum es ging.

Jetzt trat der Fremde ganz dicht an ihn heran. Rikkinen konnte seinen Schweiß riechen und etwas anderes, wie ranziges Fett. Der Schamane legte ihm die Hand auf die Schulter. »Die Zeit ist nah«, sagte er »Und du bist am Ende deiner Reise angekommen, Rikkinen. Wie Pevyk mir erzählte, suchst du den goldenen Welpen. Nun, ich gratuliere, du hast ihn gefunden.«

Auf einen Wink des Schamanen hin zog Pevyk etwas aus dem Zelt und trat mit einem grob gefügten Käfig im Arm zu Rikkinen. Der sah zuerst bloß einen Fellhaufen. Doch zwischen den Gitterstäben blitzte etwas auf.

Der Schamane nahm den Käfig entgegen. »Na komm schon, zeig dich!« Mit dem Ende seiner schwärzlichen Keule stocherte er im Käfig herum.

Rikkinen vernahm einen leisen Klagelaut, das Winseln ging ihm durch und durch. Dann entrollte sich das goldene Pelzknäuel, und ein verängstigter Welpe starrte ihn mit großen Augen an.