4. Kapitel
10 Jahre früher
Der Wolfsruf verklang im Wind.
Am Horizont spielte das Ifirnslicht über den Himmel. Nekaar verlor sich in der Betrachtung der grünen und blauen Schleier, die wie Geister über der Landschaft wogten. Sein Herz klopfte aufgeregt, während er an Völusas Seite auf die Wölfe wartete.
Er wusste alles über die Geister. Schließlich hatte Völusa ihn in die tiefsten Geheimnisse der Schamanen eingeweiht. Die Geister hatten ihm beigestanden, als er noch ein Kind gewesen war, und sie kamen auch jetzt auf seinen Ruf.
Wenn er es wünschte, dann tilgten die Juajok in der Erde seine Spuren. Er kannte die Anrufungen der Gabetaj, der Luftgeister, und wusste, wie man einer Pirtinaj schmeichelte, damit sie die Jurte bewachte. Nekaar konnte aus den Linien der Hand lesen, ob und wie nah ein Nivese mit Mada, dem Verfluchten, verwandt war.
Sobald Nekaar tanzte und den trockenen Boden der Tundra mit seinen bloßen Füßen zu einer endlosen Trommel machte, staunten die Umstehenden.
Doch er beherrschte seine Verwandlung noch nicht. Und ehe er nicht beweisen konnte, dass er ein Wolfskind war, würde ihm Völusa niemals die Reise zu den Himmelswölfen erlauben.
Er tanzte den Wolfstanz, als sei er ein Sohn der erhabenen Tongja selbst; er ging in den Bewegungen auf und fühlte sich wie ein Wolf. Aber auf seiner Haut spross kein Haar mehr als sonst. Arme und Beine blieben kräftig und lang, die Zähne dafür klein.
Bei dem Gedanken daran schnaubte Nekaar gereizt wie ein wilder Schneedachs, den man aus seiner Höhle getrieben hatte. Er war längst bereit, die Reise ins Nivaleiken anzutreten, dem Land des schnellen Wanderns. Aber es stand ihm nicht an, Völusas Entscheidung in Frage zu stellen.
Völusa hatte versucht, ihm das Geheimnis der Verwandlung zu erklären. Aber es war keine Geschichte, die man auswendig lernen konnte: Es war eine Gabe! Und Nekaar blieb sie verschlossen. Noch.
Deswegen war er heute mit der Schamanin zu den Rauhwölfen gegangen.
Völusa hatte zu Ehren der Wölfe ihr zeremonielles Gewand angelegt. Die Wolfskappe, die mit Streifen aus buntem Stoff vernäht war, bedeckte ihren Haarschopf. Das farbige Tuch hatte sie bei den Norbarden eingetauscht. Auch das bunte Garn stammte von dort, mit dem die Rautenmuster auf ihrem Anaurak gestickt waren.
Das Leder ihrer Kleidung hatte Völusa jedoch eigenhändig gegerbt und eine Pflanzenfarbe beigegeben, die ihm den bernsteinfarbenen Ton verlieh. Sie schätzte diese Färbung, weil sie dem Fell der Rauhwölfe glich. Grün abgesetzt lief ein breiter Schmuckkragen um Völusas Hals, an ihren Armen flatterten Fransen im Wind.
Die Kaskju trug den Schmuck mit der stillen Würde ihrer vielen Jahre. In der linken Armbeuge ruhte die Schamanenkeule, ein beschnitztes Stück Mammut-Stoßzahn.
Schattengleich trabte das Wolfsrudel heran.
Das Karen neben Völusa wurde in Gegenwart der Wölfe unruhig. Sie steckte die Schamanenkeule fort, griff dem Tier mit der freien Hand ins Gehörn und zückte das Messer. Völusa schlitzte dem Karen mit einem langen, sicheren Schnitt die Kehle auf. Blut sprudelte heraus und färbte den Schnee vor dem Rudel rot.
»Geehrte Wölfe. Ich rufe euch zu dieser Stunde für meinen Lehrling Nekaar. Bitte, nehmt dieses Geschenk von uns an und beantwortet uns eine Frage.«
Da es sein eigenes Opfertier war, kniete sich Nekaar neben das leblose Karen und brach den warmen Körper für die Wölfe auf. Sein Herz pochte wild, und er hatte einen Kloß in der Kehle. Diese Frage war eine Herzensangelegenheit, sie war entscheidend für sein ganzes Leben.
Ohne es recht zu merken, wusch sich Nekaar die blutigen Hände mit Schnee und trat dann respektvoll hinter die Wolfssprecherin zurück. Ein Wolfspaar trabte heran und kostete. Nachdem sie einige Bissen aus dem Fleisch gerissen hatten, kam auch der Rest des Rudels näher.
Einer der beiden Wölfe, die zuerst gefressen hatten, trat jetzt vor und begrüßte die menschlichen Brüder mit einem hellen Jaulen. Nekaar verstand inzwischen einen Großteil der Wolfssprache, aber er blieb stumm und ließ die Kaskju reden.
»Mein Lehrling fragt, ob ihr ihm helfen könnt«, begann sie. »Die Geister sind mit ihm, aber sein Talent für die Verwandlung ist noch nicht weit genug entwickelt. Gibt es eine Möglichkeit, den Weg eines Wolfskindes zu erleichtern?«
Der Rauhwolf näherte sich Nekaar, und seine Nase kräuselte sich, als er dessen Witterung einsog. Er blaffte etwas. Nekaar wartete nicht erst auf Völusas Übersetzung, sondern kniete sich in den Schnee.
Auge in Auge mit dem Wolf verharrte er dort für eine Weile. Nekaar roch das frische Blut, das um das Wolfsmaul verschmiert war. Er versank beinahe in den goldbraunen Augen des Tieres. Was würde der Wolf in ihm sehen? Oder würde er nur bemerken, dass vielleicht etwas fehlte?
Rasch schob er diesen schrecklichen Gedanken beiseite. Das konnte nicht sein. Plötzlich lösten sich die Wolfsaugen aus den seinen. Der Wolf tippte ihm freundlich mit der Pfote auf den Arm, und Nekaar stand wieder auf.
Der Rüde lief die drei Schritte zu Völusa. »Er trägt das Erbe der Himmelswölfe in sich«, deutete er an.
Nekaar fiel ein Stein vom Herzen, als er das hörte.
»Doch das Blut ist dünn. Vielleicht fällt es ihm deswegen schwer, sich zu verwandeln.« Der Wolf hob den Kopf und ließ ein Jaulen hören.
Nekaar atmete tief aus und wandte sich ein Stück ab, um zur Ruhe zu kommen. Aus den Augenwinkeln sah er, dass der Leitwolf und die Schamanin noch einen ernsten Blick tauschten. Aber der konnte sein Hochgefühl nicht trüben.
Er würde sich noch mehr anstrengen. Er würde doppelt so viel üben, um dem Erbe der Himmelswölfe gerecht zu werden!