13. Kapitel
Starna schrak zusammen, als neben ihr ein Stück Eis in tausend Stücke zersprang. Was auch immer mit Dreikralle geschehen war, jetzt blieb für Grübeleien keine Zeit.
Starna duckte sich und sicherte nach allen Seiten, da traf sie ein weiterer Schneeball. Jetzt sah sie auch Rikkinen auf der Hügelkuppe winken.
Als er merkte, dass sie ihn gesehen hatte, deutete er auf die Männer am Fuß der Anhöhe. Dann zeigte er auf Starna und auf sich.
Starna verstand nicht. Erst als Rikkinen die Feinde unter Beschuss nahm, erkannte sie ihre Chance. Zwischen ihr und den Schützen lag immer noch der gestürzte Jäger, den sie zuerst erwischt hatte. Hinter ihm war sie vor den Pfeilen der Männer erst mal sicher. Und als nächstes Versteck machte sie einen Felsspalt direkt am Berg aus.
Starna passte einen Moment ab, in dem keiner in ihre Richtung blickte, und stürzte aus ihrem Versteck. Mit zwei Sprüngen überquerte sie die glatte Fläche und ging dann hinter dem reglosen Jäger zu Boden.
Eng an den Mann gepresst, verharrte Starna.
Zwei Männer stiefelten den Hügel hinauf, einer rollte kurz darauf in einem Schneewirbel zurück.
Starna wusste nicht, was bei Rikkinen hinter dem Hügelkamm geschah. Im Augenblick konnte sie nur abwarten, ob es ihm gelang, die Gegner abzulenken, damit sie vorrücken konnte.
Eine Weile tat sich nichts. Starna wurde ungeduldig. Ihr Herz pochte, während sie immer wieder kurz zu den verschanzten Männern hinblickte. Der abgestürzte Speerträger sah aus wie ein Bär, der in einen Schneesturm geraten war. Unter dem Gelächter seiner Kameraden kletterte er auf geradem Weg wieder den Hügel hinauf und verschwand.
Starna musste Rikkinen irgendwie warnen ...
Doch dann hörte sie einen Schrei, und sie war sicher, seine Stimme erkannt zu haben.
Starna stemmte sich auf den Ellbogen ein Stück hoch. Die weiße Hügelkuppe, von ihrer Warte aus so groß wie eine Jurte für einen Frosch, blockte ihre Sicht vollkommen ab.
In ihrem Kopf wirbelte etwas und lenkte sie ab. Starnas Nüstern flatterten. Die Wolfssinne brachen sich Bahn. Über den Schnee wehte ein Geruch ... Das Brausen des Sturmwindes kam näher. Und dann sah sie es.
Eine weiße Gestalt setzte über die Hügelkuppe - ein Pferd! Darauf saß eine Frau, in helles Wildleder gekleidet. Sie lenkte ihr Pony mit leichtem Zügel, ritt ohne Sattel. Das Tier landete, und eine gewaltige Schneewolke löste sich vom Boden, wo die zierlichen Hufe aufkamen.
Starna schwindelte es. Wie sollte ein Pferd in diesem Tempo den Hang bewältigen?
Doch das Pony löste die Aufgabe mit Bravour. Geschickt machte sich der Schimmel an den Abstieg, als würde er über den Schnee fliegen. Und weitere folgten ihm. Lichte Reiter auf Wolkenrössern schwangen sich über die Hügel, als trügen ihre Pferde Schwingen zwischen den Schultern.
Hingerissen von dem Anblick starrte Starna auf fliegende Mähnen und flatterndes Haar. Sie glaubte, den Duft von Frühlingsblumen zu erschnuppern. In einer weiß glitzernden Welle brausten die Reiter zu Tal, wie mit den Pferden Verwachsen. Die Fremden trugen Bogen und Köcher an der Seite, oder kurze Speere in der Hand.
Beim Anblick der Waffen fand Starna wieder zu sich. War hier Verstärkung für die Feinde eingetroffen? Sie duckte sich tiefer in den Schnee und rückte an den Gefallenen heran. Pfeile mit weißer Befiederung lösten sich von den hellen Bögen und streckten die verbliebenen Männer an der Barrikade nieder. Die Reiter kümmerten sich nicht weiter um Starna, sondern strebten der Mitte des Tals zu. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Mit ihnen blies ein kühler Windstoß eine Schneise in die verqualmte Luft des Tals.
Unschlüssig drückten sich die Wölfe dort zu Boden, halb bereit anzugreifen, halb abwartend. Genau wie Starna.
Elegant setzten die Schimmel über die Wölfe hinweg -und versperrten den Hunden den Weg zum geschwächten Rudel. Pfeile pfiffen durch die Luft wie ein Sturmwind, doch da stieg eine neue Rauchwolke empor und vernebelte Starna die Sicht.
Geisterhaft tauchten weiße Ponys aus dem Rauch auf und verschwanden im selben Atemzug auch wieder darin. Starna fühlte sich merkwürdig von allem losgelöst, wie in einem Traum. Was geschah im Tal?
Starna packte den Speerschaft fester. Sie musste ihren vierbeinigen Geschwistern beistehen! Die Schamanin verließ ihre Deckung und rannte entschlossen über das Feld.
Eine Qualmwolke schlug ihr entgegen, und Starna bekam keine Luft mehr. Sie musste husten, taumelte und glitt aus. Alles drehte sich um sie, und sie schlug lang hin. Aber auch der Boden bot keine sichere Zuflucht.
Der Gestank wurde noch durchdringender und mit ihm der Würgereiz. Waren das ihre Wolfssinne oder ihr Menschenmagen, die verrückt spielten?
Neben ihr erschienen zwei pelzumwickelte Beine. Ohne lange nachzudenken, hebelte Starna den Gegner zu Boden.
Der Fellgekleidete kippte wie ein niedergerissener Jurtenpfosten um. Er prellte Starna den Speer aus der Hand und begrub sie unter seinem massigen Körper. Starna schrie, als er sie grob am Anaurak packte. Sie zerrte ihre Knochenkeule hervor.
Plötzlich fuhr ein geschmückter Speer dicht neben ihr in den Boden und ein zweiter durchbohrte den Nacken des Gestürzten. Starnas Kopf ruckte herum und sie versuchte, auf die Füße zu kommen. Aber sie war unter der Leiche eingeklemmt.
Aus dem Rauch erschien ein grimmiger Reiter mit gespanntem Kurzbogen. Sein Pfeil zeigte auf sie. Mit einem Schenkeldruck lenkte er das Pferd näher heran.
Da sprengte von rechts ein weiterer Schimmel genau auf Starna zu. Die Frau darauf schwang einen Speer.
Starna kämpfte sich ein kleines Stück unter dem Körper hervor. Die Schamanenkeule war jetzt vergessen.
Angst. Flucht. Beißen.
Für einen Atemzug blieb die Zeit stehen, dann kam das Pferd direkt vor ihr zum Stillstand, zwischen ihr und dem Bogenschützen. Die Frau auf dem Schimmel rief etwas. Woraufhin der grimmige Reiter den Bogen sinken ließ und Richtung Talkessel im Dunst verschwand.
Starnas menschliche Seite gewann die Oberhand, und sie starrte auf die Gestalt vor ihr. Einen schöneren Menschen hatte Starna noch nie gesehen. Innerlich bereitete sie sich darauf vor, einem Abgesandten der Himmelswölfe gegenüberzutreten. Oder den Himmelswölfen selbst? Das Pferd bäumte sich bedrohlich auf, während aus dem Tal das Triumphgeheul der Wölfe erklang.
Wieder versuchte Starna erfolglos, von dem gestürzten Körper freizukommen. Die Frau wirbelte den Speer in der Hand, und Starna schwindelte es bei der raschen Bewegung.
Doch der erwartete Stoß blieb aus.
Verwundert beobachtete Starna, wie die purpuräugige Reiterin den Speer fortsteckte. Die anmutige Gestalt schnalzte mit der Zunge, und das Pferd setzte sich wieder in Bewegung. Starna riss die Arme hoch, um den Kopf zu schützen, doch der Schimmel tänzelte elegant beiseite, ohne sie auch nur zu streifen. Schweif und Mähne des Tieres wehten wie feine Schleier, und sie waren mit Kämmen und Frühlingsblumen geschmückt. Woher stammten die Blüten zu dieser Jahreszeit?
Die fremde Frau saß ab. Aus der Nähe wirkte sie noch fremdartiger. Zwischen ihre goldgelben Locken waren Beinperlen gewunden, und ihre Ohren sahen ungewöhnlich spitz aus.
Jetzt bekam Starna eine Ahnung, wer da vor ihr stand. Elfen! Sie rang um Worte, wollte sich erklären und gleichzeitig bedanken, während sich ein Teil von ihr immer noch wie ein halber Wolf fühlte.
Doch die Elfe kam ihr zuvor. »Nivesin, kennst du einen Wolf mit Namen Dreikralle?«, fragte sie mit seltsamer Betonung.
Die Sorge um den verletzten Wolf zerriss den Schleier der Verwirrung über Starnas Geist. »Wie geht es ihm?«, rief sie.
Die Augen der Frau verloren ein wenig von ihrem Glanz. »Er ist bei den anderen zurückgeblieben«, sagte sie. Ihre Stimme klang bei den nivesischen Worten wie ein Instrument, das eine fremde Melodie spielt. »Dann bist du die Geisterruferin der Nivesen?«
»Ja. Ich bin Starna von den lyamit.« Zur Bekräftigung legte Starna die Hand auf ihre Schamanenkeule. Dann drängte ihr die wichtigste Frage über die Lippen. »Wie geht es meinen Brüdern und Schwestern unten im Tal?«
»Den Wölfen geht es gut. Das heißt, solange sie unseren Fohlen fernbleiben.«
Starna zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. Sie wusste immer noch nicht, was sie von dieser Fremden zu halten hatte. Die letzten Worte klangen wie eine Drohung.
»Seid ihr als Freunde gekommen oder als Feinde?«, fragte sie geradeheraus.
Das schmale Gesicht der Elfe zeigte einen rätselhaften Ausdruck. »Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Wir werden sehen.« Dann wurde ihre Miene zugänglicher. Auf ihren Lippen erschien ein schmales Lächeln. »Sanya bha, thalar. Ich grüße dich, Starna von den lyamit. In eurer Sprache lautet mein Name Shanaha Mistelzweig. Wir sind Späher vom Stamm der Adlerkrallen. Sei willkommen unter den Kindern des Windes.«
Dann half sie Starna, sich vom Körper des Fellbekleideten zu befreien. Für ihre schlanke Statur besaß Shanaha erstaunliche Kräfte.
Starna war zwar etwas wackelig auf den Beinen, doch das Gewicht des schweren Leibes hatte sie nur tief in den Schnee gedrückt, ohne sie zu verletzen.
»Der Wolf sprach von zwei Nivesen in Not«, sagte die Frau mit ihrer melodischen Stimme.
Starna lief rot an. Über ihrer Sorge um die Wölfe hatte sie Rikkinen ganz vergessen. Siedend heiß erinnerte sie sich an Rikkinens Schrei. »Mein Gefährte hat sich dort oben versteckt. Ich fürchte, er ist verletzt.« Starna wollte loslaufen, doch sie knickte ein. Ihre Beine kribbelten, als das Blut langsam zurückkehrte.
Das milchweiße Pony kam heran und schnupperte an Starna herum. Es war kaum größer als die Pferdchen der Norbarden. Doch der Schimmer des weichen Fells, der seltsame Glanz der großen, dunklen Augen hatten etwas Geheimnisvolles und gänzlich Unpferdiges an sich.
Starna ertappte sich, wie sie beim Blick in diese Augen in Träumereien versank.
Die Elfe murmelte einen leisen Singsang, gab dem Pony einen Klaps auf die Kruppe und das Pferd trollte sich. »Entschuldige die Aufdringlichkeit von Sturmschnell«, bat sie. »Wir treffen selten auf Menschen, und die Firnponys sind neugierig.«
Starna stutzte. Die Elfe sprach über das Pferd wie über ein Kind.
»Jetzt suchen wir gemeinsam deinen Gefährten«, befahl Shanaha und winkte zwei junge Männer zu ihrer Begleitung heran.
Rikkinens Mund war voller Schnee. Seine Zähne schmerzten vor Kälte. Während er langsam wieder zu sich kam, spürte er das Brummen am Hinterkopf zuerst nur wie einen aufgeregten Bienenschwarm. Doch als ihn jemand um die Schultern fasste und ihm aufhalf, da zuckte der Schmerz blitzartig durch seinen Schädel. Rikkinen wollte die hilfreichen Hände abschütteln, aber allein der Gedanke, sich mehr als nötig zu bewegen, verursachte ihm Übelkeit.
Also ließ er zu, dass man ihn in eine sitzende Position brachte.
Das Letzte, woran er sich erinnerte, war der Anblick des Gegners, den er über das Eis geschickt hatte.
Widerwillig öffnete er die Augen und erwartete, diesem Mann entgegenzutreten. Doch er sah Starna und drei Fremde, die ihn umringten. Die Schamanin stützte ihn.
»Wss is?« Seine Zunge schien sich in einen Eisklumpen verwandelt zu haben, und eine seiner Wangen brannte vor Kälte. Er musste eine Weile mit dem Gesicht im Schnee gelegen haben.
Erneut versuchte er zu sprechen. »Wasch?« Verärgert, weil ihm die Zunge nicht richtig gehorchte, wischte sich Rikkinen mit der Hand über die taube Wange und zischte schmerzerfüllt auf. Richtig. Der Arm war auch noch verletzt.
»Keine Sorge, Rikkinen«, sagte Starna. »Wir sind nicht mehr in Gefahr. Das sind Späher der Adlerkrallen von den Kindern des Windes.«
Es klang wie auswendig gelernt, fand er. Irgendwie benahm sich Starna seltsam. Sie deutete bei der Vorstellung auf die drei Gestalten, die Rikkinen immer noch schweigend musterten. Sie reagierten nicht gerade überschwänglich.
Erst als er betont deutlich zurückstarrte, gaben sie mit kleinen Zeichen zu erkennen, dass sie ihn zur Kenntnis nahmen. Die Frau öffnete leicht die Augen, einer der Männer an ihrer Seite zuckte mit dem Mundwinkel, der andere hob den Finger einer locker herabhängenden Hand.
Es waren keine Menschen. Die schmalen Gesichter, die großen Augen, die unwirkliche Ruhe, die sie ausstrahlten. Nein, das mussten Elfen sein!
Rikkinen kannte Geschichten über Schneeelfen, die im ewigen Eis lebten. Rejko war ihnen einmal begegnet und hatte sie seinem Sohn beschrieben. Doch das waren keine Firnelfen, keine strahlenden Figuren aus Eis und Kristall.
Sie waren wie Jäger gekleidet, in weiches Wildleder mit Pelzbesatz, trugen Messerscheide und Pfeilköcher am Gürtel. Was hatten sie hier zu suchen?
»Wie?«, war alles, was er herausbrachte.
»Das ist Rikkinen, mein Weggefährte«, erklärte Starna. Sie blickte unsicher von einem der schönen Gesichter zum nächsten. »Er ist erfreut, euch zu begegnen.«
Woher will sie das wissen?, dachte Rikkinen missmutig.
Er fühlte sich alles andere als froh. Eine unterschwellige Spannung lag in der Luft, soviel war klar. Die Frau stieß einige melodische Worte aus und die Männer zogen Rikkinen hoch und schoben ihn vor sich her. Ihr Griff war sanft aber fest.
Er schnaufte. Sein steifer Nacken war mit der Behandlung nicht einverstanden. Rikkinen spuckte ein paar Silben aus, doch dann schloss er den Mund rasch wieder. Sein Magen hob sich, und er war kurz davor, sich zu übergeben. O nein, nicht vor diesen wandelnden Eiszapfen, schwor er sich. Im nächsten Moment brach er in ihrer Mitte zusammen.
Als er diesmal die Augen aufschlug, lag er am Rand der Senke auf einer fein gearbeiteten Decke, die nach Pferd roch. Bei ihm kniete ein weiterer Elf. Er hatte sich vorgebeugt und die Hand auf Rikkinens nackte Brust gelegt, während er einige Worte murmelte. Seine Lider waren geschlossen, das dichte blauschwarze Haar hing wie ein geteilter Vorhang zu beiden Seiten der Schläfen herab.
Rikkinen lauschte den Worten, die er nicht verstand und die doch in seinen Ohren klangen wie ein Lied. Er spürte, wie sich der Schleier über seiner Wahrnehmung hob. Die Kopfschmerzen waren nur noch eine ferne Erinnerung, und als er leicht den Arm bewegte, fühlte sich der Muskel völlig normal an.
Der Elf verstummte und blickte ihm ins Gesicht.
»Besser?«, erkundigte er sich freundlich in Rikkinens Muttersprache.
Verwirrt stammelte Rikkinen einige Worte des Dankes.
Der Elf erhob sich.
»Bleib hier«, sagte er und verschwand aus Rikkinens Blickfeld. Seine Stimme hatte neutral geklungen, aber es war klar, dass das mehr war als die gut gemeinte Empfehlung eines Heilers.
Dafür kam jetzt Starna herbei, ließ sich ebenfalls auf der Decke nieder und drückte ihm ein Bündel in die Hand. Eine Art Anaurak.
Rikkinen setzte sich auf und betrachtete das lange, pelzgefütterte Lederhemd. Auf der Außenseite war es mit vielerlei Rankenmustern und Blattwerk bestickt. Doch der Zierrat war nicht bunt, wie Nivesenstickereien. Der Faden war farblich kaum einen Ton dunkler gehalten als das Wildleder, und gerade deswegen wirkten die Verzierungen und Perlen daran wie aus dem Hemd selbst herausgewachsen.
Es kam ihm vor wie ein Festgewand.
»Zieh schon an«, drängte Starna. »Ich will nicht, dass unsere«, sie zögerte, »Gastgeber beleidigt sind, wenn du das Gewand verschmähst.«
Rikkinen fuhr mit dem Finger über die erhabenen Muster. Während er das Kleidungsstück überstreifte, sah er die dünne Narbe an seinem Arm, wo vorhin noch der Schnitt geklafft hatte. Hier arbeitete man wirklich in jeder Hinsicht äußerst fein.
»Wie ist das nur möglich?«, fragte er leise. »Die Wunde war frisch, sie hat geblutet.«
Starna zuckte die Schultern. »Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es muss ein mächtiger Zauber sein.«
»Was ist mit meinem ...«, fragte er, doch Starna unterbrach ihn bereits ungeduldig.
»Der Anaurak war blutdurchtränkt und zerschnitten. Er liegt drüben bei unseren Sachen. Aber vielleicht kann man daraus noch eine Weste machen.«
Er schüttelte den Kopf. Sein Anaurak war ausreichend in Schuss. Starna wirkte fahrig und durcheinander. Was redete sie denn da über Kleidungsstücke?
Wieder streichelte Rikkinen über das feine Muster. »Was für eine Ehre«, spöttelte er. Aber wenn er ehrlich war, fühlte sich Rikkinen wahrhaftig geehrt.
Starna biss sich auf die Lippen. Sie beugte sich vor und tat, als würde sie das Lederhemd begutachten. »Ich weiß nicht, ob wir wirklich sicher sind. Pass auf, was du sagst«, flüsterte sie mit nervösem Unterton.
Rikkinen ächzte innerlich. »Erzähl bitte alles, was ich verpasst habe.«
Starna nickte.
»Und was danach geschah, hast du ja selbst erlebt«, beendete Starna den Bericht.
»Gar nichts habe ich erlebt.« Rikkinen fühlte sich wieder gut genug, um richtig wütend zu werden. »Ich habe einen Schlag auf den Kopf bekommen, als ich versucht habe, uns aus der aussichtslosen Lage zu befreien, in die du uns gebracht hast. Und jetzt verschweigst du mir die Hälfte.«
Immer diese Geheimnisse. Er war ein Mensch wie jeder andere. Warum ließ man ihn außen vor?
Starna zuckte zusammen. »Eine Schamanin muss sich nicht vor einem Hekkla rechtfertigen, wenn sie Rauhwölfen beisteht. Es sind immerhin Nachfahren der Himmels-wölfe.« Aber dann lenkte sie ein: »Der Schlitten ist im Eis eingebrochen. Wir beide müssen jetzt versuchen, ihn zusammen herauszuziehen.« Ihre Stimme klang mühsam beherrscht und Rikkinen fragte sich, warum sie so seltsam reagierte.
»Du hast nicht richtig erzählt, was eigentlich geschehen ist«, wiederholte er ruhiger. »Wer waren diese fellbehan-genen Männer? Und wo ist der Welpe? Was machen wir überhaupt noch hier?«
Starna winkte ab. »Über die Fellbekleideten weiß ich selbst nicht Bescheid. Ich glaube, Shanaha und ihre Gefährten möchten uns erst einige Fragen stellen, ehe sie uns weiterziehen lassen.« Starna warf einen eindringlichen Blick in Richtung des schwarzhaarigen Elfen, der sich in der Nähe aufhielt und die Flanke eines der Ponys untersuchte.
Aha, dachte Rikkinen. Wir sind Gefangene und sollen befragt werden. Das war also der wahre Grund, warum sie ihm so schnell geholfen hatten. Er verstand Starnas Besorgnis, und er teilte sie.
Obwohl die Elfen ihm bisher nichts getan hatten, machten sie auch nicht gerade den Eindruck, als würden sie ihnen vollkommen vertrauen. Starna hatte Recht: Sie saßen zusammen in einem Schlitten auf dünnem Eis.
»Also«, wandte er sich mit einer unverfänglichen Frage an Starna, »wer genau sind denn nun diese Kinder des Windes!«
»Wir lyamit nennen sie auch Steppenelfen«, erklärte Starna. »Ich kenne sie nur aus den Erzählungen meiner Lehrmeisterin. Es sind Jäger und Nomaden, die so ähnlich leben wie wir.« Betreten stockte sie, als würde ihr der Unterschied zwischen beiden Völkern erst jetzt bewusst.
Rikkinen lachte freudlos. »Na also, es geht doch nichts über ein paar Gemeinsamkeiten«, sinnierte er leise.
Ein Stück weiter hinten ertönte freudiges Kläffen und Jaulen. Starnas Kopf fuhr herum.
Ein Dutzend Wölfe kam auf sie zugeschossen und umringte die junge Schamanin. Starnas Miene hellte sich auf, als sie zwischen den Tieren hockte. Immer wieder streichelten ihre Hände über die Wolfsflanken, als könne sie kaum glauben, dass die Rauhwölfe noch lebten.
»Die Wölfe danken uns für den Beistand bei diesem furchtbaren Kampf«, erklärte Starna. »Ich frage mich, wo Dreikralle bleibt. Er ist doch verwundet.«
Rikkinen nickte und hielt nach dem Wolf Ausschau. Als sein Schatten auf die Wölfe fiel, wurden sie schweigsam und gingen ein Stück auseinander. Die Abweisung tat weh, und er ärgerte sich doppelt darüber. Soviel zur Dankbarkeit!, dachte er.
»Wissen die Wölfe etwas über den Welpen?«, fragte er. Leise murmelte er Starna eine Warnung zu. »Vielleicht sind die Elfen hinter Goldglanz her? Wir sollten vor...«
Sechs Elfenspäher kamen in die Schlucht galoppiert und brachten ihre wendigen kleinen Schimmel kurz vor den beiden Nivesen und dem Wolfsrudel zum Stehen.
Rikkinen starrte Starna nur vielsagend an.
Shanaha Mistelzweig trat heran, die Frau, die hier wohl die Anführerin war. Neben ihr schritten die beiden jungen Männer einher. Auf einen Wink von Shanaha hin wendeten die sechs Reiter ihre Pferde und nur eins von ihnen blieb stehen. Starnas Augen wurden groß, als sie sah, welche Last das Firnpony trug. »Dreikralle!«