Скрипториум Авентурис

22. Kapitel

Irgendwann hörte Rikkinen Trommelschläge, und sooft er sich auch wegdrehte, sie wurden nicht leiser. Vage Bilder tauchten in seinem unruhigen Schlummer auf und flim-nnerten im Rhythmus der Trommel weiter.

Er sah eine fürchterliche Gestalt, die sich über ihn beugte: ein riesenhafter Bär mit blutigem Rachen. Rikkinen zuckte zusammen, doch da riss es ihn auch schon wieder in das nächste Bild.

Das albtraumhafte Wesen tanzte um ihn herum, reckte die Pranken zum Himmel. Mal war es ein Mann, dann wieder ein Bär. Kohlestücke sprangen aus dem Feuer, und die Funken wirbelten um das Zwitterwesen wie ein Umhang aus Licht.

Dann wieder sah Rikkinen den Unhold, eine Trommel umklammernd, die er mit Menschenarmen schlug.

Rikkinen wollte aufstehen, sich erheben, doch die Trommel dröhnte immer lauter und band ihn mit jedem Schlag fester in die Benommenheit. Aber ebenso verhinderte sie, dass er tiefer einschlief.

Wieder kniete die Gestalt bei Rikkinen. Eine aufdringliche Honigsüße sowie moschusartiger Duft drang aus ihrem Pelz zu ihm. Schweißgeruch und Räucherwerk betäubten seine Sinne. Er glitt wieder in leichten Schlaf.

Dann setzte der Schlag der Trommel aus und eine volltönende Stimme erklang. Ein kalter Luftzug fuhr über Rikkinens nackten Oberkörper. Der erstickende Geruch verwehte. Diese Erkenntnis stahl sich in sein Bewusstsein wie eine lästige Fliege, die um seine Ohren summte und ihn am Weiterschlafen hinderte. Ohne dass er genau merkte, was geschah, horchte er auf den wortlosen Gesang. Er kannte die Tonfolge.

Hier wurde ein Ritual abgehalten.

Mit diesem Gedanken schlug Rikkinen die Augen auf. Er lag zwischen den Steinen. Seine Arme waren an einem Pflock über seinem Kopf festgezurrt, seine Beine gefesselt.

Es roch nach Räucherwerk. Drei Feuerschalen standen ganz in seiner Nähe am Boden. Die Melodie schwebte um ihn, aber sie war an seinem linken Ohr lauter. Er drehte den Kopf leicht in diese Richtung. Obwohl es inzwischen dunkler geworden war (wie viel Zeit war vergangen?), konnte er im flackernden Licht zweier Feuer eine Gestalt ausmachen.

Das Wesen aus seinen Träumen war ihm in die Realität gefolgt. Der Unhold war gewaltig und zottig. Grimmig entblößte er messerscharfe Zähne, die im Feuerschein blitzten.

Rikkinen stockte der Atem. Erst auf den zweiten Blick erkannte er die Bewegungen eines Mannes unter dem schattenhaften Pelzumhang. Der Schamane hatte sich ein Bärenfell umgehängt und an den Handgelenken festgebunden. Ein bleicher Bärenschädel krönte sein Haupt, zwischen den aufgesperrten Kiefern hindurch sah man die Züge Taarjuk-Nuks, unter blutroter Farbe verborgen.

Der Schamane vollführte ziehende Bewegungen mit den Händen. Er sank in die Knie. Obwohl das Gesicht halb von dem Bärenschädel verdeckt war, sah Rikkinen Taarjuk-Nuks verdrehte Augen. Der Schamane befand sich in Trance.

Er stieß Worte hervor. Sein Kopf zuckte und der Schädel bebte.

Rikkinen musste fliehen, solange der Schamane auf Geistreise war und ihn nicht beachtete!

Er blickte umher, soweit es die Fesseln zuließen, konnte aber Pevyk nirgendwo innerhalb des Kreises entdecken. Rikkinen drehte sich und zerrte an den Fesseln, um den Pflock im Boden zu lockern. Zweimal, dreimal. Er spürte etwas an den Rippen und auch längs der Arme. Doch seine Schmerzen fanden weit entfernt von seinem Bewusstsein statt, wie in einem anderen Körper. Der Pflock kippte ein wenig.

Dann drehte der Wind und trieb ihm eine süße Duftwolke entgegen. Rikkinen hielt die Luft an, aber irgendwann musste er weiteratmen. Der schwere Rauch füllte Nase und Lungen und schickte ihn erneut ins Reich des Vergessens.

Irgendwann löste sich die erstickende Umklammerung des Räucherwerks, und Rikkinen tauchte aus dem Schlaf auf wie aus einem algendurchwobenen See. Reste der Betäubung klebten noch in seinem Bewusstsein. Lichtflecke huschten wie Schmetterlinge durch seinen Kopf. Sogar durch die geschlossenen Augen bemerkte Rikkinen die Helligkeit. Er zwang die Lider auf.

Vor ihm waberte eine durchscheinende Gestalt, schlank, in Lederkleidung gehüllt, deren Muster Rikkinen nichts verrieten ...

Weiter hinten erblickte er die Bewegungen des Bärenmannes, der im Triumph die Arme ausbreitete. Donnernd rief Taarjuk-Nuk: »Nun nimm ihn in Besitz, ehrwürdiger Ahnengeist. Dies ist dein Nachfahre Rikkinen, o Mada, Sohn der Vae! Sein Leib sei dein Leib.«

In seinem benebelten Zustand brachte Rikkinen die Worte und die Erscheinung nicht in Zusammenhang. Aber als das Geisterwesen auf ihn zuglitt und in ihn eindrang, da erfror Rikkinens Seele. Starr lag er da und musste miterleben, wie Mada seinen Körper erkundete. Für ungewisse Zeit war Rikkinen wie gelähmt. Die Anwesenheit des fremden Geistes ließ ihn zu einem bloßen Beobachter verkümmern.

Wenn er stark genug war, konnte ein beschworener Ahn den Leib seines Nachfahren für längere Zeit besetzen. Solange er wollte und vielleicht für immer, wenn ihn niemand daraus vertrieb.

So wollte Rikkinen nicht enden. Mada war dafür verantwortlich, dass er sein Leben lang von allen missachtet worden war. Und nun forderte er auch noch Rikkinens Körper. Die aufgestaute Wut der letzten Stunden entlud sich in einem herausgebrüllten Entschluss: »Niemals!«

Er konnte wieder sprechen. Überglücklich erkannte Rik-kinen, dass er die Kontrolle über seinen Leib noch nicht völlig verloren hatte. Im Tee war zwar ein betäubendes Mittel gewesen, damit er dem Geist keinen Widerstand entgegensetzte. Aber Rikkinen hatte nur einen Teil des Tranks zu sich genommen. Er war nicht bewusstlos, sondern nur benommen.

Er war stärker als sein unseliger Vorfahr.

Von dieser Erkenntnis aufgeputscht, wollte Rikkinen dem Schamanen sein Versagen entgegenspeien. »Du ...«

Aber Mada fand einen Weg. Er rann durch Rikkinens Geist wie Eiswasser, und mitten im Satz büßte dieser den Gebrauch der Zunge ein.

Er presste Luft durch die Kehle, aber kein Laut drang mehr heraus. Wenn er Mada erst erlaubte, alles zu übernehmen, dann ...

Mada wollte mit Taarjuk-Nuk sprechen. Doch Rikkinen stemmte sich dagegen. Jetzt blockierte er den Willen seines Vorfahren.

Kühl rieselte Madas Gegenwart tiefer in Rikkinens Seele. Und wie das Eis in den feinen Spalten des Gesteins Felsbrocken sprengte, so zerstörte Madas Substanz Rikkinens Widerstand. Rikkinens Selbst wurde von einer gewaltigen Lawine schmerzhafter Eissplitter fortgerissen. Er klammerte sich an den verschlungensten Erinnerungen fest, und die Eisflut kam zum Stillstand. Erschöpft kauerte sich Rikkinen in einen unbeobachteten Winkel seiner Seele. Sein Geist und der des Ahnen waren miteinander verwoben, sodass Rikkinen den Wortwechsel zwischen Mada und dem Schamanen hörte, obwohl er selbst nicht eingreifen konnte.

»Warum hast du mich aus der Ewiggrünen Ebene gerufen?« über Rikkinens Rücken lief eine Gänsehaut, als er Mada mit seiner Stimme reden hörte.

»Ich möchte dir die Gelegenheit zur Rache an den Himmelswölfen geben, die dich respektlos behandelt haben!«

»Was bietest du mir, Schamane? Stehst du nicht im Dienst der Himmelswölfe?«

»Ich bin der Bärensprecher. Ich bin Taarjuk-Nuk, und mir dient der Geist des Taarjuk. Einst haben die Himmelswölfe durch eine Schamanin diese Stadt und ihre Bewohner verflucht. Ich will ihre Seelen befreien und ein neues Volk erschaffen, das die Wölfe bekämpft.« Die Stimme des Schamanen vibrierte vor Erregung.

»Warum sollte ich dir helfen? Ich könnte mich losreißen und mit dem Körper dieses Mannes fliehen.«

Warum gab sich Mada in Taarjuk-Nuks Hand und verriet ihm seine Pläne? War er so dumm?

Der Schamane lachte, und das Brüllen des Bären hallte darin wider. »Hör dir mein Angebot bis zum Ende an. Ich sagte bereits, ich schenke dir die vollkommene Rache, Mada. Sieh her!«

Rikkinen fühlte, wie Mada erschauderte. »Der goldene Welpe«, flüsterte er. Die Worte aus seiner eigenen Kehle klangen so falsch und verderbt.

Was hatte Taarjuk-Nuk vor?

»Gleich wird der Fluch über die Stadt kommen wie ein Schneesturm. Wenn du zur rechten Zeit den götterberühr-ten Wolf dem wilden Taarjuk opferst, wird der Bärengeist mit der neu gewonnenen Macht ein Loch in den Wall reißen und die gefangenen Seelen befreien.

Denk an das Vergnügen, auch das dritte Kind Liskas zu töten und die Macht der Gottwölfe zu verhöhnen. Und auch du kannst hier bleiben. Ich biete dir die Häuptlingswürde über mein neues Volk.«

Albtraumgewobenes Grauen überfiel Rikkinen. War er für den Rest seiner Existenz an Mada gefesselt? Mit neu erwachten Kräften stieß er vor. Rikkinen spannte seine Seele an wie einen Muskel und drängte Mada aus seinem Geist.

»So sei es, Taarjuk-Nuk«, stieß er keuchend hervor, ehe Mada zurückkehrte. »Aber befreie mich endlich von den Fesseln. - Schnell!« Wenn Rikkinen jetzt einlenkte und floh, musste er nur noch mit dem Ahnengeist fertig werden. Wütend schnappte Mada nach seiner Seele. Rikkinen stöhnte, doch er hielt noch dagegen.

Zum zweiten Mal an diesem Abend durchtrennte Taarjuk-Nuk Rikkinens Bande.

Er war frei. Langsam kehrte das Blut in seine Glieder zurück. Vorsichtig, damit Mada seinem Griff nicht entkam, setzte sich Rikkinen auf. Der Schweiß verwischte bereits die auf seine Brust gemalten Symbole, die es dem Geist Madas erleichtert hatten, ihn in Besitz zu nehmen. Wie zufällig berührte er im Aufstehen die Zauberzeichen und rieb sie ab. Vielleicht...

In diesem Moment erlosch Madas wütender Ansturm.

Rikkinen horchte in sich hinein. War er den Geist so leicht losgeworden? Schweiß lief ihm über das Gesicht und brannte in den Augen. Rikkinens Füße kribbelten, und er hatte das Gefühl, auf dickem Moos zu gehen. Er biss die Zähne zusammen und trat Taarjuk-Nuk gegenüber. »Ich bin bereit.«

Der Schamane führte ihn an den Rand des Steinkreises, wo Pevyk aus zwei Tragsteinen und einem flacheren Deckstein einen Opferaltar gebaut hatte.

Seltsame Lichter zogen in hellen Streifen über den Himmel, ein grünliches Glühen wie von einem fahlen Stern. Die Nebelwand vor ihnen ragte bereits höher als die Häuserdächer. In der milchweißen Mauer wirbelten noch einzelne Schwaden umeinander wie kämpfende Schneelaurer.

Der Welpe presste sich angstvoll in eine Ecke der Kiste. Taarjuk-Nuk öffnete den Käfig, kippte ihn um und schüttelte das Tier einfach in einen groben Sack. Der Schamane faltete das Gewebe so oft ineinander, dass der Wolf davon förmlich eingezwängt wurde, und wickelte schließlich eine Schnur um das Bündel.

Der Sack wanderte Richtung Altar. Rikkinen konnte gar nicht recht sagen, ob er ihn selbst ergriffen hatte, oder ob der Schamane Goldglanz gleich auf den Altar legte. Mit einer gemessenen Geste reichte Taarjuk-Nuk nun das gebogene Messer an Rikkinen weiter. »Das Blut des Welpen wird Taarjuks Stärke nähren«, sagte er.

Rikkinen nahm die gewaltige Bärenkralle in jene Hand, in die sein Schicksal geprägt war.

Ob der Welpe in dem Sack wohl genug Luft bekam? Wieso ließen die Himmelswölfe überhaupt zu, dass er so gequält wurde? War es ihnen egal?

Ja! Sie hatten kein Interesse an denen, die leiden mussten. Darum war Kerjuk gestorben.

Rikkinen wischte sich über die Stirn.

Und waren die Gottwölfe nicht auch für Rikkinens Qualen verantwortlich? Wieso wurde er bestraft für etwas, das sein Urahn getan hatte? Rikkinen spürte, wie sich neuerlicher Zorn in seinem Magen sammelte. Alle sollten den Wölfen immer nur dienen. Aber was bekamen die Menschen zurück, wenn sie wirklich Hilfe brauchten? Rikkinen fühlte, wie seine alte Wunde wieder aufbrach.

Kerjuk musste sterben, weil er mein Sohn war. Über meine Blutlinie war auch er ein Nachkomme Madas. Die Himmelswölfe haben meine Gebete aus diesem Grund nicht erhört. Sie hätten mein Leben bekommen können, wenn sie nur Kerjuk gerettet hätten. Aber sie wussten, dass sie mich mehr quälen konnten, wenn der Kleine starb.

Das Bündel auf dem Altar bewegte sich.

»Warte, ich helfe dir«, sagte Taarjuk-Nuk und hielt das Opfer fest. Er riss ein Loch in den Stoff, und der Kopf von Goldglanz schob sich hindurch. Der Wolf biss zu.

Taarjuk-Nuk fluchte und versetzte dem Tier einen Schlag. Mit einem Aufheulen verstummte der Welpe. Taarjuk-Nuk stimmte einen Singsang an und schüttelte seine Keule. Es klang wie klappernde Totenknochen.

Probeweise glitt Rikkinens Daumen über die Außenseite der Kralle.

Du kannst mit einem Streich das ganze Unrecht vergelten, das dir angetan wurde. Danach stehen dir alle Wege offen.

Rikkinen zuckte zusammen. Ein Teil von ihm wollte den Arm heben und dem Ganzen ein Ende machen. Der andere Teil zögerte.

Sollte er ein Unrecht durch das andere ersetzen?

Der Druck hinter seiner Stirn nahm zu. Leises Summen erfüllte die Luft, wie das Sirren der Insekten über der sommerlichen Tundra. Es schwoll an, setzte kurz aus, begann wieder, alles in einem unsteten Rhythmus, der an Rikkinens Nerven zerrte.

Beschwörend schwoll die Stimme des Schamanen an. »Taarjuk, Taarjuk. Pelzhüter, Blutschmecker. Trink die Kraft der Wolfsbrut. Taarjuk!«

Rikkinen nestelte an dem Riemen, der das Bündel umgab. Ich tue das für dich, Kerjuk.

Ja. Befreie dich von der Herrschaft der Wölfe.

Rikkinen stockte. Die Hekkla zählten auf ihn. Er hatte seinem Vater versprochen, den Welpen zurückzubringen. Wie konnte er Rejko dann noch unter die Augen treten? Er hatte ihn aufgezogen wie ein eigenes Kind.

War es dir nicht eben noch egal? Er hat dich belogen! Ist das Vaterliebe?

»Mada?!«, stieß Rikkinen unwillkürlich aus und begriff. Sein Urahn hatte seinen Körper keinesfalls verlassen, sondern schlich sich in Rikkinens Gedanken.

Nein, erkannte er beschämt. All das sind auch meine Gedanken. Er nährt nur meine Zweifel. Der Welpe hat mir nichts getan. Er kann so wenig etwas für die Versäumnisse der Himmelswölfe wie ich für Madas Tat.

Stich zu, wisperte Mada.

Trotz flutete durch Rikkinen. »Keiner sagt mir, was ich zu tun habe.«

Du musst gar nichts tun, flüsterte die Stimme in seinem Inneren. Du musst einfach den Kampf aufgeben. Mada streckt den Welpen nieder, wie schon einmal. Keiner kann dir einen Vorwurfmachen.

Aber ich würde die Wahrheit kennen, setzte Rikkinen dagegen.

Es zerriss ihn fast, der Wunsch nach Vergeltung und daneben die Zweifel. Die Hekkla hatten ihn in ihre Mitte aufgenommen, obwohl er ein Abkömmling des verfluchten Madas war. Sekjera hatte ihm Liebe und ein Zuhause geschenkt, ihm sogar einen Sohn geboren. Ein Kind, ebenso verdammt wie ich!

Etwas von seinem inneren Kampf musste in Rikkinens Augen zu lesen sein, denn plötzlich trat der Schamane vor. »Fang an!«, sagte er ungeduldig. »Oder Taarjuk...« Das Summen erstarb, als hielte die Nacht den Atem an. Rikkinen konnte fühlen, wie Madas Wille seine Hand führte. Nein, beharrte er.

Dann kämpfe, flüsterte Mada. Aber du wirst verlieren, und dann wirst du dich immer fragen, ob dein Widerstand zu schwach War, weil du im Grunde verlieren wolltest!

Rikkinen hielt die Hand zurück und zitterte dabei vor Anstrengung. Stück um Stück musste er nachgeben.

Ich wiederhole Madas Frevel nicht!, dachte er zähneknirschend.

Mada lachte. Obwohl die Wölfe dich hassen, willst du einen von ihnen retten? Zu spät.

Rikkinen dachte an Dreikralle. Durch das Opfer des Wolfes waren Starna und er lebend davongekommen. Der Wolf war sein Freund gewesen. Der einzige Freund seines Lebens. Stolz und halsstarrig war Rikkinen immer schon gewesen. Genau wie sein Vorfahr. Er würde sich Mada nicht beugen.

Der Arm blieb auf halbem Weg in der Luft hängen. Rikkinen ließ das Krallenmesser fallen. Die Linien in seiner Hand erzählten etwas über die Vergangenheit. Aber über sein eigenes Schicksal bestimmte immer noch er selbst.

Mit einem dumpfen Laut schlug die Bärenkralle auf den Stein und zerbrach.

Drei Herzschläge lang stand Taarjuk-Nuk verblüfft da. Diesen Moment nutzte Rikkinen. Er schnappte das Bündel vom Altar und rannte los, den schlaffen Welpen in der Hand. Quer durch den Steinkreis, fort von der unheimlichen Nebelwand. Der Schrei des Schamanen erweckte das Summen ringsum zu neuem Leben.

Rikkinen schritt weit aus und drückte den Welpen an sich. Da prallte er gegen ein unsichtbares Hindernis und wurde zurückgeworfen. Er hörte Mada aufschreien und dann verstummen. Es war, als würden Teile aus seinem Körper herausgerissen. Einige Stellen wurden taub.

Rikkinen ruderte mit dem Arm, um Schwung zu holen. Mit aller Kraft kämpfte er gegen die Barriere an, die sich in seinen Leib sengte.

Ein Bannkreis!, erkannte er.

Kein Schamane bei Verstand würde einen Ahnen ohne Schutzkreis beschwören. Menschen konnten die magischen Linien überwinden, aber solange sich Madas Geist in ihm festkrallte, saß auch Rikkinen hier gefangen.

Taarjuk-Nuk kam auf ihn zu, das Gesicht unter der Maske wutverzerrt. Der Himmel war schwarz geworden über der Stadt. Als einziges Licht prangte das Madamal am Horizont. Von Rikkinens Position sah es so aus, als würde der Vollmond wie eine Krone über dem Bärenschädel sitzen.

Das Brausen in der Luft wurde zu einem Sturm, Holz ächzte, als habe es eine Seele bekommen. Tausend Geister seufzten auf. Der vielstimmige Gesang von Wölfen hallte durch die Nacht. Und das zornige Gebrüll eines Bären.

Die Wölfin trabte am Flussufer entlang. Sie blieb stehen und beobachtete Forellen, die das helle Mondlicht dicht an die Wasseroberfläche gelockt hatte. Speichel lief ihr im Maul zusammen, doch sie erinnerte sich an den Geschmack von geräucherter Forelle, nicht an rohen Fisch.

Die Wölfin starrte in den Fluss und musterte ihr Ebenbild. Sie spürte, dass daran etwas falsch war, doch sie wollte diesem Gedanken nicht nachgeben und drängte ihn fort. Die Nacht war viel zu schön, um sich zu grämen.

Ein Stück abseits des Flusses witterte sie heranziehenden Nebel. Ihr Fell war nass geschwitzt und sie fröstelte in der kühlen Luft. Als sie sich vom Ufer abwandte und durch das Tundragras tollte, durchzuckte sie unvermittelt eine angenehme Empfindung. Wenn Tatkraft und Lebenslust einen Duft besaßen, dann wäre er prickelnd wie diese Stelle. Dieser Ort war gut, er schenkte ihr neue Kraft.

Während sie noch dastand und das Funkeln der Erde in sich aufnahm, drang der Geruch nach Schweiß und Leder an ihre Nase: Menschen. Sie drehte den Kopf, um die Witterung nicht zu verlieren, tat einige Schritte, wollte sich Wieder abwenden. Plötzlich blieb sie mit erhobener Vorderpfote stehen. Ein weiterer Geruch kitzelte ihre Nüstern. Angst. Der Duft eines Wolfsjungen in Gefahr.

Die Wölfin duckte sich und lief los. Ihre Instinkte drängten sie vorwärts, dem Welpen zur Hilfe. Die Menschen und der junge Wolf befanden sich zusammen an einem Ort. Dort, wohin auch die Nebel zogen. Und je näher sie dem Geschehen kam, desto stärker wurden ihre Erinnerungen. Sie hatte in der Geisterwelt gekämpft und sich im Nivaleiken mit letzter Kraft verwandelt. Aber die Pranke des Bären hatte ein Stück aus ihrem Seelenleib herausgerissen. Sie hatte auf der Flucht drei Blutstropfen verloren. Damit hatte der Bär ihre jüngsten Erinnerungen geraubt, doch durch die Witterung des Welpen kehrten sie zurück.

Sie war Starna, ein Mensch, eine gestaltwandelnde Schamanin. Die Menschen weiter vorne, die sie nur als Geruchs-Wolken wahrnahm, hatten sie verraten. Ihr Herz raste.

Starna spornte sich selbst in ihrer Wolfsgestalt zu noch größerem Tempo an. Es roch nach Angst und nach Tod.

Aber sie hatte versprochen, den goldenen Welpen zu retten, und das würde sie tun.

Auch wenn das bedeutete, dass sie mit bloßen Händen gegen Pevyk und Rikkinen um den Welpen kämpfen musste. Ihre Knochenkeule und die Waffen waren zurückgeblieben. Aber sie war immer noch Wolfskind, ebenso sehr wie Schamanin. Und Wölfe ließen einander nicht im Stich.

»Verräter!«

Der Schamane stürmte auf Rikkinen los. Mit der übermenschlichen Kraft des Taarjuk versetzte er ihm einen Hieb, der Rikkinen umwarf. Rikkinen kippte gegen einen Begrenzungsstein und ließ das Bündel mit dem Welpen fallen.

Atemlos blieb er über dem Felsen liegen. Immer noch teilte er Madas Schwäche und war dazu halb betäubt von dem Schlag.

Es wurde gespenstisch ruhig. Dann klangen von der Nebelwand gedämpfte Stimmen herüber, Gesang und raues Gelächter. Der Nebel leuchtete von innen heraus in einem geisterhaften Licht.

Goldglanz hatte sich inzwischen erholt und kroch aus dem Stoffbündel. Er schüttelte sich, um den Riemen loszuwerden. Im Mondlicht schimmerte sein Fell bronzefar-ben, und der dunkler gefärbte Bereich um die Augen hob sich deutlich ab. Die dunkle Maske verlieh dem Gesicht des Wolfsjungen etwas Verwegenes. Irgendwo habe ich das schon mal gesehen, überlegte Rikkinen, während er sich von dem Stein rollte. In diesem Moment fühlte er sich seltsam entrückt, als wäre er zu einer wichtigen Erkenntnis gelangt.

Doch der Friede währte nicht lange. Taarjuk-Nuk baute sich vor ihm auf. »Zu spät!«, brüllte er und trat ihm in die Rippen. »Die Zeit des Opfers ist verstrichen.«

Rikkinen stöhnte und sackte zusammen. Goldglanz winselte beim Anblick Taarjuk-Nuks und ging hinter Rikkinen in Deckung.

Die Stimme des Schamanen bebte. »Der Fluch hat sich ein weiteres Mal erfüllt, du Verräter. Wieder habe ich ein ganzes Jahr verloren.«

»Verräter? Du denkst... du sprichst... mit Mada?«, stieß Rikkinen kurzatmig hervor. »Da muss ich dich enttäuschen.« Er fing sich einen weiteren Tritt.

Verdammter Stolz, dachte Rikkinen. Das war nicht sehr klug gewesen.

Aber es half, Taarjuk-Nuks Wut von dem hilflosen Welpen abzulenken. Das rot gefärbte Gesicht des Schamanen verzog sich zu einer Fratze, als er verstand. »Du hast Mada beiseite gedrängt. Aber trotzdem bist du hier in meinem Kreis gefangen. Und genauso wie ich Madas Geist in deinen Leib schicken konnte, so kann ich deine Seele aus dem Körper reißen und im Steppenwind aussetzen! Oder sie direkt in das Kekkasavu schicken.«

Nicht auch noch das! Rikkinen kniete geschlagen am Boden und hatte die Arme vor der Brust aufgestützt. Sein Kopf wog so viel wie ein Eisblock, und er hob ihn kraftlos an, um Taarjuk-Nuk in die Augen schauen zu können. »Nein!«, sagte er »Kein Schamane kann das.«

Die Augenbrauen des Kasknuk hoben sich spöttisch. »Ich bin der Bärenmann. Taarjuks Odem lebt in mir. Er schenkt mir große Macht. Was glaubst du, wie ich diesen verwirrten Pevyk für meinen Plan gewonnen habe?«

Rikkinen drehte sich auf Händen und Knien ein Stück herum. »Dann bist du der Überzählige und kein Mensch.« Er spie aus und schob den Welpen mit der Wade weiter hinter sich, wo ein Stein ihm Schutz bot. Anders als er war Goldglanz nicht im Bannkreis gefangen.

Taarjuk-Nuk war sich seiner Sache sehr sicher. Rikkinen betete darum, dass Schädelkrone und Fellumhang den Schamanen behinderten. Er sammelte die verbliebenen Kräfte und sprang los. Sein Kopfstoß hätte den Gegner mitten in den Magen getroffen, doch Rikkinen wurde unvermittelt gebremst und krachte hart zu Boden, ohne sich auch nur abfangen zu können. Schon vergessen? Mada führte ihn wie ein Pferd am Zügel.

Geschmeidig wich Taarjuk-Nuk dem halbherzig geführten Angriff aus. Nicht einmal der massige Bärenschädel brachte ihn aus dem Gleichgewicht.

Rikkinen wurde zermahlen zwischen Madas Vorstößen und den Stichen in seiner Lunge. Das Atmen tat weh. Er fühlte den warmen Atem des Wölfleins an seinem Bein, dann kroch Goldglanz von Rikkinen fort. Der Kleine war schlau genug, nicht fortzustürmen, sondern sich langsam und vorsichtig zu bewegen.

Ein Hieb traf Rikkinen ins Gesicht. Blut schoss seine Nase hinab. Er kippte um wie ein gefällter Baum, denn seine ganze Energie war in seinem Inneren gebunden, wo er versuchte, Mada im Zaum zu halten.

Der Welpe hatte eine Chance, wenn Mada den Schamanen nicht auf seine Flucht aufmerksam machte. Und wenn er so dumm war, zuzulassen, dass sein Beschwörer dem Körper schadete, der ihm versprochen war ... Jetzt konnte Rikkinen die Schuld an den Wölfen zurückzahlen, die Dreikralles Opfer ihm auferlegt hatte. Und sein Erbe.

Er schloss die Augen und dachte an Sekjera. Sie wäre bestimmt stolz auf ihn. Ich habe meinen Weg gewählt. Auch wenn er hier endet, so ist es mein Weg und kein vorgezeichneter Schicksalspfad. Ich habe meinen Frieden mit den Himmelswölfen geschlossen!

Kerjuk wartete schon.