5. Kapitel
Starna packte hastig Kräutermischungen, Farberden und Bannpulver in einen wasserdichten Lederbeutel. Den Beutel verstaute sie neben ihrer Ausrüstung und der Trommel in der Rückentrage. Wenn sie unterwegs die Geister rufen musste, dann war sie vorbereitet, aber weil es eilte, beschränkte sie die Zaubermittel auf das Nötigste. Warum hatte der Hekkla nicht früher von der Dringlichkeit der Aufgabe gesprochen? Wenn der Welpe nun verletzt war?
Erst hat sich Rikkinen in aller Ruhe den Wanst voll geschlagen! In der Zeit kann der kleine Wolf schon von Schneelaurern zerfetzt worden sein.
Aber dann siegte die Erfahrung über Starnas Ärger: Nach dem Eilmarsch von den Jurten der Hekkla hätte Rikkinen sowieso etwas zu sich nehmen müssen.
Kälte verbrannte das Fett von Mensch und Tier schneller als die Sonne, und daher musste man regelmäßig essen und trinken. Wer nichts mehr im Bauch hatte, wurde schnell schwach. Schwache Menschen waren der strengen Kälte und den Gefahren der Wildnis ausgeliefert.
Mit fliegenden Fingern flocht Starna ihre Haare zu zwei dicken Zöpfen. Sie legte eine fellgefütterte Hose an und zog den Anaurak aus Karenfell über. Augenblicklich wurde es ihr in der Jurte zu warm. Die knielange Jacke bot zweifachen Schutz: Innen war sie mit wärmendem Hasenpelz gefüttert, außen wiesen die langen Oberhaare Schnee und Kälte ab.
Mit den Zehen streifte Starna die Zeltschuhe ab und schlüpfte in die Fellstiefel mit den hochgezogenen Spitzen. Sie hatte die Stiefel erst heute Morgen neu mit trockenem Gras ausgestopft. Das duftige Heu hielt die Zehen warm, und sie konnte die Füllung wechseln, wenn sie feucht war.
Schnell schnürte Starna die Stiefel, klappte den farbenfroh bestickten Schneeschutz der Hose darüber und band auch ihn zu.
Sie legte ihre Schutzamulette und Talismane für die Reise an. Die Anhänger klapperten gegeneinander, als wollten sie die junge Schamanin zur Eile antreiben. Schließlich zog sie die Fellkappe mit der nach vorne gebogenen Spitze auf und legte die Fäustlinge an. Fertig!
Am Gürtel des Anauraks gab es eine besonders feste Schlaufe. Starna steckte ihre Schamanenkeule hinein. Die Keule musste mit! Nicht als Waffe, sondern als Symbol ihrer Schamanenmacht und Verbindung zu ihrer Sippe. Zur Jagd diente Starnas Wurfkeule. Das Messer hing ohnehin immer an ihrem Gürtel, Werkzeug und Waffe zugleich.
Starna stieß die Luft aus. Wenn der Hekkla es auf ein Rennen ankommen ließ, war sie bereit.
Als Starna aus der Jurte trat, wartete Kylänjak bereits neben einem mit Karenen bespannten Schlitten. Die Tiere nicken aufgeregt mit den Köpfen und die bunten Bänder in ihrem Gehörn flatterten.
Rikkinen daneben machte wieder ein saures Gesicht. Dreikralle hielt sich ein Stück abseits. Er wollte wohl die Karene nicht erschrecken. Nervös scharrte er im Schnee und drängte zum Aufbruch.
»Holla Schamanin! Steig auf, ich bringe euch noch ein Stück«, rief Kylänjak fröhlich aus. »Rikkinen hat mir von der drängenden Suche erzählt. Und da außerhalb der Wälder noch genug Schnee liegt, können wir euch schneller dorthin bringen, als wenn ihr zu Fuß lauft.«
»Aber während der Fahrt kann ich keine Fährten lesen«, kam es missmutig von Rikkinen.
Starna verbiss sich einen Kommentar. Es machte den Eindruck, als habe der Hekkla an allem etwas auszusetzen.
Unter lautem Gejohle fuhr ein zweiter Schlitten heran. Jorinen, Starnas Bruder, lenkte die Karene. Die Tiere liefen so eifrig, dass er sie kaum anhalten konnte und einen zusätzlichen Bogen um das Lager fuhr, bevor das Gespann schließlich zur Ruhe kam.
Starna deutete auf die Schlitten. »Das ist eine gute Idee, Lahti«, bemerkte sie und schaute Rikkinen herausfordernd an. »Vielleicht ist der junge Wolf verletzt oder von einem Raubtier verschleppt worden. Wir können direkt bis zu der Stelle fahren, wo die Fellflocke von Goldglanz lag, und dort mit der Suche beginnen. Vorher gibt es ohnehin keine Spuren zu finden.«
Die leichten, wendigen Schlitten boten nur jeweils Platz für einen Lenker und einen Mitfahrer. Starna fuhr bei ihrem Bruder mit, während Rikkinen in den Schlitten des Häuptlings stieg. Gleich hinter den gebogenen Kufen wurde ihr Gepäck festgezurrt. Dahinter nahmen die beiden Passagiere Platz. Der Schlittenlenker stand hinten auf den Kufen, damit er den Schlitten durch Gewichtsverlagerung zusätzlich manövrieren konnte.
Kylänjak drehte sich zu Jorinen und Starna um. Sein Gesicht war zum Schutz gegen die Kälte mit Fett einge-schmiert. Er hatte auch den Passagieren das Fett angeboten. »Achtung, gleich geht es los«, kündigte der Lahti an. »Es kann übrigens was unruhig werden. Aber keine Sorge, wir bringen euch schon unbeschadet hin. Hejo!«, rief er dann, und das Gespann zog an.
Auch Jorinen ließ seine ungeduldigen Tiere nun laufen. Knirschend zerbarst die dünne Eisschicht, die sich während der Wartezeit um die Kufen gebildet hatte. Das Eis splitterte ab, und der Schlitten flog mit einem Ruck vorwärts über den glatt getretenen Schnee.
Starna schluckte. So häufig kamen die Schlitten nicht zum Einsatz, und so spät im Frühjahr war sie noch nie gefahren.
Außerhalb des Dorfes beschleunigten die Karene noch weiter. Der Schnee war schon lange verharscht, und die Fahrt wurde die reinste Rutschpartie.
Der Schlitten schaukelte hin und her, obwohl sich Jorinen bemühte, in der Spur zu bleiben, die der Lahti gebahnt hatte. Starna kauerte sich hinter ihrer Rückentrage zusammen. Die Hufe der Karene schleuderten Eisklumpen hoch, und hinter den Kufen bildete sich eine Wolke aus Eiskristallen und fliegendem Schnee.
Ein gutes Stück vor den Schlitten lief Dreikralle voran, den Schwanz wie eine Fahne erhoben.
Sie stoben über die weiße Ebene. Die Karene rannten flink voran. Die Bänder am Gehörn flatterten im Wind, und dann und wann knallte eines wie eine Peitsche und trieb die Tiere besser an, als es die Lenker vermocht hätten.
Dann veränderte sich das Gelände, wurde von Schrunden und Schmelzspalten durchzogen. Starna musste manch harten Schlag hinnehmen, doch Jorinen steuerte jedes Mal dagegen, ehe der Schlitten wegrutschte. Bei einer dieser Gelegenheiten konnte er die Tiere nicht mehr im Zaum halten und überholte den Schlitten des Lahti.
Plötzlich bockte das Gefährt wie ein übermütiges Kalb, und Starna sank der Magen. Unter ihnen bröckelte der Firn weg und legte einen Bachlauf frei.
»Hejo, hej!« Die Peitschenschur tanzte über dem Rücken der Karene, und Jorinens Tiere zogen an. Zu spät.
Die rechte Kufe sackte ein. Starna hielt den Atem an. Wenn die Höhlung unten weiterging, würde der Schlitten einbrechen! Sie klammerte sich an der Seitenstrebe fest, um nicht aus dem schliddernden Gefährt geschleudert zu werden.
Jorinen ließ laut die Peitsche knallen. »Hej, hej! Lauft, ihr Flinkbeine.« Er warf sich mit dem ganzen Gewicht auf die noch sicher laufende linke Kufe. Der Schlitten vibrierte, und Starnas Zähne schlugen aufeinander.
Sie beugte sich so weit es ging aus dem Gestell, um das Gefährt zu stabilisieren. Der Schlitten legte sich schräg. Sobald die bedrohte Kufe frei hing, zog Jorinen den Zügel nach links. Die Karene bogen in eine Kurve, die den Schlitten von der gefährlichen Rinne fortbrachte. Das Gefährt fiel wieder hinter den Schlitten des Lahti zurück.
Starna brach der Schweiß aus. Sie ließ sich wieder in den Sitz fallen und atmete aus. Aber entspannen konnte sie sich erst wieder, als sie zwischen den lichten Birkenbeständen langsamer wurden. Hier lag weniger Schnee, und er hatte keine so glatte Kruste.
Durch die Wolke aus emporgewirbeltem Schnee, die den vorderen Teil des Schlittens umwallte, sah Starna wenig von der Landschaft. Nur Dreikralle zeigte sich beständig vor ihnen.
Starnas Gedanken flogen davon wie der Schnee an den Kufen. Sie wurde aus Rikkinen nicht schlau. Starna hoffte zum Wohle des Welpen auf eine kurze und erfolgreiche Suche. Und auch zu ihrem eigenen. Es war bestimmt nicht einfach, mit dem streitsüchtigen Hekkla längere Zeit zu verbringen.
Seine Worte von der Rettung des Welpen habe ich mit den Ohren gehört, aber nicht im Herzen, dachte sie. Kein einziges Mal hatte Rikkinen Sorge wegen Goldglanz‘ Schicksal gezeigt. Es machte den Eindruck, als sei es für ihn eine Jagd wie jede andere. Und nur die Beute war eine besondere.
Vielleicht waren ihre Sorgen aber auch überflüssig. Wenn Rejko den Rat der Ahnen eingeholt hatte, dann wusste er sicher schon mehr als Rikkinen. Möglicherweise war der kleine Wolf ja inzwischen sicher geborgen. Starna betete zu den Himmelswölfen, dass der Welpe vor Einbruch der Dunkelheit gefunden wurde.
Nach einer Weile erreichten sie ihr Ziel und Starnas herumgeschaukelter Magen kam zur Ruhe. Ein Hekkla erwartete sie am Waldrand und teilte ihnen mit, dass es immer noch keine Spur von dem Welpen gab.
Starna seufzte, doch Rikkinens Augen blitzten seltsam auf. »Bitte erkläre dem Wolf, dass er nicht auf direktem Weg zu dem Strauch laufen soll. Ich möchte hier nach Spuren suchen, ehe alles völlig zertrampelt ist«, sagte er wichtigtuerisch zu Starna. Dann wechselte Rikkinen einige Worte mit seinem Stammesgenossen, und jener machte kehrt. Vermutlich ging der Mann ins Jurtunar zurück.
Starna übersetzte Rikkinens Worte. Der Wolf blaffte nur und schnürte dann in einem Bogen in den Wald hinein. Rikkinen machte sich auf die Suche nach Spuren. Er spähte vornübergebeugt in den Schnee oder ließ den Blick über den Waldrand schweifen wie ein sichernder Wolf.
Rikkinen war kuri, unzugänglich und fremd. Er hatte kein Wort des Dankes für die beiden lyamit übrig, die sie hergebracht hatten. Und Starna fühlte sich durch seine Bemerkung über zertrampelte Spuren von der Arbeit ausgeschlossen. Allerdings war sie, ehrlich betrachtet, nur eine mittelmäßige Fährtenleserin.
Sie gesellte sich lieber den Schlittenlenkern zu. Jorinen reinigte gerade seine Kleidung von hochgespritzten Schneebrocken. Starna schob ihrem Bruder scherzhaft die Mütze von hinten ins Gesicht. »Also, das war das letzte Mal, dass ich mit dir Schlitten fahre«, sagte sie leise.
»Wieso? Du hattest doch nicht etwa Angst, oder?«, fragte Jorinen scheinheilig.
Starna schüttelte den Kopf. Ihr Bruder war immer schon etwas zu waghalsig gewesen.
Die Karene bliesen große Atemwolken in die abkühlende Nachmittagsluft und stapften ungeduldig im Schnee herum.
»Was habt ihr nun vor, Starna?«, fragte Jorinen.
»Wenn der Hekkla etwas findet, das den Wölfen entgangen ist«, Starna schnaubte verächtlich durch die Nase, »dann folgen wir der Spur. Und falls er nichts findet, dann werde ich mich mit Rejko beraten, ob ich wirklich an seiner Stelle nach Goldglanz suchen soll. Was ist mit euch?«
»Wir sollten gleich aufbrechen, damit wir vor Anbruch der Nacht zurück sind. Die Karene sind unruhig und störrisch. Sie wollen wandern und suchen Gesellschaft.«
Kylänjak gab ihm Recht. »Ich kann euch die Schlitten leider nicht überlassen. Sonst schließen sich die Tiere unterwegs noch einer wilden Herde an. Außerdem ist der Schnee tückisch und voller Hohlräume. Nur ein erfahrener Lenker sollte zu dieser Zeit mit einem Gespann unterwegs sein. Schließlich gab es auf dem Hinweg einige üble Spalten.« Der Lahti blicke Jorinen mit einem listigen Grinsen an, doch der gab dazu keinen weiteren Kommentar ab. Dann wurde Kylänjak ernst.
»Ihr solltet wegen des Wetters aufpassen. Seit zwei Tagen ist das Madamal in Nebel gehüllt. Mir gefällt das nicht«, murmelte er. »Wenn Mada seinen weißen Anaurak anzieht, könnte es kälter werden. Bleibt heut Nacht besser bei den Hekkla.«
Aus dem Wald kam ein Aufschrei.
Alarmiert fuhren die Nivesen herum und griffen nach Wurfkeulen und Messern. Doch es war nur Rikkinen, der in etwa zwanzig Schritt Entfernung im Wald kniete.
Starna wurde neugierig und brach ihren Vorsatz, den Hekkla zu ignorieren. »Hast du etwas entdeckt?«, rief sie in den Wald, doch Rikkinen antwortete nicht. Geschäftig kroch er durch den Schnee.
Starna nickte ihren Sippenverwandten zu und hob zum Abschied die Hand. »Dank euch. Ich komme hier schon mit dem Hekkla zurecht.«
Kaum hatten der Lahti und Jorinen die Zügel etwas locker gelassen, da sprangen die Karene los. Starna huschte vor dem aufstäubenden Schnee zur Seite.
Dann waren die Schlitten auch schon in einer Wolke verschwunden.
Starna spürte einen Stich, als sie daran dachte, dass sie ihre Sippe nun alleine ließ. Sie dachte an das letzte Mal zurück, als sie von ihren Leuten fortgegangen war. Dann richtete sie sich auf. Es würde alles gut gehen!
Sie folgte Rikkinens Fährte in den Wald. Solange ich in seinen Abdrücken laufe, zertrampele ich wenigstens keine Spuren.
Rikkinen war vor einer gedrungenen Birke stehen geblieben und machte ein Gesicht, als würde er sich gerade selbst beglückwünschen. Er hatte die Handschuhe ausgezogen.
»Was ist?«, fragte Starna.
Rikkinen schaute sie an, als wäre sie ein Mammut. Er musste seine Umgebung vollkommen vergessen haben. Dann aber grinste er. »Der Dieb ist unvorsichtig geworden, als er die offene Schneefläche sah.«
»Dieb?« Starna schüttelte ungläubig den Kopf. »Welcher Dieb?«
Rikkinen drückte ihr Haarflaum in die Faust.
Starna zog mit Hilfe der Zähne einen Handschuh ab und drehte die Flocke vorsichtig zwischen den Fingern. Die Haare glänzten auf ihrer Haut wie die Sonne. Das weiche Fell war weder gelb noch rötlich, sondern glitzerte metallisch hell. Sein Glanz erinnerte Starna an den Bronzeschmuck, den es bei den Händlern gab.
»Das ist vom Fell des Welpen«, erklärte Rikkinen. »Die Wölfe haben etwas davon auch weiter östlich entdeckt. Ich vermute, der Nordwind hat einen Teil des Haars dorthin geweht.«
Dann zeigte Rikkinen auf den Rand der Strauchbirke, wo feine Äste durch die Schneehaube brachen. Einer der Triebe war geknickt. »Hier hat jemand im Vorbeilaufen Schnee von dem Strauch gewischt und einen Zweig gebrochen.«
»Aber wo sind dann seine Spuren?« Starna sah vor sich nur unberührten Schnee.
Für einen Moment brach das Eis in Rikkinens Augen und machte einem gänzlich anderen Ausdruck Platz. Triumph. Er deutete unter die verzweigte Birke, wo die Schneedecke durch das Tauwasser von den Ästen bereits vollständig aufgezehrt worden war. Mit einiger Mühe konnte Starna dort einen halbrunden Abdruck erkennen, nicht länger und breiter als ihr Daumen.
»Das ist der Fußabdruck des Diebes.«
Es konnte alles sein, abgesehen vielleicht von einer Tierfährte.
»Wieso redest du immer von einem Dieb?«, fragte Star-na.
»Das ist die äußere Vorderkante eines Fußes in einem harten Schuh. Ein Jänak-Schuh. Der Schlamm ist tief eingedrückt, also ist derjenige gerannt. Er hielt den Welpen auf den Armen, denn der goldene Flaum hing auf genau dieser Höhe. Die Spur ist frisch. Wäre der Abdruck älter, hätten die Schmelztropfen ihn ausgewaschen und sich darin gesammelt. Die Vertiefung wäre zugelaufen oder voller Eis.«
Starna nickte. Das alles klang glaubwürdig. »Aber wo sind die anderen Fußspuren? Es hat hier nicht mehr geschneit, der Schnee ist schon verharscht.« Sie war vielleicht keine so gute Fährtenleserin wie Rikkinen, aber sie sah die Lücke in seiner Geschichte.
»Ja, also ...« Rikkinen geriet kurz ins Stottern. »Das weiß ich auch nicht.«
»Heya!« Der Ruf lenkte Starna ab und sie blickte sich um.
»Schamanin?« Mit hochrotem Kopf stürmte ein Junge aus dem Wald. Dreikralle trabte vor ihm, als habe er ihn hergeführt. Der Junge keuchte und stand für einige Sekunden mit vornübergebeugtem Oberkörper da, um wieder zu Atem zu kommen.
»Tinjat, was ist denn?«, fragte Rikkinen ungeduldig. »Ist der Welpe gefunden worden?« Enttäuschung überschattete für einen Moment seine Züge, doch bei den folgenden Worten wurde Rikkinen bleich.
»Es geht um den Schamanen«, sagte Tinjat und wandte sich an Starna. Bei bestimmten Lauten quietschte seine Stimme wie eine ungefettete Schlittenkufe. »Er wollte den Rat der Ahnen einholen und hat dafür den toten Eki in den Körper von Lanan beschworen. Aber dann...« Jetzt versagte seine Stimme ganz.
Rikkinen trat einen Schritt vor, und ehe Starna eingreifen konnte, schüttelte er den Jungen an den Schultern. »Nun rede doch. Was ist mit Rejko?«
Tinjat riss sich los. Er legte die Hand an die Kehle, zum Zeichen, dass er nicht sprechen konnte. »Bitte, Schamanin«, stieß er nach einem Moment mühsam hervor. »Rejko liegt wie eine gefällte Fichte da. Die Heilerin kann nichts entdecken. Sicher ist es ein böser Geist.«
Starna zögerte. Sollten sie jetzt aufgeben, wo sie gerade eine Spur gefunden hatten?
Rikkinen entschied schneller als sie. »Ich komme!«
Die Augen Tinjats wurden groß. »Aber Rikkinen, du...« Er legte ihm die Linke auf den Arm, um ihn aufzuhalten.
Rikkinen schob die Hand grob fort und stapfte vorwärts.
Starna ärgerte sich über Rikkinens unbedachte Art. »Jetzt warte und lass uns überlegen. Eher bewege ich mich nicht vom Fleck.«
Der Hekkla fletschte die Zähne wie ein wütender Taarjuk. »Rejko ist mein Vater. Was gibt es da zu überlegen?«
»Aber Rikkinen, du kannst nichts für Rejko tun«, sagte der Junge heiser. Er machte nicht noch einmal den Fehler, Rikkinen festzuhalten. Hilfesuchend sah er zu Starna hinüber. »Die Kaskju ...«
Rikkinen blieb stehen. Er nickte. »Du musst Rejko helfen«, befahl er Starna.
Starna fühlte sich hin- und hergerissen wie ein Hasenfell, das zwei Wölfen als Spielzeug diente. Einem Schamanen in Not beizustehen war ihre Pflicht. Aber sie hatte die Aufgabe angenommen, den Welpen zu suchen.
»Was ist?« Rikkinen kam ihr bedrohlich nahe. Er machte den Eindruck, als wolle er sie den ganzen Weg ins Lager der Hekkla durch den Schnee schieben.
Starnas Herz flatterte wie ein gefangenes Schneehuhn. »Sei doch vernünftig, störrischer Hekkla! Wir können den Welpen nicht im Stich lassen. Du hast gerade selber gesagt, dass ein Jänak ihn davongetragen hat. Wohin? Warum?«
»Aber mein Vater ist in Gefahr.« Rikkinens Blick wurde bittend.
Für einen Augenblick sah Starna in seine Seele. Also dachte Rikkinen doch nicht nur an sich selbst. Es gab noch etwas anderes, was ihm wichtig war. Sie wollte ihm etwas Tröstliches sagen. »Rejko ist ein Schamane. Wir Wolfssprecher reiten auf den Klängen unserer Trommeln in das Geisterreich. Wir sind mit der Gefahr vertraut«, erklärte sie eindringlich. Da kam ihr endlich der rettende Gedanke: »Ich kümmere mich um deinen Vater, wenn du in der Zeit die Suche nach dem Welpen fortsetzt.«
Rikkinen rollte die Augen. »Ist denn ein Wolf wichtiger als ein Mensch?«
»Für deinen Vater ist der Welpe so wichtig, dass er seinen Sohn auf die Suche schickte. Du darfst Rejko jetzt nicht enttäuschen.« Starna konnte Rikkinens Sorge gut verstehen, doch sie benannte das Problem. »In der Welt der Geister kannst du nichts für ihn tun. Du kannst nur seinem letzten Wunsch entsprechen.«
Starna schauderte bei den endgültig klingenden Worten, doch sie schienen Rikkinen so weit aufzurütteln, dass er endlich richtig zuhörte. Der umherirrende Blick seiner Augen wurde ruhig. Das war der Moment, wo er sich entscheiden würde.
»Geh du mit Dreikralle weiter«, drängte Starna. »Ich komme nach, sobald ich kann. Und ich verspreche, dass ich für deinen Vater alles tue, was in meiner Macht liegt.« Zur Bestätigung legte Starna die Hand auf ihre Knochenkeule. Es war ein Versprechen.
»Gut. So sei es«, sagte Rikkinen mit mühsam beherrschter Stimme.« Jäh drehte er sich fort und sah auf die weiße Ebene hinaus, die an den Wald anschloss.
Rikkinen zweifelte immer noch an seiner Entscheidung, als er die Schamanin und Tinjat zwischen den Stämmen verschwinden sah. Dann aber schulterte er entschlossen sein Gepäck und stapfte in die entgegengesetzte Richtung. Wenn er diesen Wolf rechtzeitig entdeckte, würde er ihn seinem Vater in die Jurte bringen. Vielleicht war Goldglanz das beste Heilmittel für den alten Mann. Vielleicht hatte ihn das Verschwinden des Welpens zu sehr mitgenommen. Vielleicht...
»Pah, müßige Gedanken«, brummte er
Ein Schatten erschien an seiner Seite. Dreikralle. Hatte das Wolfsvieh Starnas Worte etwa verstanden?
Ja, richtig. Rikkinen erinnerte sich, wie Starna mit dem Wolf ein oder zwei Knurrlaute gewechselt hatte, ehe die Schamanin ins Lager der Hekkla ging. Der Wolf war danach gleich zu der Fußspur gegangen und hatte eine Witterung aufgenommen.
Jetzt trabte er neben Rikkinen her.
»Siehst du, alter Knochen, ich habe eine Spur gefunden, die ihr Wölfe übersehen habt.« Rikkinen lachte trocken. »Vielleicht waren die Haare und der geknickte Ast zu weit oben für euch Vierbeiner? Manchmal sind Menschen eben doch zu etwas gut.«
Der Wolf starrte ihn mit bernsteingelben Augen an, als würde er jedes Wort verstehen. Doch das konnte nicht sein. Die Wölfe sprachen keine Menschenzunge. Sie erwarteten von den Menschen, dass sie zu ihnen in der Wolfssprache redeten. Die Menschen mussten sich an sie anpassen. Weil die Rauhwölfe im Nivesenland von den Himmelswölfen abstammten.
Aber angeblich sollten Menschen und Wölfe doch Geschwister sein.
Rikkinen zwang seine Gedanken auf das Problem der Fährte zurück. Hier in der offenen Schneelandschaft gab es keine einzige Spur, die noch in Frage kam. Rikkinen schloss die Augen und stellte sich vor, er wäre der Dieb. Was würde er an seiner Stelle tun?
... Er rannte über die harschige Eiskruste, so schnell er es vermochte. Er war klein und leicht und hinterließ keine Spuren...
Rikkinen unterbrach den Gedankengang. Das war Unsinn. Sogar ein Kind oder ein Hermelin hinterließen Fährten im Schnee! Nein, so konnte es nicht gewesen sein.
Also ein neuer Versuch:
... Er rannte über den Schnee, den winselnden und zappelnden Wolfswelpen im Arm. Das Rudel war abgelenkt durch die süße, warme Beute, die er den Wölfen entgegengetrieben hatte. Doch trotzdem würde dieses Täuschungsmanöver nicht ewig dauern. Er musste sich beeilen.
Da endlich, der Waldrand. Wieder drehte sich das Wolfsjunge in seinen Armen und wollte flüchten. Der Wolf jaulte und entglitt seinem Griff wie ein glitschiger Aal. Er konnte den Burschen gerade noch festhalten, verlor aber beim Lauf ein wenig das Gleichgewicht. Seine Schulter streifte Schnee von der verkrüppelten Birke, brach ein kleines Ästchen. Unbemerkt blieb ein Stück goldenes Wolfsfell am Busch hängen.
Außerdem war er in den weichen Matsch geraten und hinterließ einen Fußabdrtick. Die Eile trieb ihn voran, sodass er die Spur übersah.
Ja, und dann?
Rikkinen rieb sich die frostgeröteten Augen und ließ den Blick über die stille Landschaft schweifen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Dreikralle ein Bein hob und sich an einem vom Wind zusammengetragenen Schneehügel erleichterte.
Nun, das half ihm auch nicht weiter.
Seine Gedanken huschten davon.
Er war ein Nivese. Die Hekkla waren ihm mit ihrem Reichtum an Karenen schon lange ein Dorn im Fuß. Ihre geschickten Jäger fingen ihm das Wild vor der Nase fort. Doch eines Tages sah er die Gelegenheit zur Vergeltung. Er heckte einen Plan aus und stahl den goldenen Welpen. Im Jurtunar wurde er als Held empfangen. Die lyamit töteten den kleinen Wolf und ihr Anführer machte eine goldene Mütze aus seinem Fell. Zur Ablenkung schickten sie ihm ihre Schamanin, die die Hekkla in falscher Sicherheit wiegen sollte.
Rikkinen unterbrach das Gedankenspiel und spie aus. Das war lächerlich. Aber wer konnte schon etwas für seine Phantasie?
Aber er selbst hatte den abgegrenzten Abdruck gesehen. Er stammte nicht von einem weichen Nivesenstiefel. Rikkinen seufzte. Wurde es nun einfacher oder schwieriger durch diese Erkenntnis? Er klopfte mit dem Zeigefinger gegen die Lippen, während er nachdachte.
Der beste Jäger konnte sich vollkommen in seine Beute hineinversetzen, ihr Vorgehen vorhersehen und ihrer List begegnen. Das hatte ihm der gut zehn Jahre ältere Jasu immer eingeschärft, von dem die Kinder der Hekkla das Fährtenlesen lernten. Rikkinen hatte es schließlich mit viel Übung darin zur Meisterschaft gebracht - aber Jasu war trotzdem niemals sein Freund geworden. Die anderen Kinder neideten Rikkinen seine Erfolge. Er war ein guter Fährtenleser geworden, doch einsamer als je zuvor.
Rikkinen schluckte die aufwallenden Gefühle hinunter. Auch darin besaß er eine gewisse Übung. Also noch ein Versuch:
Ich bin ein Fremder im Nivesenland. Ich sehe den goldenen Welpen und beschließe, ihn zu stehlen. Da ich ein guter Jäger bin, hinterlasse ich keine Spuren.
Schleichen dauert lange und ich weiß, die Wölfe werden mich jagen. Der Welpe wird lästig. Einmal springt er mir fast aus dem Arm. Also eile ich dahin, wo ich in Sicherheit bin. Wo ich schneller laufen kann, ohne dass jemand meine Spuren findet. Ich laufe zur Straße.
Die Straße. Rikkinen atmete scharf ein. Bei dieser Idee hatte er zum ersten Mal ein gutes Gefühl. Auf der Straße war auch zu dieser Jahreszeit viel Volk unterwegs. Wenn man der Schneedecke nicht mehr trauen konnte, ging man zu Fuß, ritt auf einem Pferd oder fuhr in einem Wagen. Die Spuren des Einzelnen verwischten und gingen im Stampfen vieler Lasttiere und dem Rollen vieler Räder unter.
Es war wahrscheinlich, den Dieb auf der Straße zu finden, und es gab nur eine große Straße - jene, die sich längs des Flusses Oblomon durch die Taiga schlängelte.
Rikkinen marschierte los. Er hatte ein Ziel.
Nach einigen Stunden war er beinahe trunken vor kalter Luft und Erschöpfung. Den ganzen Tag war Rikkinen auf den Beinen gewesen und hatte ein Gutteil der Strecke laufend zurückgelegt. Nun forderte sein Körper Ruhe. Er entdeckte einen umgestürzten Baum und beschloss, dort den Rest der Nacht zu rasten.
Die Zirbelkiefer war hoch eingeschneit. Ihre Wurzeln waren mitsamt dem Stamm ausgerissen und bildeten zur einen Seite hin einen guten Windschutz. Rikkinen grub eine schmale Höhle in den angewehten Schnee unter dem Stamm, zwischen Ästen und Wurzelwerk. Den Boden der Schutzhöhle legte er mit abgeschnittenen Kiefernzweigen aus und baute sich dort ein Notlager. Den vorderen, offenen Teil der Höhle hängte er mit einer Lederdecke zu und stellte sein Gepäck davor, um die Lücke zusätzlich abzudichten.
Kurz überlegte Rikkinen, ob er den Wolf mit in den Schutzbau einladen sollte. Das Tier würde zusätzliche Wärme in die Höhle bringen. Andererseits konnte Rikkinen Dreikralle nirgendwo entdecken. Der sucht bestimmt wieder ein stilles Plätzchen zum pinkeln, überlegte Rikkinen und dachte amüsiert daran, dass der Wolf schon den ganzen Abend längs ihres Weges markiert hatte.
Also, inzwischen müsste seine Blase wirklich leer sein.
Aber Dreikralle war kein junges Tier mehr, und vielleicht hatte er wirklich eine schwache Blase - ein guter Grund, ihn nicht in den Unterschlupf zu lassen! Aber warum hatten die Wölfe für ihren eigenen Welpen nur einen nutzlosen alten Wolf übrig, während sie von den Menschen den besten Jäger und einen Schamanen forderten? Auch das war im Grunde eine Beleidigung ...
Außerdem waren menschliche Schutzhöhlen für die Rauhwölfe bestimmt auch so etwas wie Jurten. Und die mochten sie ja seit Madas Tagen ohnehin nicht mehr mit Menschen teilen. Mit einem letzten Blick in die Dunkelheit zog Rikkinen die Rückentrage dicht in die Öffnung und versiegelte die restlichen Lücken mit Schnee. Nur zwei schmale Luftlöcher ließ er frei.
Es war nicht mehr so frostig, dass Rikkinen ein Feuer benötigte, und bald schlief er ein.