14. Kapitel
Das Pferd stieß Dampfwolken aus und blies Nekaar seinen schweren Atem in den Nacken. Nekaar drehte sich um und fuhr dem Braunen über das zerzauste Brustfell. Das Pferd war schweißnass. Lange würde das Tier nicht mehr durchhalten. Die letzten Tage waren sie fast ununterbrochen unterwegs gewesen. Und jetzt, nachdem er gerade erst angekommen war, musste er schon wieder weiter
Für einen Moment verharrte Nekaar. Der Braune ließ den Kopf hängen und versuchte, zu Atem zu kommen. Auch er selbst war angestrengt, doch lange nicht so erschöpft wie das Pferd. Nein, sein Zauber schenkte ihm genug Kraft, um den Verfolgern zu entkommen. Und die Magie der Geister verbarg jede seiner Spuren. Wenn die Fremden ihm folgen wollten, würden sie nur die Huftritte eines reiterlosen Pferdes sehen. Und von denen gab es viele, nachdem er bei seiner Flucht aus dem Talkessel die Tiere der Pelzjäger freigelassen und fortgepeitscht hatte.
Gut, dass er den Käfig mit der kostbaren Beute noch nicht von seinem Pferd losgeschnallt hatte. So war ihm die rasche Flucht geglückt, während im Tal noch der Kampf tobte.
Die Vorsehung hatte ihm geholfen, die Jägerbande zum richtigen Zeitpunkt loszuwerden.
»Die Macht Taarjuks hat mir beigestanden, hörst du? Nicht die der Himmelswölfe!«
Unter dem keuchenden Luftholen des Pferdes und den eigenen Atemzügen hörte Nekaar den Welpen angstvoll winseln. Der Wolf verstand die Worte vielleicht nicht, aber er erkannte die Drohung in Nekaars Stimme.
Sonst war die Töle geknebelt, sodass sie nicht um Hilfe rufen konnte, aber noch genug Luft bekam. Aber hier in der Einsamkeit würde keiner das Gejaule hören.
»Ich pass schon auf dich auf, keine Angst!«, versprach Nekaar mit geheucheltem Mitgefühl. Der Wolf durfte nicht sterben. Noch nicht.
Nekaar trat einige Schritte beiseite, um ungestört lauschen zu können. Längst schon waren die Kampfgeräusche hinter ihm verebbt. Das Kribbeln im Nacken, das unangenehme Gefühl, belauert zu werden, war verschwunden. Die Verfolger mussten aufgegeben haben.
Er fragte sich, wer die fremden Reiter waren, die ihre Gruppe überfallen und die letzte Jagd vereitelt hatten. Wie viele Bornländer waren wohl ohne Pferde entkommen?
Nekaar schnaubte verächtlich.
Letztlich war es egal, was aus seinen Verbündeten wurde. Lange genug hatte er sich über Danja Notjes und ihre Bande bornländischer Pelzjäger geärgert. Aber sie waren ihm nützlich gewesen. Unter den vielen rauen Gesellen fiel so einer wie er kaum auf.
»Weißt du, ich wundere mich nur, dass die Pelzjäger nicht schon längst in Schwierigkeiten geraten sind. So eine auffällige Bande ungehobelter Jänak.«
Er lachte, und bei dem unerwarteten Geräusch zuckte das Pferd zusammen und drehte nervös die Ohren. Aber dann zog es wieder müde ein Hinterbein unter den Leib und döste weiter.
Nekaars Lachen verstummte. Nur ein leiser Nachhall wehte noch durch den kahlen Wald.
»Ohne mich wären die nie zu Wohlstand gekommen.«
Nekaar war mit ihnen kreuz und quer durch den Norden gezogen und hatte sie auf die richtigen Spuren gesetzt. Danja Notjes und ihre Leute erschlugen seine ärgsten Feinde. Und dafür, dass sie Wölfe töteten, um ihre Pelze zu verkaufen, hatte Notjes ihn sogar noch als Fährtenleser entlohnt.
Er hatte sie immer um die Lager der Nivesen herumgeführt und dann die Wölfe gerufen. Sie vertrauten einem, der ihre Sprache kannte ...
Nekaar achtete darauf, dass von den Rudeln kein Tier übrig blieb, das ihn verraten konnte. Wenn es zu schwierig wurde, ungestört Beute zu finden, zogen sich die Pelzjäger jenseits der Tundra in Danja Notjes Heimatlande zurück. So hatten sie seit zwei Wintern ein gutes Auskommen gehabt. Doch das genügte Nekaar nicht. Was sollte er mit Geld?
Nur sein kalter Hass auf die Wölfe trieb ihn immer wieder mit den Jägern hinaus. Bis er die Spuren eines großen Wolfsrudels im Gebiet des Nuran Trasic entdeckte. Nekaar war für gewöhnlich darauf bedacht, verbündete Rudel der Nivesen zu schonen. Die Tundra war groß, aber Gerüchte verbreiteten sich mit der Wanderung der Karene. Es wäre auffällig gewesen, wenn häufiger ganze Rudel spurlos verschwanden, die regelmäßig Kontakt zu Nivesen hatten.
Also erkundete Nekaar zunächst auch dieses Rudel. In dem Augenblick aber, wo er den goldfarbenen Welpen an der Seite seiner Mutter sah, wusste er, dass er die Pelzjäger nicht mehr lange brauchte. Denn auf seinen Wanderungen war ihm eine Geschichte zu Ohren gekommen: ein mächtiger Fluch einer mächtigen Schamanin - und der Untergang einer Stadt. Und der goldene Wolf sollte ihm die Möglichkeit verschaffen, den Fluch für seine Zwecke zu nutzen.
Tagelang hatte er die Wolfshöhle und ihre Umgebung ausgekundschaftet. Dann hatte Nekaar mit seinem gesammelten Goldstaub die Hilfe einer kundigen Hexe gekauft, die für die Ablenkung der Alttiere sorgte.
Mit einem norbardischen Wagen zum sicheren Transport der Beute und zwei Bornländern war er zur Wolfshöhle zurückgekehrt. Notjes und ihre Leute sollten bei dem Karren zurückbleiben. Doch die ausgefuchste Pelzjägerin hatte ihm nicht über den Weg getraut. Höchstpersönlich fing sie ihn unweit der Wolfshöhle ab, als er mit der Beute flüchtete.
»Verflucht seien die Ahnen dieser Jägerin«, knurrte er.
Wieder jammerte der Welpe leise vor sich hin.
Nur er hatte den Wolf holen können, er mit seinem Zauber, der keine Spuren hinterließ. Danja Notjes verstand ihr Handwerk, sie hatte ihre Fährte verwischt. Doch die Bornländer konnten sich niemals so unauffällig bewegen wie er.
Nekaar hatte gespürt, dass die Verfolger hinter ihnen waren. Auf den Spuren der fremden Pelzjäger würden sie früher oder später auch ihn finden, und alle Mühe, des Welpen habhaft zu werden, wäre umsonst gewesen.
Die Hoffnungen, die er mit dem goldenen Wolf verknüpfte, wären zu Staub zerfallen wie ein vermodertes Seil.
Er hatte gewusst, dass er die Jänak loswerden musste. Aber das Schicksal war sogar ohne sein Zutun auf weißen Pferden zu den Bornländern gekommen.
Und nun war er frei, seine Bestimmung zu erfüllen. Immer noch brannte in Nekaar der Ehrgeiz, Schamane zu werden. Immer noch verlangte es ihn danach, wieder Teil einer Sippe von seinesgleichen zu sein. Und der Welpe diente als Lockspeise für das Schicksal.
Er durfte jetzt nicht trödeln. Er hatte ein Ziel. Und die Geister warteten nicht.