Скрипториум Авентурис

15. Kapitel

»O nein!«

Starna stürmte nach vorne. Die Wölfe rings um sie brachen in lautes, klagendes Geheul aus. Mit drei Schritten war sie neben dem Pony. Schlaff lag Dreikralles Körper vor dem Reiter über dem blanken Pferderücken.

Starna vergaß jede Scheu vor dem elfischen Reiter und seinem Tier. Sie stürmte auf Dreikralle zu, grub ihre Hände in sein Fell und streichelte seinen Fang, in der Hoffnung, ihm ein Lebenszeichen zu entlocken. Doch der Körper des Wolfs war kalt. Dreikralles weise Augen blieben für immer geschlossen.

Der Elf glitt geschmeidig vom Pferd und nahm den Wolf auf die Arme. Dann bettete er Dreikralles sterbliche Überreste vor Starna in den Schnee.

Leicht wie eine Feder legte der Reiter seine Hand auf Starnas Schulter. »Es tut mir Leid, ich konnte ihm nicht mehr helfen.«

Durch einen Tränenschleier beobachtete Starna, wie die Elfen miteinander sprachen. Auch das letzte Pferd wurde fortgebracht, und anschließend versammelten sie sich alle um ein Feuer, das einer der Männer an einem windgeschützten Platz angezündet hatte.

Die meisten Wölfe sprangen zurück ins Tal, wo sie sich mit den verletzten Mitgliedern des Rudels beschäftigten und ihnen die Kunde von Dreikralles Tod brachten. Doch zwei der älteren Tiere blieben bei Starna. Sie war dankbar für ihre tröstliche Gegenwart.

Starna schluckte die Tränen herunter, doch es kamen immer neue nach. Irgendwann gab sie den Kampf auf, und es war ihr egal, ob die Steppenelfen oder Rikkinen ihre Trauer beobachteten.

Der graue Himmel lastete über der Stätte. Jetzt, wo sich der Rauch verzogen hatte, waren in dem stillen Talkessel die Spuren des Kampfes zu erkennen. Starnas umflorter Blick streifte den zerwühlten und blutbefleckten Schnee der Talsohle. Wie schwarze Schlünde stachen die Aschehaufen der Feuer heraus, daneben lagen die Leiber der getöteten Wölfe, das Fell blutverklebt.

Starna wollte nicht allzu genau hinschauen, doch die verkrampften und geknickten Läufe, die halb geöffneten Mauler und zerschmetterten Glieder zogen ihren Blick geradezu an. Sie erinnerte sich an ihre Vision bei Rejkos Krankenlager. Ein Meer aus Blut, Berge getöteter Wölfe ...

Starna schauderte, und sie zwang ihren Blick weiter.

Die Elfen hatten die Körper der Wolfsjäger an Ort und Stelle belassen, und auch die beiden Hundebestien lagen da, wo sie gestorben waren.

Wie man jetzt sehen konnte, trugen die Jäger unter den Fellen Rüstungen. Eisen und Leder hatte sie gegen die Bisse der verzweifelten Wölfe geschützt, die sich gegen ihre Peiniger wandten.

Jetzt bewegte sich nur noch das Rudel im Tal. Immer wieder liefen überlebende Wölfe zu den toten Gefährten, drückten ihre Nasen in das Fell oder an das Maul. Zwei Jungtiere waren dem Gemetzel wie durch ein Wunder entkommen. Leise winselten sie neben dem steifen Körper der Mutter und versuchten vergeblich, sie ins Leben zurückzurufen.

Bei diesem Anblick schossen Starna erneut Tränen in die Augen. Die Welpen konnten nicht viel älter als Goldglanz sein. Sie schlang die Finger ineinander und ließ den Kopf hängen.

Starna fehlte die Kraft, auf dem Schlachtfeld nach dem Welpen zu suchen. Sie würde später gehen, sobald die bleierne Schwere aus ihren Gliedern verschwunden war. Einer der beiden Rauhwölfe blies ihr seinen warmen Atem entgegen und lenkte sie von ihrem Schmerz ab.

Es gab Hoffnung. Starna dachte an die überlebenden Wölfe, an alle, die nur leicht verletzt am Rand des Waldes ihre Wunden leckten. Ohne Dreikralle wären sie gestorben. Und wir mit ihnen.

Eine Weile schwiegen alle um das Feuer. Die Kinder des Windes respektierten Starnas Schmerz. Dann wandte sich Shanaha an die beiden Nivesen.

»Als wir heute unterwegs waren, rannte uns dieser Wolf entgegen.« Sie deutete auf Dreikralle. »In seinem Leib steckte ein Pfeil. Doch statt vor unseren Jägern davonzulaufen, schleppte sich das Tier mit letzter Kraft in unsere Richtung. So etwas hatten wir noch nicht erlebt. Die Wölfe fürchten unsere Waffen und den Tritt der Firnponys. Sie wissen, dass wir sie unerbittlich von unseren Weidegründen fern halten, wenn die Stuten trächtig sind oder die Fohlen auf zittrigen Beinen laufen. Doch dieser Wolf näherte sich ohne Scheu und bat uns um Hilfe für zwei seiner Nivesenfreunde. Fremde Jäger schlachteten ein Wolfsrudel ab, so erzählte er. Noch ehe wir etwas für ihn tun konnten, starb der tapfere Wolf.«

Starna zuckte bei diesen Worten zusammen.

»Wir Späher entschlossen uns, nach dem Rechten zu sehen. Fremde Jäger in unseren Jagdgründen sind eine Angelegenheit, die unseren Stamm betrifft. Und wir hatten Gerüchte gehört, Gerüchte von Jägern, die grausam Jagd auf eine Beute machen: Wölfe.«

Wolfsschlächter! Starna krampfte die Finger stärker ineinander. Hatten die Himmelswölfe ihr damals eine Warnung geschickt? Sollte sie als Schamanin eine Aufgabe erledigen? Vielleicht verbarg sich mehr hinter der Angelegenheit mit dem goldenen Welpen, als sie oder Rikkinen auch nur ahnten. Starna seufzte leise.

Shanaha sprach unbeirrt weiter. »Der Wolf hatte wahr gesprochen. Die fremden Jäger besaßen Hunde, verderbte Geschöpfe aus der Zucht der Orks. Sie waren unser erstes Ziel. Wir entdeckten weitere Abscheulichkeiten. Sie trieben ihre Beute mit Feuer aus dem Wald, in das sie Gift mischten. Dieser übel riechende Rauch sollte die Wölfe ersticken.«

Starna zitterte unwillkürlich; und ihre Stimmung übertrug sich auf die zwei Wölfe. Leise winselten sie und stapften unruhig im Schnee.

Shanaha blickte reihum. »Wir haben die Wolfsjäger für die Verletzung unserer Jagdgründe bestraft. Doch was geschieht mit den Nivesen, die wir aufgegriffen haben?« Sie wandte sich jetzt direkt an Starna und Rikkinen.

»Sagt, was bringt zwei nivesische Jäger ohne ihre Herde und ohne Sippe so früh im Jahr in die Tundra? Und wer seid ihr, dass ein Wolf sein Leben opfert, um das eure zu retten?«

Starna tauschte einen Blick mit Rikkinen. Sie sah, wie er trotzig die Unterlippe vorschob, und bekam Angst, dass er sich von seinem Temperament hinreißen ließ. Er hatte ihre Situation hier nicht gut aufgenommen.

»Es stimmt, wir sind Jäger«, sage sie hastig, um ihm zuvorzukommen.

Leises Gemurmel breitete sich unter den anwesenden Elfen aus. Feindselige Blicke trafen die Nivesen. Die beiden Wölfe rückten näher an Starna heran.

»Aber wir jagen nichts, was den Steppenelfen gehört. Wir suchen einen jungen Wolf, der seiner Mutter gestohlen wurde, und zwar von diesen Wolfsjägern.«

Bei Starnas Eingeständnis fuhr Rikkinen auf. »Was soll...?«

Doch Starna redete einfach weiter und ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Dreikralle, Rikkinen und ich als Schamanin der lyamit sind schon einen halben Mond auf der Spur des Wolfsräubers und fern der gewohnten Wege der Herden. Wenn wir dabei unerlaubt in euer Gebiet eingedrungen sind, bitte ich dafür um Entschuldigung. Wir wussten nicht, dass euer Stamm darauf Anspruch erhebt.

Unterwegs haben wir kein Tier gejagt und kein Kraut gebrochen. Wir möchten nur den Welpen finden und in unsere Jurten heimkehren.«

»Und wurde der Welpe gefunden?«, fragte Shanaha.

Starna schüttelte den Kopf. »Wir folgten der Spur des Diebes in dieses Tal. Aber dann sind wir in die schändliche Jagd geraten, ehe wir nach dem Welpen schauen konnten. Rikkinen und ich versuchten, die Jäger abzulenken. Dreikralle hat sein Bestes gegeben, um wenigstens einige Wölfe zu retten. Aber es waren einfach zu viele Gegner Und dann sah ich...«

Starnas Stimme versagte bei der Erinnerung an die Ereignisse. »... wie Dreikralle das Tal verließ. Ein Pfeil traf ihn, doch er lief weiter.« Sie schluckte. Es tat so weh, als habe sie der Pfeil selbst getroffen. Doch es war die Trauer um den Wolf, die in ihr wühlte.

»Wieso ist Dreikralle fortgelaufen?«, forschte die Elfe weiter.

Wie konnte Shanaha nur so unbeteiligt bleiben? Starna hatte gerade einen Freund verloren, und nun kamen nur bohrende Fragen. Dabei war Shanaha dem waidwunden Wolf doch selbst begegnet.

»Es war der einzige Ausweg aus der Todesfalle. Ich ...« Starna begann zu stottern. »Ich dachte, er hätte den Welpen ausgemacht.« Sie hatte gehofft, dass Dreikralle vielleicht andere Wölfe zur Hilfe rufen würde.

»Wir hatten keine Zeit für Ratespiele um den Wolf. Schließlich waren wir in den Kampf verstrickt«, warf Rikkinen ein. »Außerdem ist der Wolf unser freier Gefährte gewesen, nicht unser Sklave.« Seine Stimme klang belegt.

Starna horchte bei diesen Worten auf. Sie klangen wie ein Echo ihrer eigenen Vorhaltungen vor einigen Tagen. Nein, das war ja erst vorgestern gewesen! Heute früh hatte Dreikralle den Welpen aufgespürt, und seither war vieles geschehen. Die Begegnung mit dem Goblin und die Ereignisse im Tal. Dreikralles Tod.

Es stach in Starnas Brust. Der Wolf war ihr während der Reise ans Herz gewachsen. Doch sie musste auch an den Welpen denken.

»Lasst uns gehen«, bat sie die argwöhnischen Steppenelfen. »Wir sind euch für den Beistand dankbar. Und für Rikkinens Heilung. Doch das Einzige, was uns in diesem Tal noch interessiert, ist Schimmerglanz‘ Sohn. Wir müssen wissen, ob er sich hier noch irgendwo versteckt hält oder immer noch gefangen gehalten wird.«

»Ihr macht eine weite Reise wegen eines jungen Wolfes. Und dann tretet ihr gegen einen übermächtigen Feind an, um ein fremdes Rudel zu retten«, sinnierte Shanaha, als würde sie den Geschmack der Worte im Mund prüfen wie ein unbekanntes Gericht. »Ist jetzt nicht die Jahreszeit, in der die Karene ihre Wanderung beginnen? Sollten Nivesen nicht bei den Ihren sein und auf die Herde achten?«

»Die Wölfe sind unsere Verbündeten und Freunde. Als Schamanin ist es meine Pflicht, den Rauhwölfen zu helfen. Denn sie stammen direkt von den Himmelswölfen ab, die die Geschicke der Menschen bestimmen.« Starna legte zur Bekräftigung die Hand an ihre Schamanenkeule.

»Ach ja, die Gottwölfe der Nivesen«, warf einer der jungen Männer spöttisch ein. Er strich sich das locker fallende, helle Haar hinters Ohr.

Shanaha winkte ab. »Es ist gut, Alarion«, sagte sie. »Du weißt, wie Menschen sind.«

Doch Alarion wollte sich nicht geschlagen geben. Sein Kopf zuckte vor, und wieder löste sich eine blonde Strähne hinter dem Ohr, das eine umwundene Kette mit einem geschnitzten Habicht aus Horn schmückte. »Du merkst selbst, Shanaha, das hier ergibt alles keine Harmonie. Wolfsjäger, Wolfsfreunde, Wolfswelpen. Doch was ist mit dem Goblin? Davon spricht keiner.« Er stülpte die Lippen vor, als ärgere ihn der Klang der Worte und als wolle er sie am liebsten ausspeien.

Starna zuckte zusammen. Surg ist auch hier, dachte sie beklommen. Würde seine Anwesenheit das Misstrauen der Elfen anfachen? Shanaha nickte und ließ sich nicht anmerken, ob sie Starnas Regung bemerkt hatte. »Meine Späher sagen, dass sie hier Spuren von einem Goblin gefunden haben. Was könnt ihr mir darüber erzählen?«

Betreten schwieg Starna, doch Rikkinen sprang rettend ein. »Ach ja, der Goblin«, sagte er. »Wir stießen vorhin auf einen Rotpelz, der ein paar Schneelaurer aufgebracht hat. Ich hasse die Biester.« Rikkinen schnaubte und es blieb offen, ob er damit Goblins oder Schneelaurer meinte. »Vielleicht gehört der kleine Bastard zu den Wolfsjägern und ist uns hinterhergeschlichen.«

Starna sträubte sich innerlich gegen diese Darstellung der Dinge. Aber wenn sie darüber nachdachte, hatte ihnen der Goblin bisher wirklich nur Ärger gebracht.

Alarion schaute von Starna zu Rikkinen und wieder zurück. Sein Blick war eisig wie Gletscherwasser. »Oder vielleicht ist der gobian ebenso ein Spion wie ihr, der unsere diundra auskundschaften soll. Nicht, dass ein zerzauster Goblin das Lager der Kinder des Windes jemals finden würde. Aber wenn der gobian unter die Hufe von Schneeflocke gerät«, bei diesen Worten blickte er Starna an, »rettet ihn keiner mehr.«

Jetzt erinnerte sich Starna daran, woher sie das Gesicht kannte. Der Elf mit den Raubvogelaugen war der Jäger, den Shanaha im Kampf fortgeschickt hatte, als er bereits auf Starna angelegt hatte. War er deswegen auf Streit aus?

Doch Shanaha breitete die Hände in einer beruhigenden Geste aus und lächelte. »Nehmt die Worte von Alarion Habichtkind nicht allzu ernst. Wir mögen die Goblins nicht, doch mit friedlichen Wanderern pflegen wir keinen Hader.« Shanaha strich mit dem Zeigefinger über den goldenen Halbmond ihrer rechten Augenbraue, und ihre Miene trübte sich.

»Allerdings gibt es einen überlebenden Wolfsjäger. Ral-lion hat noch während des Kampfes gesehen, wie jemand mit einem Pferd am Zügel in den Wald entkam. Er schenkte ihm zuerst keine Beachtung. Meine Späher haben den Mann später gemeinsam mit dem Rest des Rudels verfolgt.

Doch jemand hat alle Pferde freigelassen, und so gab es viele Hufspuren. Wir haben im Wald die Spur verloren.«

»In welche Richtung ist...«, begann Rikkinen.

Doch Alarion mischte sich wieder ein. »Das ist egal. Der kommt ohnehin nicht zurück.«

Starna tauschte einen Blick mit Rikkinen. Die Wölfe hatten ihr nichts von einem fremden Welpen berichtet. Eine innere Stimme sagte ihr, dass der Welpe gemeinsam mit dem Mann verschwunden war. Sie kamen zu spät.

Shanaha erhob sich, trat beiseite und winkte die anderen Elfen herbei. »Ich muss mich kurz mit den Meinen beraten«, erklärte sie. »Danach seid ihr frei zu gehen, wohin euch der Wind führt.«

Alarion schritt unterwegs dicht an den beiden Nivesen vorbei: »Betet zu euren Wölfen, dass der Wind euch nicht noch einmal vor meine Speerspitze führt.«

Abrupt bog er ab und drehte ihnen den Rücken zu.

Diese letzten Worte brachen den Bann. Rikkinen stürmte vor. Alarion blieb abwartend stehen. Aber noch ehe der Hekkla den Steppenelfen einholen konnte, trat ihm der rabenhaarige Heiler von vorhin in den Weg. »Ich möchte ungern noch einmal meine Zauber für dich sprechen. Oder für Alarion«, sagte er leise.

Alarions Schultern ruckten hoch, dann aber stapfte er weiter, als sei nichts geschehen.

Der Heiler legte die Hand auf Rikkinens Arm. »Verzeih die ungehobelten Worte meines Bruders, Mensch, um meinetwillen. Schließlich bin ich es, der dem zerrupften Habicht jedes Mal die Federn wieder glatt streichen muss.«

Starna beobachtete, wie Rikkinen die Fäuste ballte. Doch er wehrte sich nicht gegen den leichten Griff des Elfen. »Weil du es bist«, lenkte er ein und marschierte in die andere Richtung.

Starna gab sich einen Ruck. »Ich danke dir!«, sagte sie. »Mein Gefährte ist manchmal schwierig, aber er meint es häufig nicht böse.«

Der Elf nickte. Er hob die Decke aus dem Schnee, auf der Rikkinen vorhin noch bewusstlos gelegen hatte. Er pfiff, und ein weißes Pony kam herbeigelaufen. Der Heiler schüttelte die Decke aus und breitete sie dann über den Rücken des Pferdes.

»Gletschersprung«, sagte er, und Starna überlegte, ob er nun sich oder das Pferd vorgestellt hatte. Dann aber streichelte der Elf dem Pony über die Nüstern, und jetzt war sie sicher, dass er den Namen seines Reittieres genannt hatte.

»Unsere Pferde sind uns so nah wie unsere Kinder«, erklärte er »Wir kämpfen gnadenlos gegen alle, die sie bedrohen.«

»So wie wir Nivesen den Wölfen verbunden sind«, erkannte Starna.

»Dein Gefährte ist ihnen stärker verbunden, als er selbst es weiß. Ich spürte etwas, als ich ihn geheilt habe. Ein Schatten liegt auf ihm - der Schatten eines Wolfes.«

Starna erschrak. Nein, nicht schon wieder ... »Ist es etwas Gutes oder etwas Böses?«, fragte sie atemlos.

»Wir sehen die Welt nicht in schwarz oder weiß«, erklärte der Elfenheiler. »Rikkinen trägt ein Zeichen, doch das Zeichen bestimmt nicht seinen Weg. Er geht, wohin sein Herz ihn führt. Und sein Herz ist verletzt, auf eine Weise, die ich nicht zu heilen vermag.«

»Aber ...«

»Er kann sich nur selbst heilen. Vielleicht wird einmal der Moment kommen, wo du mit ihm darüber sprechen willst. Dann erzähl ihm, was Ellenan, der Heiler, gesagt hat. Licht auf deinem Pfad, Geistersprecherin.«

Ellenan hob die Hand und gesellte sich zu den anderen Elfen, die leise untereinander beratschlagten.

Starna blieb wie erschlagen zurück. Sie war müde, unendlich müde.

Nicht nur der Tod des Wolfes, nun auch noch die rätselhaften Worte des Steppenelfen. Was war mit dem ›Schatten des Wolfes‹ gemeint? Sie fröstelte. Erinnerungen überrollten sie. Yassi hatte einen dunklen Fluch getragen, und erst die Aufnahme bei den Himmelswölfen hatte seine Seele vollkommen geläutert. Teilte Rikkinen Yassis Schicksal?

Aber nein, das konnte nicht sein. Wenn Ellenan wahr gesprochen hatte, dann war noch offen, wie es Rikkinen erging. Ob er sich selbst heilen konnte.

Wütend schnob Rikkinen die Luft aus wie eine verwundete Robbe. Dieser aufgeblasene Schönling hatte es wirklich darauf angelegt, ihn fortwährend zu beleidigen.

Sein Weg führte Rikkinen einmal um den Hügel herum und endete wieder im Einschnitt zwischen den Felsen. Er starrte betreten hinab.

Die Leichen der Pelzjäger lagen da, wo sie gefallen waren. Wolfskörper waren über das ganze Tal verstreut. Der Anblick des Blutes ernüchterte ihn schlagartig. Vielleicht war es besser, dass der Heiler ihn daran gehindert hatte, die Habichtsnase zur Rede zu stellen. Heute war genug Blut geflossen. Menschen- und Wolfsblut.

Am Rand der Lichtung lag ein Wolf, der Rikkinen ganz besonders bekannt war. Er drehte sich weg und versuchte, den Anblick des Tieres mit dem rötlichen Fell aus seinen Gedanken zu verdrängen. Während er weiterging, wischte sich Rikkinen ärgerlich über die Augen. Doch dann trat er entschlossen auf den Platz zu, wo Dreikralle lag.

Starna gesellte sich ihm zu, als Rikkinen gerade den Pfeil aus der Schulter des Wolfes zog.

»Ich habe hier alles nach dem Welpen abgesucht. Er ist nicht mehr hier«, murmelte sie niedergeschlagen. Sie wirkte ungewöhnlich bleich, aber das wunderte ihn nach den Ereignissen des Tages nicht.

Gemeinsam hockten sie bei dem Wolf, und Rikkinen strich das unordentliche Fell glatt. Er nahm eine Hand voll Schnee und fuhr damit über die Flanke von Dreikralle, um das verkrustete Blut zu lösen. Immer wenn der Schnee sich rot färbte, nahm er eine weitere Hand voll. Rikkinen hörte erst auf, als das Fell des Wolfes sauber war

Er streichelte Dreikralle über die weichen Ohren. Heute berührte er den Wolf zum ersten Mal in voller Absicht. Sonst hatte immer Dreikralle den Kontakt zu ihm gesucht. Er war der einzige Wolf, der seine Nähe nicht mied. In diesem Moment der Erkenntnis spülte die Trauer über Rikkinen hinweg, und er schluchzte unterdrückt.

Er dachte an die gemeinsame Reise zurück. Der Wolf war ihm ein guter Gefährte geworden, mehr, als er von den meisten Menschen sagen konnte. »Er war ein unerschrockener Kämpfer und ein Freund«, sprach er mit bebender Stimme seine Gedanken aus.

Dreikralle war so viel mehr gewesen. Rikkinen vermisste seine Gegenwart schon jetzt.

»Er hat die Steppenelfen hergeführt und uns auf Kosten seines eigenen Lebens gerettet!«, ergänzte Starna. »Ich werde darüber eine Geschichte erzählen, damit seine Tat bei den lyamit unvergessen bleibt.«

Ja, dachte Rikkinen. So würde Dreikralle unsterblich werden. Aber das tröstete ihn im Moment wenig.

Verhaltene Huftritte ertönten, als leise die Firnponys erschienen. Einige Reiter traten nach vorn und blieben in einem Halbkreis um sie stehen. Die Späher unter Führung von Shanaha blickten bekümmert auf die trauernden Ni-vesen. Dann drehten alle bis auf Shanaha wie auf ein Signal um und entfernten sich ein Stück.

»Wir verlassen jetzt diesen Ort und kehren zu unserem Lager zurück«, sagte die Anführerin. »Ihr mögt gehen, wenn ihr wollt, und euren Wolf suchen. Eorla!«

Starna seufzte vernehmlich. »Was wird aus den Leichen?«, fragte sie dann. »Wollt ihr sie hier so einfach ...?«

Rikkinen presste die Zähne aufeinander. Nivesen verbrannten ihre Toten, damit die Seelen in die Ewiggrüne Ebene eingingen. Aber zur Rettung dieser Verbrecher würde er keinen Finger rühren.

»Die überlassen wir ihren Opfern«, sagte Shanaha. »Ein Stück weiter hinten haben die Jäger ihre Zelte aufgeschlagen. Es ist alles Menschenwerk und nichts, was wir begehren. Nehmt euch, was ihr gebrauchen könnt, und übergebt den Rest Schnee und Winden. Sanyasala!«

Rikkinen stand auf und räusperte sich verlegen. »Moment. Was ist mit...?« Er wies auf das feine Elfenhemd.

»Nimm das Gewand als Geschenk der Kinder des Windes«, sagte Shanaha. »Sieh es als Entschädigung für den Hieb, mit dem ich dich auf dem Hügel niedergestreckt habe.«

Sie lächelte, das erste richtige Lächeln, das Rikkinen auf ihrem Gesicht las, und setzte sich dann an die Spitze ihrer Leute. Schnee stob auf, und sie waren fort.

Sie begruben Dreikralle zusammen mit den anderen Wölfen unter einem großen Haufen Schnee. Es war Rikkinen ein Bedürfnis, die toten Wölfe so von den Leichen der Pelz-jäger abzuheben und vor Aasfressern zu verbergen. Sie zu verbrennen erschien ihm unpassend, nachdem die Jäger das Rudel mit Feuer in den Tod getrieben hatten.

Rikkinen fühlte sich, als würde der Schnee gleichsam sein eigenes Herz einhüllen und den Schmerz betäuben. Und während er mit Starna Schnee über die Körper schob, dachte er an Dreikralle und an den kleinen Kerjuk.

Später machte er sich mit Starna an die Erkundung des Lagers, das hinter einem Hügel versteckt unter einem breiten Felsüberhang lag.

Dort standen einige kuppelartige Zelte, und darin fanden sie die Besitztümer der Jäger. Speerschäfte, Lederzeug, Kochgeschirr und Decken. Säcke mit Mehl, Käse und Schinken. Eimer mit einem gelblichen Pulver. Wie Rikkinen vermutete, waren sie mit den Bestandteilen des ›giftigen Rauches‹ gefüllt, denn sie stanken ähnlich wie der Qualm.

Von den Hinterlassenschaften konnten sie kaum etwas gebrauchen. Zelte waren zu schwer zu transportieren, Kleidung und Waffen besaßen sie selbst. Also suchten sie nur ein paar Kleinteile, um ihre Ausrüstung zu vervollständigen, und nahmen vor allem haltbare Nahrungsmittel mit.

Unter dem Schutzdach lagen noch einige der Felle aufgehäuft, wie sie die Jäger übergezogen hatten. Sie waren ungegerbt und rochen übel.

»Vielleicht haben sie diese Felle getragen, um ihren eigenen Geruch zu verbergen«, mutmaßte Rikkinen. Darum hatte Dreikralle die Männer nicht früher gewittert.

Sie ließen alles liegen, was sie nicht verwenden konnten. Rikkinen holte seine Seile von der Hügelkuppe zurück. Er hatte sie eigenhändig geflochten und vertraute den geschmeidigen Lederlassos mehr als den Stricken der Pelzjäger.

Bevor er es endgültig verstaute, musste das Leder allerdings gründlich trocknen und eingefettet werden.

Zum Weiterreisen war es an diesem Tag ohnehin zu spät. So schlugen sie am Rande des Felsüberhanges ihr eigenes Lager auf. Brennmaterial gab es in ausreichender Menge bei den Zelten der Jäger. Sie mussten nicht einmal in den Wald gehen, um Holz zu suchen.

Obwohl beide keinen großen Appetit hatten, bereiteten sie gemeinsam ein Mahl und teilten es im Lichtschein, den die zuckenden Flammen auf den Felsen warfen.

Rikkinen zupfte immer noch an dem ungewohnten Hemd herum. Es war weich und anschmiegsam, aber sein Anaurak wäre ihm lieber gewesen. Doch bei ihrem Weg durch das Tal hatte er das Kleidungsstück nirgendwo entdecken können. Nun musste er also weiterhin wie ein Elf herumlaufen, wenn er nicht die stinkenden Sachen der Wolfsjäger anziehen wollte.

Starna sortierte im Flammenschein ihre Vorräte. Mehl, Trockenfleisch...

Rikkinen schüttelte den Kopf. »So viel brauchen wir nicht bis zu den Jurten unserer Ahnen.« Er rollte die lederne Wurfschlinge zwischen Hand und Ellbogen zusammen. Starna machte große Augen. Dann verstand sie seine Bemerkung. »Du willst umkehren?«

Er senkte den Kopf. Rikkinen war müde und fühlte sich vollkommen leer. »Ja«, murmelte er. Was blieb ihnen denn noch zu tun?

»Aber du kannst den Welpen doch nicht im Stich lassen. Damit wäre Dreikralle völlig umsonst gestorben.«

Rikkinen fühlte einen Stich und fuhr auf. Doch seine Wut flackerte gedämpft, wie ein loderndes Feuer, über das man eine Decke gebreitet hatte. »Er ist tot, und wofür?«

Er ließ das Seil durch die Hände gleiten. Das glatte Leder fühlte sich vertraut an, und die eintönige Beschäftigung beruhigte ihn. »Wir sind schon länger unterwegs, als ich geplant hatte.« Er war die Wanderung leid. Schon wieder hatten sie beinahe den Welpen entdeckt, und schon wieder war die Hoffnung zu Asche geworden.

»Wir können nicht aufgeben«, protestierte Starna. »Solange noch Hoffnung besteht...«

Rüde unterbrach Rikkinen sie. »Sogar die Elfen und das Rudel haben die Fährte verloren. Ich weiß nicht, wie wir den Welpen jemals finden sollen.« Es war wie die Jagd nach einem Schatten im Wasser. Mit Dreikralles Tod war etwas in ihm zerbrochen, war auch die zeitweilig empfundene Kameradschaft gegenüber der lyamit dahin.

»Aber Rejko verlässt sich auf uns.« Starna blieb hartnä-ckig.

»Es ist unmöglich! Wir sollten das einsehen, ehe noch ein weiteres Unglück geschieht. Ich werde meinem Vater alles erklären.«

Seine Sippe musste sich eben damit abfinden, dass der Welpe verschwunden war. Die Hekkla setzten ihre ganzen Hoffnungen in den Wolf. Aber wie sollte der Welpe das Glück der Sippe bedeuten?

»Gut, dann kehr um. Ich suche alleine weiter« Starna warf mit mehr Schwung als notwendig einen Ast ins Feuer. Die Funken schlugen hoch. »Als ich meine Leute gesucht habe, da habe ich oft die Spur verloren. Aber ich habe sie immer wiedergefunden.«

Ja, dachte Rikkinen bitter. Du hast wenigstens eine Sippe. Wenn ich zurückkehre, erwarten mich nur Erinnerungen.

»Ich gehe schlafen«, brummte er und wickelte sich neben dem Feuer in seine Decke. Er mochte nicht streiten. Starna litt genauso unter dem Tod des Wolfes wie er.

Ungerufen spukten Gedanken an die Rückkehr durch seinen Kopf.

Sekjera würde sich bestimmt freuen. Rejko wäre allerdings enttäuscht über sein Versagen, auch wenn er es nicht zeigen würde. Sein Vater war immer gut darin gewesen, seine Gefühle zu verstecken.

Und sonst machte es kaum einen Unterschied. Die Hek-kla hatten auch früher ohne den goldenen Welpen gelebt. Genau wie Rikkinen bislang ohne Freunde ausgekommen war.