12. Kapitel
Rikkinen blieb nicht viel übrig, als ebenfalls vorzustürmen, wenn er das Überraschungsmoment ausnutzen wollte. Noch hatten die Männer am Felswall Starna und ihn nicht bemerkt.
Kristallklar nahm Rikkinen in diesem Augenblick alles wahr, was um ihn herum geschah.
Er riss seinen Speer aus der Halterung.
Im Talkessel wälzten sich zwei verwundete Wölfe im Schnee.
Zwei Schritte vorwärts ...
Die Kampfreihe schräg vor Rikinen nahm neue Speere auf oder legte Pfeile auf die Sehnen. In den Pelzen wirkten die Gegner unförmig steif. Doch es waren Menschen in Tierfellen und mit Masken, wie er aus der Nähe erkannte.
Er setzte über eine Schneewehe.
Vorweg schoss Dreikralle über den Boden, Starna im Gefolge. Rikkinen hatte die Schamanin fast erreicht. Wenn er Starna aufhielt, konnten sie sich vielleicht noch unbemerkt zurückziehen!
Starnas Wurfkeule traf einen Schützen in Nackenhöhe. Die Gestalt ließ den Bogen fallen und brach zusammen. Der Pfeil verließ nie die Sehne.
Im Talkessel kam das Wolfsrudel zum Stehen. Tiere stürzten getroffen zu Boden und pflügten, vom Schwung des jähen Halts mitgerissen, durch den Schnee. Die Wölfe dahinter stolperten über ihre gestürzten Brüder. Andere machten auf dem Fuße kehrt und versuchten, seitlich auszubrechen. Rikkinen vernahm einen wölfischen Todesschrei.
Wie auf dieses Signal hin setzte seine normale Wahrnehmung wieder ein. Er fasste den Speer fester.
Eine zweite Angriffswelle näherte sich den verwirrten Wölfen vom Waldrand her. Der Schatten der schrecklichen Hunde fiel über den Talkessel. Wie aus Rauch und Feuer gebildete Untiere rasten sie heran.
Aber Rikkinen hatte drängendere Probleme. Ein Schütze direkt vor ihm sah seinen Kameraden zu Boden gehen. Er drehte sich um und prallte fast mit Starna zusammen. In diesem Moment hatte Dreikralle den Wall erreicht und stürmte wie ein Ball aus Zähnen und Klauen auf den Mann los. Der Mann trat und stieß mit dem Speerblatt nach dem Wolf. Dreikralle jaulte und verschwand hinter einem Stein.
Starna erkannte die Gefahr und wich ebenfalls zur Seite. Damit ließ sie Rikkinen freie Bahn. Ehe der Schütze eine Warnung ausstoßen konnte, schleuderte Rikkinen den Speer. Die Waffe traf den verhüllten Mann auf Hüfthöhe und blieb stecken.
Aber der zog den Speer einfach zwischen den Fellen heraus, ohne dass ihm eine Verletzung anzumerken war. Der Schütze brüllte etwas, das Rikkinen nicht verstand, und zerrte seinen Nachbarn an der Schulter herum. Beide Männer nahmen ihn jetzt ins Visier.
Rikkinen ballte die leeren Fäuste. Er hatte sich vom Kampfrausch verleiten lassen und stand nun ebenso waffenlos da wie Starna. Seine Hand zuckte zum Dolch.
Aus den Augenwinkeln sah er Starna mit Dreikralle weiter vorne in Deckung kauern. Doch er stand schutzlos da wie ein brünstiger Elchbulle auf der Waldlichtung - Freiwild für die Jäger. Das war der Augenblick zum Rückzug. Die Schamanin war selbst schuld an ihrer Lage. Soll sie doch sehen, wie sie da wieder herauskommt. Doch der Moment verging, und dann war es zu spät. Etwas klackerte zu seinen Füßen.
Zwei Speere sausten direkt auf Rikkinen zu. Fluchend sprang er zur Seite und duckte sich, doch da traf ihn etwas Spitzes in die Kniekehle. Er knickte ein und trat auf ein Stück Eis.
Rikkinen schrie, und die Welt drehte sich um ihn. Ein Speer sauste im Fallen an seinem Kopf vorbei. Der andere riss eine Furche oberhalb des rechten Ellbogens. Etwas Helles schoss in Gegenrichtung an ihm vorbei wie gefrorenes Licht. Rikkinen schlug hart auf. Schmerz und Überraschung betäubten ihn für einen Herzschlag, dann fand er sich am Boden schräg zwischen zwei Felsen eingekeilt.
Sein Bein war gequetscht und steckte in einer Spalte fest. Ächzend versuchte er, wieder zu Atem zu kommen.
Die beiden Speerwerfer spähten unschlüssig nach hinten, hielten ihn aber wohl für kampfunfähig und unbewaffnet.
Damit lagen sie nicht einmal falsch.
Rikkinens Armwunde brannte. Der zerschnittene Anau-rak um den langen Schnitt saugte sich voll Blut. Vorsichtig beugte Rikkinen den Arm und bewegte die Finger. Er seufzte erleichtert, als die Muskeln griffen. Wenn nur der Schmerz nachließe.
Rikkinen stellte sich weiterhin tot und griff im Blickschutz der Felsen mit dem gesunden Arm nach dem Speer. Schmerzhaft verrenkte er sich in dem engen Spalt. Doch er verfehlte den Schaft um Fingersbreite und presste zornig die Lippen aufeinander. Da fing ein Glitzern seinen Blick ein.
Halb hinter einem Steinblock verborgen, bewarf ihn Surg, der Goblin, mit Eisstücken. Als er sich ertappt fühlte, grinste der Rotpelz Rikkinen unverschämt an und winkte ihm kurz zu, bevor er das nächste Eisstück schleuderte.
Das gleißende Geschoss zischte über Rikkinen hinweg in Richtung der Schützen, die gerade das Rudel ins Visier nahmen. Rikkinen verstand nun, was ihn vorhin zu Fall gebracht hatte: Er war auf Surgs geworfenem Eis ausgerutscht.
Wütend fletschte er die Zähne.
Doch Surg fühlte sich dadurch bestätigt und verstärkte seine Bemühungen noch. Er wollte ihm ernsthaft helfen!
Damit erwies er Rikkinen aber einen schlechten Dienst. Die Männer, die Rikkinen schon abgeschrieben hatten, wurden durch den fortwährenden Beschuss wieder aufmerksam.
Rikkinen ballte die Faust. Verdammte Goblinbrut! Jetzt war er noch übler dran als vorhin, denn er kam in der verkrümmten Lage nicht mal an den Dolch heran. Die Männer konnten ihn abstechen wie eine hilflose Forelle im trockenen Flussbett.
Einer der beiden Schützen kam mit vorgereckter Waffe in seine Richtung. Er äugte misstrauisch nach Rikkinen.
Verzweifelt zerrte Rikkinen an seinem Bein und versuchte, den Speer zu erreichen. Die Wunde blutete immer stärker. Er warf sich heftig herum, um den Gegner im Auge zu behalten. Der Mann tat einen Satz auf ihn zu.
Doch plötzlich sprang die messerschwingende Schamanin ihm in den Weg.
Sie sah kaum weniger wild aus als die Jäger in der zerfetzten Fellkleidung. Ihr rotes Haar hatte sich aus den Zöpfen gelöst und flatterte nun um ihren Kopf. Starna hatte die Augen aufgerissen, und der Mund stand auf merkwürdige Weise offen. Ihre Wangen waren schmal geworden, und mit der freien Hand schlug sie wie mit einer Kralle durch die Luft. Sie verwandelte sich in eine Wölfin!
Der Fellbekleidete ließ den Speer fallen und wich vor Starna an den Felswall zurück.
Sie brach in ein Heulen aus, und die Wölfe im Talkessel antworteten ihr. Ein einzelner Wolf hatte den Weg aus dem Tal über den Steinwall geschafft und kämpfte nun an Drei-kralles Seite gegen die Männer
Rikkinen sah, wie die Wölfe gezielt Hände und Waffen der Gegner attackierten. Was immer aber die Männer unter den Fellen trugen, es schützte sie vor Zähnen ebenso gut wie vor Speeren. Die Wölfe konnten kaum mehr tun, als die Angreifer beschäftigen und vom Rudel ablenken.
Zwei weitere Rauhwölfe schlossen sich Dreikralle an.
Umgeben von den flinken Wölfen konnten die Jäger ihre Bogen schlecht einsetzen. Im Moment waren die Pelzgekleideten vollkommen damit beschäftigt, sich die Wölfe mit Speeren vom Leib zu halten.
Graues Licht sank über die Szenerie. Starna hatte sich nun auch einen Speer genommen. Sie tat damit irgendetwas, doch Rikkinen erkannte nicht genau, was. Ihm wurde schummrig vor Augen.
Er sank zurück. Rauch erfüllte das Tal. Rikkinen hustete. Der schwarze Qualm, der von der Seite des Waldes her einfiel, stank entsetzlich und raubte ihm die Kraft. Wenn er jetzt ohnmächtig wurde, dann war er so gut wie verloren.
Starna zitterte. In ihr wuchs der unbändige Drang, ihrer Wildheit freien Lauf zu lassen, Wolf zu werden und das bedrängte Rudel zu verteidigen. Doch sie kämpfte mit aller Kraft dagegen an. Sie brauchte ihre Hände, denn wenn sie wieder an eine Waffe gelangte, konnte sie ihren vierbeinigen Freunden besser helfen.
Der Geruch nach Blut, nach Angst und Mordlust überwältigte sie schier. Jede Faser ihres Körpers schrie danach, sich zu verwandeln, die beschränkten menschlichen Sinne hinter sich zu lassen. Sie hasste diese Wolfsschlächter und ihre riesigen Hunde, die Feuer auf das Rudel ansetzten und die Wölfe damit umso sicherer in die Falle trieben.
Nein, solange sie noch genug Willenskraft besaß, würde sie hier als Mensch kämpfen.
Starna schob den Kopf aus der Deckung und sah sich um. Was war mit Rikkinen? Er lag, von einem Felsen halb verdeckt, einige Schritte hinter ihr. War er verletzt?
Einer der Schützen reckte den Hals und schob die Maske beiseite. Er löste sich aus dem Gefecht gegen die Wölfe und kam direkt auf sie zu. Starna reagierte wie in Trance. Sie vergaß das Messer in ihrer Rechten und sprang auf.
Feuer schoss durch ihren Leib, und eine ungezügelte Kraft begann, ihren Körper umzuformen wie ein Töpfer weichen Lehm. Sie wollte ihre Fänge in das Fleisch des Angreifers schlagen. Alles Blut konnte seine Schuld nicht fortwaschen, aber es würde ihren Rachedurst befriedigen.
Der Mann fuhr zurück und stolperte in eine Felsnische. Sie roch seine Angst. Der Duft seiner Fellkleidung und des schweißgetränkten Leders darunter kitzelte ihre Nase. Es war ganz einfach, zu seiner Kehle vorzudringen. Halt!
Starna drängte die Wolfsgedanken mit aller Macht zurück. Sie stieß einen heulenden Laut aus. ›Ich bin hier‹, rief sie. ›Kämpft, pelzige Brüder und Schwestern.‹
Geschwind hob sie den Speer auf, den der Mann fallen gelassen hatte. Starna war gerade nahe genug am Felswall, um die Waffe einsetzen zu können. Dort wehrten sich die Männer gegen die Vorstöße der Wölfe und waren abgelenkt. Zwischen den Felsblöcken bewegten sich die Krieger unbeholfen, die Wölfe dagegen sprangen leichtfüßig hin und her.
Während Dreikralle und die Wölfe die Männer in ständiger Bewegung hielten, stach Starna mit dem Speer, wo immer ein Gegner in Reichweite kam. Doch oft glitt die Waffe ab. Diese Männer trugen mehr Kleidung als nur die Felle. Sie waren gerüstet wie Thorwaler!
Starnas Hand zitterte. Dann geschah es: Die Speerspitze verkantete sich und brach oberhalb des Holzstabs ab, als Starna die Waffe zurückzog. Die Erinnerung an einen alten Kampf hatte Starna die Waffe gekostet.
Sie durfte sich nicht von ihren Ängsten überwältigen lassen! Die Wölfe mussten gerettet werden.
Der Schütze erkannte Starnas missliche Lage. Er stemmte sich hoch und holte aus, um sie mit einem Fausthieb niederzustrecken.
Starna riss den Schaft hoch und blockte den Schlag ab. Sie wollte den unbrauchbaren Speer schon fallen lassen, als ihr eine bessere Idee kam. Sie tauchte unter den Armen des Mannes hindurch und hebelte den Gegner mit dem Speerschaft von den Füßen. Einer der Wölfe sprang auf den Gestürzten, und sie hörte den Mann noch kurz schreien.
Ihre Masken konnten sie nicht länger schrecken. Es waren nur Menschen. Das letzte Mal hatte Starnas an Yassis Seite gegen eine solche Überzahl gekämpft.
Nein, daran wollte sie nicht denken. Nicht jetzt. Der Kampf war noch lange nicht entschieden.
Starna wich den Hieben der fremden Krieger aus, bog sich wie das Steppengras im Wind und tauschte einige Knurrlaute mit den Wölfen. ›Haltet aus!‹ und ›Wehrt euch.‹
Die Angreifer stolperten und rempelten andere an, die auf dem engen Platz zwischen den Findlingen kaum die Füße setzen konnten. Einmal stürzte jemand unglücklich, und Starna zog ihm schnell den Speerschaft über den Schädel.
Indem sie die Aufmerksamkeit auf sich zog, vereitelte Starna weitere Attacken auf das Rudel. Abgesehen von dieser Ablenkung konnte sie wenig tun. Allenfalls Zeit gewinnen, bis sich Rikkinen wieder erholte. Und wenn er nicht kam?
Rikkinen nahm alle Kraft zusammen und riss das Bein aus der Spalte. Nach der Anstrengung überfiel ihn der Husten wie ein wildes Tier. Er keuchte, während er sich hinter den Felsblock in Deckung rollte und dort den Speer aufnahm, der ihn vorhin verfehlt hatte. Es war eine Waffe der Südländer mit Eisenspitze.
Wenigstens war er nun wieder bewaffnet.
Er schleppte sich eine Manneslänge weiter aufwärts und holte keuchend Luft. Seine Benommenheit wich ein wenig, doch als er die Blutspur im Schnee sah, wusste er, dass er zu viel Blut verlor
Im Schutz des Felsens kämpfte er sich aus dem Anau-rak.
Die kalte Luft würde die Blutung verlangsamen, aber sie war nicht so eisig, dass sie ihm die Haut vom Fleisch pellte. Rikkinen presste eine Hand voll Schnee auf die Wunde und zischte laut auf, als der eine Schmerz den anderen auslöschte. Der erste Moment war grauenhaft. Dann wurde es erträglich.
Der Wind drehte, und für einen Augenblick konnte Rikkinen bis zum Waldrand blicken.
Der Qualm stieg von Feuerkörben auf, welche die Hundebestien hinter sich herzogen. Einer der Männer machte sich an den Geschirren der riesigen Hunde zu schaffen und befreite sie von den rauchenden Bündeln. Er löste das Ledergeschirr und schickte die Hunde mit einer einzigen Geste in den Kampf. Die übrigen Gestalten zogen den Ring um die Wölfe enger, blitzende Schlachtermesser in den Händen.
Inzwischen hatten die Männer bemerkt, dass man sie in die Zange nahm. Langsam, einer dem anderen Schutz gewährend, wichen die Fellgekleideten zur Anhöhe hin aus, wo der Berg ihnen Rückendeckung bot und sie nur vorne angreifbar waren. Während vorne die Speerträger Wölfe abwehrten, bestückten die Schützen hinter den schrundigen Felsen wieder ihre Bogen.
Starna wollte nachrücken, doch sie konnte ihren Standort nicht aufgeben, ohne zur Zielscheibe zu werden. Auf dem Weg zur Anhöhe gab es kaum Deckung. Nur noch der zu Kampfbeginn niedergestreckte Jäger lag da.
Bei seinem Anblick kam Starna eine Idee. Sie spähte nach ihrer Wurfkeule und richtig, da lag sie auch, gut zwei Schritte neben dem Mann. Außerhalb ihrer Reichweite.
Mit dem Speer stocherte sie nach der Rooke und versuchte, die Waffe heranzuziehen. Auf dem harschigen Untergrund rutschte die Keule überall hin, nur nicht in ihre Richtung.
Ein Pfeil schlug dicht neben ihr in den Boden.
Erschrocken zuckte Starna zusammen. Aber dann hieb sie mit dem Speerschaft nach dem Pfeil, und er zerbrach in zwei Stücke. Ein Todesbringer weniger.
Aber das löste ihr Problem nicht. Sogar mit dem Speer als Verlängerung ihres Arms war die Keule kaum zu erreichen. Starna konnte ihre Deckung nicht aufgeben. Aber ebenso wenig wollte sie das Rudel den Schlächtern überlassen. Sie äugte zu den Schützen. Als gerade keiner schussbereit war, spannte Starna im Schutz des Felsens die Muskeln. Sie warf sich nach vorne, um nach der Rooke zu angeln. Ihr Stab kratzte über das Eis, die Keule schlitterte ein Stück auf sie zu.
Starna zog den Kopf ein. Zwei Pfeile sirrten über sie hinweg, doch sie flogen hoch. Vielleicht hatten die Schützen Angst, ihren gestürzten Kameraden zu treffen. Solange Starna also tief am Boden blieb, war sie in Sicherheit.
Sie kauerte sich so niedrig wie möglich zusammen und holte noch einmal mit dem Speerschaft aus. Fast hatte sie die Keule.
In diesem Augenblick sauste eine rote Gestalt heran, landete rudernd vor ihrer Deckung, rutschte auf dem glatten Untergrund und glitt aus. Surg. Mit dem zuckenden Fuß stieß der Goblin die Wurfkeule endgültig außer Reichweite.
Ein Laut der Enttäuschung, nicht menschlich, entfuhr Starnas Kehle. Der Goblin zuckte zusammen und verkroch sich in einer Schneehöhle.
Doch seine Ankunft samt dem Missgeschick mit der Keule blieb nicht unentdeckt. Ein Haufen Pelz flog seitlich auf Starna zu. Sie hob den Arm, um ihr Gesicht zu schützen, doch da war die Gestalt auch schon über sie hinweg. Ein Wolf, kein Feind.
Etwas polterte zu Boden. Starna schluckte. Zu ihren Füßen lag die Keule.
Dreikralle hechtete schon wieder zurück in den Kampf. Starna stieß aus rauer Kehle einen kurzen Dank aus, dann hob sie die Keule und machte sich an die Arbeit.
Es war ein gefährliches Spiel.
Sie warf die Keule und prellte einem Angreifer den Bogen aus der Hand. Das andere Mal traf sie einen Speerträger an der Stirn. Der Mann sackte einfach zusammen.
Immer brachte ihr Dreikralle unter Lebensgefahr die Keule zurück.
Aber als Starna die Keule abermals schleuderte, blockte der Angegriffene die Rooke mit seinem Speerschaft ab. Trudelnd stürzte die Wurfkeule in einen Spalt - unerreichbar selbst für den tapferen Wolf.
Starnas Situation wurde zunehmend verzweifelter. Trotz aller Gegenwehr waren die Angreifer immer noch weit überlegen. Wenn sie nur wüsste, was nun mit Rikkinen geschehen war. Vielleicht war der Hekkla ernsthaft getroffen worden?
Rauch stach in Starnas Augen, und sie tränten. Der Wind zog vom Talgrund her und lenkte ihre Aufmerksamkeit zu den gefangenen Wölfen zurück.
Selbst wenn sie die Männer hier oben in Schach halten konnten, blieben immer noch die Gegner aus dem Wald. Sie reichten aus, um den Wölfen den Garaus zu machen. Sie musste eine Bresche in die Reihen der Jäger schlagen.
Starna zog die Knie bis unter das Kinn und drehte sich hinter ihrem Stein herum, damit sie die andere Seite des Tals beobachten konnte.
Im Talkessel wüteten die beiden Riesenhunde. Das Wolfsrudel hatte sich zu einem Kreis zusammengeschlossen und setzte dem Gegner Zähne und Klauen entgegen. Doch die Hunde waren doppelt so groß wie die Wölfe, und sie trugen eine Art ledernder Rüstung, mit Dornen daran. Es waren furchtbare Gegner und ebenso gerüstet wie die Fellgekleideten.
Tote Wölfe lagen im rot gefleckten Schnee, verwundete Tiere heulten, die großen Hunde bellten markerschütternd und die Fellmenschen riefen einander Befehle zu. Sie umringten den Kampfplatz und entfachten immer mehr dieser Übel riechenden Feuer. Wollten sie die übrigen Wölfe etwa ersticken?
Der Qualm stieg in den Himmel wie ein Fanal.
Da – ein Aufheulen. Die Hunde hatten eine Lücke in den Schutzkreis der Wölfe gerissen. Starna fühlte es mehr, als dass sie es bewusst dachte. Das ist das Ende.
In diesem Augenblick schoss eine rötliche Wolfsgestalt über den Schnee auf den Pass zwischen zwei Hügeln zu. Dreikralle. Sein letzter Wolfsgefährte war zu Boden gesunken, und mit ihm erlosch Starnas Hoffnung, die Fellgekleideten weiter abzulenken.
Jetzt konnten die Männer am Talrand ihre Bogen neu spannen und Pfeile auflegen.
Obwohl der Wolf Haken schlug wie ein Hase, bot er auf dem Schnee doch ein grausam deutliches Ziel. Starna sah fünf Pfeile durch die Luft fliegen. Drei davon schossen übers Ziel hinaus, einer blieb in einer Schneewehe stecken. Doch der fünfte fand sein Ziel.
Starna zuckte zurück, als habe der Pfeil sie selbst getroffen. Dreikralle stolperte, rollte ein Stück durch den Schnee. Der Schnee färbte sich blutig rot. Doch dann rappelte sich der Wolf auf und lief weiter, langsamer als zuvor und nicht mehr in geschickten Haken. Er hinkte deutlich.
Tränen schössen Starna in die Augen.
Die Fellgekleideten wandten sich den nächsten Opfern zu. Sie würden auch Starna nicht verschonen.
Hastig wischte sie die Tränen fort. Sie würde kämpfen, bis sie keine Waffe mehr halten konnte. Und dann würde sie dem Ruf ihrer zweiten Natur nachgeben und als Wölfin mit dem Rudel sterben.
Rikkinen schnitt einen breiten Streifen von seinem Anaurak und zurrte ihn mit Hand und Zähnen fest um die Wunde. Dann schlüpfte er wieder in das gefütterte Gewand. Keine Zeit, um die Schnüre vor der Brust zusammenzunesteln.
Er nahm den Speer auf und schlich vor. Die Angreifer hatten inzwischen den Schutz der Bergflanke gesucht. Starna und einige Wölfe versuchten, an sie heranzukommen, doch entscheidend treffen konnten sie die Männer nicht. Man musste es von oben versuchen, wo sie keinen Angriff erwarteten.
Wenn ich sie unschädlich mache, können Starna und ich uns zwischen den Felsen verbergen. Es ist Wahnsinn, aber ...
Diesen Platz konnten selbst die riesenhaften Hunde nicht leicht einnehmen.
Rikkinen kroch dicht über den Schnee, den erbeuteten Speer in der Hand. Eiskristalle gerieten in seinen Anaurak und schmolzen auf der Haut wie der zarte Kuss einer Frau. Während sich Rikkinen langsam hinter die Männer schlich, dachte er so innig an Sekjera wie lange nicht mehr.
Ich muss sie um Entschuldigung bitten. Ich hätte meine Liebe für sie nicht mit Kerjuk zusammen aufgeben sollen.
Aber erst einmal musste Rikkinen dafür sorgen, dass er dazu Gelegenheit bekam.
Immer noch war sein Hals gereizt von dem Rauch, den er vorhin eingeatmet hatte. Er unterdrückte ein Husten. Mit gebeugten Armen und Beinen kroch Rikkinen die Hügelflanke hinauf. In der angespannten Lage schmerzte die Wunde besonders.
Endlich war der Gipfel erreicht. Rikkinen atmete die kalte, unverpestete Luft und erholte sich vom Aufstieg. Dann hob er wie ein lauernder Dachs den Kopf knapp über die Kante.
Im Tal schwelten mehrere Feuer. Männer mit glänzenden Klingen hatten die Wölfe eingekreist. Dazwischen liefen die Hunde und schüttelten ihre Geschirre so laut, dass selbst Rikkinen das metallische Klirren hörte.
Starna hatte sich ein Versteck gesucht und Dreikralle ...
Nein! Rikkinen sah, wie der Wolf zwischen zwei Hügelkuppen entlang aus dem Tal hetzte. Er schien verletzt zu sein. Hatte sogar der Pelzkopf sie aufgegeben?
Rikkinen umklammerte den Speer fester und stemmte sich daran hoch. Der Schnee klebte an seinen Knien, und in diesem Augenblick hatte Rikkinen eine Idee.
Mit beiden Armen schaufelte Rikkinen Schnee zusammen und formte daraus zwei Bälle, die er über die Bergflanke rollte. Unter Knirschen setzte sich mehr und mehr Schnee daran fest.
Hier auf dem Hang war es mühevoll, die großen Kugeln ausgewogen zu rollen und zu drehen. Rikkinens verletzter Arm protestierte, sobald er die Muskeln bewegte, und das gequetschte Bein spürte er nun auch. Schließlich aber hatte Rikkinen zwei Schneewalzen hergestellt, die ihm bis zum Knie reichten. Er verkeilte die beiden Schneerollen mit kleineren Eisstücken am Hang.
Mit zusammengebissenen Zähnen presste er dann faustgroße harte Schneebälle zusammen. Bei der Arbeit nahmen die Schmerzen zu. Auch wenn die Wunde wieder zu bluten begann, würde er das in Kauf nehmen müssen - denn wenn er abwartete, spielte er damit nur dem Gegner in die Hände. Rikkinen wusste von einer alten Jagdverletzung, dass der Arm mit der Zeit immer steifer wurde, und wenn er die Wunde dann belastete, wären die Qualen um einiges heftiger.
Während er methodisch seine Geschosse zusammenstellte, dachte er an Dreikralle. Einerseits ärgerte es ihn, dass sich der Pelzkopf davongemacht hatte. Andererseits freute sich Rikkinen, dass wenigstens dem Tier die Flucht gelungen war. Falls dem Wolf die Flucht gelang, denn eine blutende Wunde war geradezu eine Einladung an alle Schneelaurer... Mit der Verletzung würde es für Dreikralle nicht einfach werden. Es wird für uns alle nicht einfach sein, zu entkommen.
Rikkinen hatte sich auf einem Hundeschlitten über brüchigem Eis schon wohler gefühlt als hier zwischen den Hügeln.
Dann und wann wehte ihm noch Rauch um die Nase und reizte ihn zum Husten. Er keuchte in die Armbeuge hinein, um den Laut zu dämpfen, der seine Position verraten mochte.
Ich wünschte, ich könnte den ganzen Schnee ins Tal hinabschaffen, um diese Brände zu ersticken.
Doch hier am Rande der nivesischen Hochebene waren die Hügel gewellt wie bucklige alte Männer, nicht steil genug, um eine Lawine auslösen zu können. Die wenigen Schroffen und stark abfallenden Hänge befanden sich ausgerechnet auf seiner Seite der Anhöhe, an einer glatten Flanke, die in einem Felsspalt endete.
Die Schneewalzen mussten genügen!
Rikkinen zog seine beiden Lederseile aus der Hüfttasche und breitete sie längs der Kante aus. Über die geflochtenen Seile schob er Schnee und glättete ihn mit dem Pelzrand des Ärmels. Jetzt konnte es losgehen.
Starnas brandroter Haarschopf lugte über die Kante ihres Verstecks. Rikkinen warf einen Schneeball zu der jungen Schamanin. Und noch einen.
Als Starna nach zwei Würfen endlich zu ihm hinsah, winkte Rikkinen und deutete dann auf die vier Männer, die sich am Fuße des Hügels verbarrikadiert hatten. Er hoffte, dass sie verstand, was er vorhatte. Sollte sie besser, denn für wen sonst setze ich meine Haut aufs Spiel?
Rikkinen löste die Verankerungen mit dem Speer und brachte die beiden großen Schneewalzen auf dem Hügel in Position. Wer immer den Hügel hinaufkam, den erwartete hier eine Überraschung.
Noch einmal spähte er hinab.
Unten gab es noch einen Mann mit Pfeil und Bogen und drei Speerwerfer, die jeweils zwei Speere griffbereit neben sich stecken hatten. Sobald ein Wolf versuchte, über den Weg durch die Hügel zu flüchten, trieben sie ihn mit Schüssen zurück in den rauchigen Kessel. Somit war auch Drei-kralles Schlupfloch versperrt.
Rikkinen lehnte sich über die Kante und deckte die Männer mit Schneebällen ein. Der Goblin hatte es vorhin geschafft, mit seinen Eisstücken ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und Rikkinen so in den sprichwörtlichen Laurermist zu reiten. Vielleicht gelang es auf ähnliche Weise nun Rikkinen, die Männer von ihrem Posten zu locken.
Er verfolgte, wie sie eine Weile stritten, dann machten sich zwei Männer mit Speeren auf, während die Schützen in Deckung zurückblieben und den Fluchtweg der Wölfe mit Pfeilen bestrichen.
Rikkinen beobachtete, wie die beiden sich gegenseitig anstachelten. Dann trennten sie sich und kletterten von links und rechts auf seine Stellung zu. Er fluchte. Die Schneewalzen konnte er nur einsetzen, wenn sie frontal auf ihn zukamen. Vielleicht konnte er ja einen anlocken.
Kurz hob er den Oberkörper über die Kante und bombardierte einen Gegner mit zwei schnellen Schüssen. Der Mann riss den Arm hoch, um die Schneegeschosse abzuwehren. Doch er ließ sich nicht provozieren und behielt seinen Speer wurfbereit in der Hand.
Währenddessen war der Zweite Rikkinen schon deutlich näher gekommen. Er kletterte über die Kante und balancierte oben den schmalen Grat entlang auf ihn zu.
Rikkinen duckte sich hinter seinem Schneeverhau, bis er sah, dass der Mann die Markierung passierte - einen dreieckigen Schneehaufen. Dann zog er mit aller Kraft an dem Lederseil, das er unter dem Schnee verlegt hatte. Schmerz brandete durch seinen Arm, und er schrie. Der Riemen schnellte empor, Schnee stob hoch, und die Schlinge zog sich um die Beine des Mannes zusammen. Um beide Beine!
Rikkinen zog noch einmal und verbiss sich die Qual.
Ruckartig verlor der Mann auf dem schrägen Anstieg das Gleichgewicht und kippte um. Schnee blieb an seiner unförmigen Fellkleidung kleben, und als weiß bestäubtes Geschoss rollte er brüllend auf seinen Kameraden zu.
Den Speer hatte er fallen lassen. Rikkinen hechtete zu der Stelle, wo die Waffe steckte. Aber bis er sie erreichte, war auch der andere heran.
Nun saß Rikkinen am rutschigen Hang fest und konnte nicht ausweichen. Unter ihm erstreckte sich ein glattes, abschüssiges Schneefeld. Es mündete in einer Felsspalte voll spitzer Kanten. Verzweifelt versuchte Rikkinen mit je einem Speer in Händen den Schwerpunkt zu verlagern und das Gleichgewicht zu halten. Sein Oberschenkel stach bei jeder Bewegung, als stecke ein Messer darin.
Der Angreifer erkannte seine Lage, fackelte nicht lange, sondern schleuderte gleich seinen Speer.
Gedanken rasten durch Rikkinens Kopf. Wich er zum Schneefeld aus, würde er abstürzen, blieb er aber stehen, so riskierte er einen Volltreffer. Der Speer zischte heran. Rikkinen wischte mit gekreuzten Speerschäften schräg vor dem Körper her, in der Hoffnung, damit die Waffe abzulenken.
Die Wucht warf ihn beinahe um. Eisen kratzte über Holz, etwas knackte. Rikkinen presste die Fersen tief in den Schnee und fing sich bebend wieder. Ein Schaft zerbrach, während der Speer des Angreifers zur Seite flog und kraftlos über den Schnee schrammte.
Beim Versuch, die Bruchstücke festzuhalten, rutschte Rikkinen de andere Speer aus der Hand und glitt ebenso außer Reichweite. Nur ein abgebrochenes Stück mit Eisenspitze war ihm geblieben.
Sein Gegner lachte. Er zückte ein Wurfmesser, zielte. Die Klinge schnellte los. Rikkinen hatte keine Wahl. Er warf sich zur Seite, verlor den Stand und rutschte dann bäuchlings ein Stück den Hang hinab.
Eissplitter stachen ihm ins Gesicht. An dieser Stelle war die Bergflanke gefroren, und der Schnee darüber verbarg nur ihre tückische Glätte. Rikkinen fühlte, wie er auf der rutschigen Fläche immer weiter beschleunigte. Aber dann rammte er den abgebrochenen Speer mit der Spitze tief ins Eis und klammerte sich an dem Bruchstück fest. Er schwang seitlich weg, sein Körper pendelte - doch der Fall war gebremst.
Während Rikkinen mit den Beinen strampelnd versuchte Halt zu finden, balancierte sein Gegner zum Grat hinauf. Statt es sofort zu Ende zu bringen, kniete sich der Mann grinsend hin und ließ Schneeball um Schneeball auf Rikkinen niedersausen.
Rikkinen keuchte. Er hing nur an einem Arm und der zu Eis zusammengedrückte Schnee traf ihn hart an der belasteten Schulter
Zäh klammerte er sich fest, bis dem Fellgekleideten das Spiel zu langweilig wurde und er Rikkinens Verhau entdeckte. Johlend trat der Gegner die Stützen fort und wollte die Eiswalzen lösen, damit sie Rikkinen überrollten. Doch ihr eigenes Gewicht hatte die beiden Rollen zu tief in den weichen Schnee gedrückt. Gebeugt stemmte sich der Jäger dagegen.
Schon knackte die Eisschicht um die Schneewalzen.
Rikkinen wurde heiß. Er wollte aufspringen, doch auf der glatten Fläche griffen die Stiefel nicht. Stattdessen riss er das Messer vom Gürtel und stach abwechselnd Messerklinge und Speerspitze in die gefrorene Schneedecke, um sich aus dem gefährdeten Gebiet zu hangeln.
Sein Gegner war lange genug abgelenkt, dass Rikkinen fast wieder den Grat erreichte. Als der Wolfsjäger das bemerkte, sprang er auf dem unsicheren Grund vorwärts, bückte sich nach dem verlorenen Speer und zielte auf ihn.
Ächzend kam Rikkinen an einer flacheren Stelle zum Stillstand und schätzte seine Chancen ab, rechtzeitig vor dem Speer hinter den Grat in Deckung zu gehen. Seine Faust stieß gegen eine Markierung.
Rikkinen traute seinen Augen kaum, als er den glatt gestrichenen Schnee erkannte. Der Angreifer stand genau über dem zweiten vergrabenen Lederseil.
Jetzt flog der Speer, Rikkinen packte das Seilende, rollte nach rechts.
Die Schlinge schloss sich um den Stiefel des Mannes. Mit aller Kraft zerrte Rikkinen den Gegner von den Füßen.
Sein verletzter Muskel rebellierte, als Rikkinen dem Seil noch einen letzten Drall versetzte, damit der Körper des Gegners auf die Eisfläche geriet.
Als er an ihm vorbeischlidderte, trat Rikkinen den Mann mit Genugtuung kräftig zwischen die Rippen. Er hörte ihn ächzen, doch die Rüstung verhinderte Schlimmeres. Aber diese Rüstung schränkte auch die Beweglichkeit des Angreifers ein. Anders als Rikkinen konnte sich der Stürzende auf dem glatten Eis nicht halten und rutschte gute zwanzig Schritt in die Tiefe. Er schoss über die Felsspalte hinweg, überschlug sich einige Male und blieb reglos am Boden liegen.
Rikkinen stand gebückt am Hang. Keuchend wartete er einen Moment, bis er wieder zu Atem gekommen war und der schlimmste Schmerz in der Wunde verebbte. Der Schnitt blutete wieder stärker
So, jetzt zu den anderen.
Es lagen noch mehr Speere herum. Mit Hilfe eines Hebels konnte er die Schneewalzen auf die Deckung des Feindes hinabrollen. Das sollte Verwirrung stiften und Starna die Gelegenheit zum Zuschlagen verschaffen.
Doch dann hob Rikkinen lauschend den Kopf. Ein gleichmäßiges Geräusch, das Stampfen von Hufen ... Aber wer würde über diesen steilen Anhang auf einem Pferd reiten? Doch ehe Rikkinen den Gedanken zu Ende verfolgt hatte, holte ihn schon ein kräftiger Hieb von den Füßen.