10. Kapitel
2 Jahre früher
Als Nekaar, versteckt unter einer Fichte, von einem Hügel aus das Lager der Tamani-Lie betrachtete, fühlte er immer noch, wie Taarjuk in ihm wühlte. Der Bär wollte hinaus, er wollte Tod und Vernichtung über das Lager bringen.
Geschäftig eilten Männer und Frauen an den Jurten vorbei. Sie gingen ihren täglichen Besorgungen nach, ohne zu ahnen, in welcher Gefahr sie schwebten. Drüben am Wasser schabten einige Halbwüchsige Fleisch von den Karen-Häuten, um sie zum Gerben vorzubereiten. Weiter vorne flickte ein Mann die Wände der Schwitzhütte.
Nekaar zuckte zusammen. Der eifrige Näher war sein Bruder Gurjinen.
Nekaar bewegte die Lippen und sprach tonlos ein Wort. Eine sanfte Brise wiegte die Zweige über ihm.
Vor seinem geistigen Auge tauchten ungerufen Bilder auf. Er sah, wie aus dem Windhauch ein gewaltiger Sturm wurde, der an den Verstrebungen der Zelte zerrte. Heulend fuhren die Atemstöße des Orkans unter die Lederplanen und rissen die Jurten fort. Menschen wurden fortgezerrt, rollten hilflos über den Boden und krachten gegen Bäume. Der Wind fachte das Lagerfeuer an, und bald brannte alles. Asche wirbelte im Wind; dann hatte sich der Sturm ausgetobt.
Konnte er das seiner Sippe antun?
Nekaar liefen die Tränen über die Wangen bei dem Gedanken, sie alle mit Taarjuks Atem zu vernichten. Sie würden sterben, ohne dass die Himmelswölfe sie retten konnten. Aber er konnte sie retten!
Sie haben dich missachtet, flüsterte eine leise Stimme in seinem Inneren. Nekaar nickte. Ja.
Die Bilder in seinem Inneren brannten wie ein harziger Fichtenast - heißer als die Kekkääle.
Aber trotzdem sollten seine Leute nicht für das Vergehen der Himmelswölfe büßen. Die Gottwölfe machten ihm seinen Platz streitig, sie verweigerten ihm die Anerkennung als Schamane. Weil er kein Wolfskind war.
Nekaar presste die Zähne aufeinander, damit kein Laut der Wut aus ihm dringen konnte und den Sturm des Todes versehentlich doch entfachte. Den Menschen wollte er ein Schamane sein. Auch ohne die Hilfe der Wölfe.
Der eingesperrte Taarjuk wütete. Du musst sie töten!, flüsterte die Stimme an Nekaars Ohr.
Nekaar wischte sie fort wie eine lästige Bremse. Er würde sich nicht zum Sklaven des Bärengeistes machen. Seine Feinde waren die Himmelswölfe. Und deren Vertreter hier auf Erden waren die Nika, die Rauhwölfe mit dem feuer-farbenen Pelzen. Diejenigen, an die seine Leute seit Hunderten von Jahren schon den Fleischtribut zahlten.
Jäh wandte sich Nekaar ab, das wütende Brüllen von Taarjuk noch im Ohr. Er war kein Sippenmörder, im Gegenteil. Er würde seine Leute vom Joch der Himmelswölfe befreien und als geachteter Schamane unter ihnen leben.
Bei der Bärenhöhle entfachte Nekaar ein Feuer. Er richtete sich dort ein und schlief auf dem Lager des Bären. Die kommenden Tage waren arbeitsreich.
Nekaar schnitt ein Stück seiner Schlafdecke ab und hängte das Leder mit Schnee gefüllt auf. Er polsterte den ›Topf‹ mit Birkenbast aus. Dann erhitzte er Steine im Feuer und warf sie auf den Schnee, bis der Sud brodelte. Darin kochte er den Bärenknochen aus und sog das Mark heraus, das ihm für das kommende Ritual Kraft schenken sollte.
Dabei würde er die Zauber sprechen und die alten Bindelieder singen, bis die Kraft Taarjuks, die er in seinem Inneren bewahrt hatte, in die Schamanenkeule floss. Mit der Weihe der Keule konnte er zwar erst bei Neumond begin-nen, doch zuvor musste er ohnehin noch einiges erledigen.
Mit den Zähnen und Klauen des Bären fädelte Nekaar eine Halskette und Schmuck für seine Handgelenke, aus dem ausgelassenen Bärenfett kochte er eine Salbe, die er mit Blutpulver färbte.
Er gönnte sich kaum Ruhe und aß nur von dem Fett des Bären.
Gerade machte er sich daran, die uralten Zeichen in den sauberen Bärenknochen zu kerben, als wie aus dem Boden gewachsen Völusa vor ihm stand.
»Was tust du hier, Nekaar? Wir haben uns Sorgen gemacht. Hätte nicht zufällig ein Jäger deine Spur gefunden, so hätten wir dich für tot gehalten.«
Der Jäger musste seine Fährte entdeckt haben, als Nekaar auf der Suche nach Duftharz in die Nähe der Jurten gekommen war. Er richtete sich auf.
Der Blick der Schamanin schweifte über das improvisierte Lager. »Was soll das?«, fragte sie und zog die Augenbrauen zusammen. Natürlich erkannte sie die Vorbereitungen für das Ritual, sah die Salbe und roch die Kräutermischungen.
»Ich bereite mich auf die Weihe meiner Keule vor«, sagte Nekaar ruhig und schälte noch einen Span von dem frischen Knochen ab. Die gefährlichen drei Tage waren verstrichen, und er konnte wieder ohne Bedenken sprechen.
»Lass den Unsinn. Du weißt, dass du kein Schamane sein kannst. Komm mit zurück, dann sprechen wir über alles.«
Völusas Tonfall war gütig, aber Nekaar hörte die Angst heraus. Sie fürchtete sich.
Plötzlich erwachte die Erinnerung an die Nacht vor einigen Tagen, als man seinen Lebensplan einfach so über den Haufen geworfen hatte. Der Zorn kam zurück wie auf den Flügeln der Gabetaj. Nekaar legte die Schnitzarbeit beiseite und stand auf. »Ich kann vielleicht kein Schamane der Himmelswölfe werden«, sagte er und die Worte schnitten ihm in die eigene Zunge. »Aber ich habe Taarjuk getötet und seinen Geist in mich aufgenommen. Ich bin jetzt der Bärensprecher der Tamani-Lie.«
Nekaars Herz wurde weit bei diesen Worten. Er würde Schamane werden, ohne sich in einen Wolf zu verwandeln. Aber er konnte mit Taarjuks Macht trotzdem die Geister beherrschen. Und Taarjuk selbst.
Völusa riss die Augen auf. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. »Nein.«
Aber Nekaar wies nur auf seinen neuen Schmuck und das aufgespannte Bärenfell zwischen zwei benachbarten Birken.
»Du hast den Bären getötet, ohne vorher die Geister zu besänftigen und ohne dich zu schützen?« Völusa schlug die Hände vor den Mund, als könne diese Geste nun noch etwas bewirken.
»Ich weiß selbst, was zu beachten ist, Völusa. Ich war lange Jahre dein Schüler. Und ich spürte Taarjuks Gegenwart. Ich spüre sie immer noch, denn ein Teil von ihm ist bei mir geblieben und hat mich so zu seinem Schamanen geweiht.«
Nekaar kostete diesen Moment aus. Endlich würde er die Anerkennung ernten, die ihm zustand.
»Nekaar, nein«, rief Völusa. »Du darfst das nicht glauben. Es ist ein Trug des Überzähligen! Du bist zu lange alleine in der Einsamkeit gewesen. Der Geist der Verführung hat deine Gedanken verwirrt! Komm mit zurück und vergiss diese Dinge.«
»Ich will sie nicht vergessen. Die Tradition verbietet es mir, ein Wolfssprecher zu werden. Aber ich bin nun ein Bärenschamane, daran kannst du nichts mehr ändern.«
Mit der rechen Hand malte Völusa jetzt weitere Schutzzeichen in die Luft. »Taarjuks Geist ist zu mächtig und gefährlich, um dauerhaft in einem Menschen zu wohnen.«
»Und doch hatte ich die Kraft, Taarjuk zu besänftigen und zu töten.« Ganz wohl war Nekaar in diesem Moment nicht. Er dachte an das leise Flüstern, an die Worte Taarjuks, dass er das Verderben über seine Leute bringen sollte. Aber schließlich hatte er der Versuchung widerstanden, seine Sippe zu töten.
Er würde der nächste Schamane der Tamani-Lie werden, und das neue Wolfskind konnte sich um die Belange der Rauhwölfe kümmern, wenn es nötig war. So wäre für beide gesorgt. Warum wollte Völusa das nicht begreifen?
»Die Himmelswölfe sind die Vorfahren unserer pelzigen Brüder und aller Nivesen. Nicht Taarjuk hat die Welt erschaffen, sondern die Himmelswölfe! Ihr Wille gebietet uns, ein Wolfskind zum Schamanen zu nehmen. Es wird nie einen Bärenschamanen bei den Tamani-Lie geben!« Völusa schnaufte. »Komm als Heiler zurück zu deiner Sippe oder bleibe ihr für immer fern!«
Sie stieß mit dem Fuß gegen die halb fertige Keule, und sie rollte ins Feuer. Mit einem Aufschrei stürzte Nekaar herbei und barg den rußgeschwärzten Knochen mit bloßen Händen aus den Flammen. Jetzt verunstalteten Brandflecke die glatte, elfenbeinerne Oberfläche der Keule.
Völusa trat also seine Leistung mit Füßen. Lieber wollte sie ihn verbannen, als nachzugeben. »Dann bleibe ich allein. Allein mit Taarjuk!«, stieß Nekaar zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Und Taarjuk triumphierte. Töte sie!
Nekaar ließ die halb fertige Schamanenkeule sinken.
Sei still, sagte er stumm.
Doch Taarjuk blieb beharrlich.
Wenn du sie jetzt tötest, dann gibt es keinen anderen Schamanen mehr bei den Tamani-Lie. Keinen mehr, der dir im Weg stehen wird.
Völusa ahnte nichts von dem stummen Zwiegespräch. Sie drehte sich um, halb zögernd, ob er sich nicht doch noch eines Besseren besann. Dann schob sie entschlossen den Fuß vor und wendete ihm den Rücken zu.
Nun kannst du sie überraschen! Nimm die Keule und streck sie nieder.
Nekaar verwünschte Taarjuk. Doch die Worte fraßen sich in seine Seele. Der Bärengeist hatte Recht: Wenn Völusa aus dem Weg wäre, dann würde auch das Wolfskind Ka-renju niemanden haben, der sie als Lehrling ausbildete. Dann wäre er der einzige Schamane der Sippe.
Nekaar tat einen Schritt auf Völusa zu. Glatt wie ein Kriegskolben lag der Griff der fleckigen Schamanenkeule in seiner Hand. Da hörte er den Schluchzer.
Völusa weinte.
Nekaars Finger wurden kraftlos. Was hatte er gedacht? Was hätte er beinahe getan? Zuerst die ausgemalte Vernichtung des Jurtunar und nun dies.
Taarjuk, grollte er. Hör auf, mich zu narren. Ich bin ein Schamane und kein Mörder!
Leise Zweifel pulsten durch seinen Verstand. War er wirklich dem Überzähligen ins Garn gegangen? Nein, das konnte nicht sein. Schließlich beherrschte er die Geister.
Nekaar fasste sich wieder. »Sei nicht traurig, Völusa«, sagte er. »Es ist nicht deine Schuld!« Doch die Kaskju war schon zu weit entfernt, um seine Worte zu hören.
Nein, erkannte Nekaar, selbst wenn Völusa starb, würde er niemals Schamane der Tamani-Lie werden. Sie würden ihn nicht akzeptieren, seine wahren Feinde, die Wölfe.
Er hatte einen Teil des Bärengeistes für immer eingesperrt, ehe er sich vollkommen aus seinem Körper lösen konnte. Aber das bedeutete auch, dass Nekaar Taarjuk nicht mehr so einfach loswurde.
Er war nun ein Verbannter. Aber wer trug daran Schuld, wenn nicht die Himmelswölfe?
Taarjuk aber diente ihm gut.
Als Nekaar sich aufmachte, um seine Rache an den Wölfen zu vollziehen, begegneten ihm Fremde. Eine Bande von zehn abgerissenen Gestalten, die sich zwischen die Büsche drängten. Einige hatten die Hand auf die Nüstern der Pferde gelegt, um ein Schnauben zu ersticken.
Auf den ersten Blick erkannte Nekaar, dass diese Leute Pelzjäger waren. Sie wollten sich vor ihm verbergen, doch dem Auge des Taarjuk konnte sich niemand entziehen.
Nachdem sie bemerkt hatten, dass er sie gesehen hatte, trat eine dunkelhaarige Frau vor und sprach ihn in der Sprache seines Volkes an: »Wir sind nur auf der Durchreise und haben kein Tier angetastet, das den Nivesen heilig ist.«
Nekaar lachte in sich hinein. Er betrachtete die Packen auf den Pferderücken. »Alle Tiere im Nivesenland sind anderen Jägern verboten«, sagte er und streckte die Brust heraus.
Ja. Sogar den Nivesen selbst waren Beschränkungen bei der Jagd auferlegt. Durch den Vertrag mit den Wölfen war genau festgelegt, ob und wie viel Wild der jeweilige Stamm erlegen durfte.
Die Frau machte eine verstohlene Geste, und einer der Männer ging in die Knie, als wollte er sein Schuhwerk richten. Aber Nekaar sah mit seinen geschärften Sinnen wohl, dass er dabei nach dem Bogen griff.
»Du bist ganz alleine?«, fragte die Jägerin mit falscher Freundlichkeit.
Nekaar überlegte. Die Jäger waren weit in der Überzahl. Warum soll ich mich töten lassen für den Besitz meiner Feinde, der Wölfe?, überlegte er.
»Ich bin niemals alleine. Die Geister sind mir zu Diensten!«, antwortete er und ließ den Blick schweifen, ob sonst noch jemand die Waffen zückte.
Nekaar wies auf seine Schamanenkeule. Er hatte den Knochen komplett schwarz gefärbt und damit die Rußflecken überdeckt. »Ein Schamane bin ich, kein Jäger, der euch Beute streitig machen möchte.«
Er hörte, wie die Jäger aufgeregt miteinander flüsterten und ihn erst recht misstrauisch beäugten. Schamanen konnten die Wölfe im Umkreis zu Hilfe rufen, das wussten auch viele Jänak. Nekaar bemerkte, wie ein weiterer Mann seinen Bogen klarmachte.
Jetzt kam es darauf an. Wenn sie ihn töten wollten, dann würden sie es schnell tun, ehe er seine Kräfte einsetzen konnte. Er musste ihnen sofort verständlich machen, dass er nicht ihr Gegner war.
»Lasst die Waffen stecken. Ich biete euch einen Handel an«, begann er »Ich werde euch zu einer Beute führen, wie ihr sie alleine niemals gefunden hättet. Und ich bringe euch auf sicheren Pfaden aus dem Gebiet dieses Stammes heraus, so schnell, dass euch weder Wolf noch Tamani-Lie finden. Und ich biete euch Wolfspelze!«
Die Leute tuschelten noch mehr miteinander. Dann fiel die Entscheidung zu seinen Gunsten aus.
»Mein Name ist Danja Notjes, Jägerin aus dem Bornland«, sagte die Frau. »Du kannst dich meiner Truppe anschließen. Einen guten Fährtenleser können wir immer gebrauchen. Wenn du die Wahrheit sprichst, bekommst du einen gerechten Anteil an der Beute. Aber wenn du uns betrügst...«
Ich bin nur den Geistern verpflichtet, dachte Nekaar und nickte.