Скрипториум Авентурис

6. Kapitel

2 Jahre früher

Völusa beugte sich unter der Zeltklappe durch und betrat die Jurte. Sie hatte heute die Abordnung einer anderen Sippe empfangen. Die Verhandlungen schienen nicht gut gelaufen zu sein. Völusas Mund war verkniffen und von vielen kleinen Fältchen umgeben.

Wie alt sie aussieht, dachte Nekaar erschrocken.

Die Schamanin räusperte sich verlegen, als habe sie Nekaars Blick richtig gedeutet. »Ich habe mit dem Lahti des fremden Stammes gesprochen und wir sind zu einer Einigung gekommen. Die junge Karenju wird nächsten Sommer zu unserer Sippe ziehen. Sie will Poukai heiraten, dessen erste Frau schon lange tot ist. Karenju ist ein Wolfskind.«

Nekaar japste nach Luft, als habe er einen Schlag in den Magen bekommen. Die Worte trafen ihn wie Hagelkörner. Für sich genommen war jeder einzelne Satz harmlos. Aber ihre gemeinsame Bedeutung zwang ihn in die Knie wie eine Schar von Schneelaurern, die über einen Bären herfiel.

»Ich werde Karenju dann als Lehrling annehmen.« Völusas Stimme bebte, doch ihre Hand, die die Schamanenkeule hielt, blieb still.

Schwäche überkam Nekaar. Völusas Bemerkung hallte in seinen Gedanken nach, und die Wiederholung machte den Geschmack der Worte noch bitterer. Sein Magen zog sich zusammen.

Wenn Karenju erst einmal heiratete und in den Stamm aufgenommen war, dann war sie eine Tamani-Lie. Und als solche stand ihr jede Würde offen. Er hörte Völusa weiterreden und nahm die Aussage nur aus weiter Ferne wahr

»Nekaar, ich verstoße dich nicht als Schüler Aber ich würde dir gerne in Zukunft mehr Dinge über die Kräutergeister beibringen. Wenn ich eines Tages nicht mehr bin, wirst du der beste Heiler der Sippe sein.«

Heiler also. »Aber die Wölfe haben...«, stotterte er.

Völusa nickte, eine kurze, entschlossene Geste, die sein Gestammel besser als jede Klinge abschnitt.

»Ich habe auch mit ihnen beraten. Die Wölfe haben gesagt, dass wir alle das Erbe der Himmelswölfe in uns tragen. Aber manchmal ist das Blut zu dünn, um...«

Innerlich schrie Nekaar auf. Der Kopf platzte ihm beinahe, aber er brachte die Worte nicht über die Lippen. Als wäre sein Schicksal besiegelt, sobald er die Tatsache aussprach. Als würde er die Entscheidung annehmen, die über ihn getroffen worden war. Aber das würde er nicht. Niemals.

Nekaar wurde schwindelig. Vor dem inneren Auge sah er die zwitschernden Gabetaj, wie sie Völusas Worte einfingen und damit ihre Spiele trieben. Sie durcheinander wirbelten, umstellten und einen neuen Satz formten. Du wirst ein guter Kasknuk sein, auch ohne die Verwandlung.

Aber die Schamanin sprach diesen Satz nicht aus. Stattdessen sagte sie: »Nur Wolfskinder können Schamanen werden.«

»Aber warum?« Nekaar betonte die zerhackten Silben, als risse er sie sich aus dem eigenen Fleisch. Der Schwäche, die ihn im ersten Moment überwältigt hatte, folgte Zorn. »Die Geister folgen mir. Ich kenne die Tänze und spreche die Sprache der Wölfe.«

Völusa nickte, ein hartes Nicken wie der Fall einer Axt. »Es ist Tradition, dass der Wolfssprecher ein Wolfskind sein muss. Er ist der Mittler zwischen den pelzigen Brüdern und den Menschen. Und du zeigst kein Talent für die Verwandlung. Es tut mir Leid, Nekaar.«

»Aber du hast selbst gesagt, ich wäre...!«

»Ich habe mich geirrt. Und ich habe lange gehofft. Aber nun muss ich die Wahrheit erkennen. Du bist inzwischen ein Mann. Andere in deinem Alter haben bereits Kinder.

Wenn du bis jetzt noch nicht...« Sie brach ab. »Ich bin selber nicht mehr die Jüngste und muss an einen Nachfolger denken.«

Nekaars Herz raste. Gedanken zuckten auf und erloschen, wie Wetterleuchten am fernen Nachthimmel. Seit der Kindheit wollte er Schamane werden, es war sein vorbestimmter Weg.

Er war gut bei dem, was er tat. Er hatte das bewundernde Flüstern gehört, wenn andere Wolfssprecher ihn tanzen sahen. Er verstand sich auf die Menschen. Für sie wollte er da sein, ihnen den Rat der Geister und Wölfe bringen.

Er hatte nie ein Mädchen gehabt, sondern sich zurückgehalten, damit er später seine ganze Kraft der Aufgabe des Schamanen widmen konnte. Das war seine Zukunft. Darauf hatte er sein Leben aufgebaut.

»Ich will Schamane sein«, flüsterte er.

Ihm kam eine wahnwitzige Idee. Vielleicht hatte Völusa ihn mit ihren Worten nur verwirren wollen. Ein Versuch, ihm bei der Verwandlung zu helfen. Vielleicht brach durch die Verzweiflung, die in ihm tobte, ja endlich das wilde Erbe der Wölfe durch. Er hielt inne und lauschte für einen Moment in sich hinein. Seine Beine kribbelten. Er zitterte. Beinahe fühlte Nekaar, wie sich sein Leib veränderte. Sekundenlang brandete Triumph auf.

Doch auch dieser Moment verstrich. Nekaar stand wieder mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Jurte. Aufgewühlt und sich selbst fremd, aber ein Mensch.

Völusa seufzte. »Denk erst mal in Ruhe über alles nach, was ich gesagt habe. Und dann reden wir erneut. Vielleicht ändert sich bis zum Sommer ja noch was. Und vergiss nicht, dass auch ein guter Heiler immer seinen Platz bei den Tamani-Lie hat!«

Als könnte ihn das trösten!

Nekaar schüttelte den Kopf.

Ihn riefen die Mysterien der Wölfe, nicht die gebrochenen Rippen der Hirten. Die Geister hatten sein Leben verschont, als die Herde ihn fast totgetrampelt hatte. Dafür gab es einen Grund. Er hatte eine Aufgabe. Er würde Schamane sein, koste es, was es wolle!

Nekaar schob Völusa aus dem Weg und rannte hinaus in die Finsternis. Er stürmte durchs Lager wie der Atem der Wintermutter Firngrimm.

So aufgewühlt er auch war, die Vernunft gewann doch die Oberhand. Daher eilte er zuerst in die heimische Jurte und steckte das Feuerzeug ein, warf sich eine Felldecke über die Schulter und griff nach dem Speer, ehe er sich in den Wald aufmachte.

Zwei der Hirten kamen von der Herde zurück und liefen dem jungen Mann entgegen. Schulterklopfend wollten sie Nekaar begrüßen. Er sträubte sich und wich ihren Blicken aus. Nekaar konnte es nicht ertragen, in ihren Augen die Frage nach dem Grund seiner Aufregung zu lesen. Oder schlimmer noch - Mitleid!

Vielleicht wussten die anderen ja bereits von Völusas Entscheidung. Es musste sich rasch herumsprechen, dass Poukais Verlobte ein Wolfskind war. Und was das bedeutete, würden auch die Hirten schnell genug erfahren.

Er war nicht wütend auf Karenju, die ihn von seinem Platz vertrieb. Er kannte sie nicht einmal. Sein Zorn galt den Stammesältesten und dem Gesetz der Tamani-Lie. Warum musste ein Schamane unbedingt ein Wolfskind sein?

Nekaar lief mit ausholenden Schritten immer tiefer zwischen die Bäume. Er kämpfte sich durch die Schneewehen unter den bleichen Birken wie ein kopfloser Dachs.

Der Widerstand, den ihm Schnee und Wildnis entgegensetzten, tat ihm gut. Nekaar fühlte sich dadurch lebendig. Etwas brannte auf seinem Gesicht, und erschrocken wischte er die salzige Spur ab. Dann aber ließ er die Tränen weiterrinnen. Was kümmerten ihn jetzt drohende Erfrierungen?

Er wusste nicht mehr, was ihm noch etwas bedeutete, wenn er nicht Schamane werden konnte.

Nekaar fühlte sich nicht zum Heiler berufen. Dieser Weg wäre eine einzige Lüge. Er hasste die Welt, und am meisten hasste er sich. Warum bin ich kein Wolfskind?

Wieso haben mich die Geister erwählt, wenn sie ihr Versprechen an mir nicht wahr machen können?

An wen sollte er sich jetzt wenden? Die Himmelswölfe hatten ihn betrogen und verraten. Es war ihre Gabe, die ihn im Stich ließ. Und damit hatten sie ihn fallen gelassen. Er lief und lief vor seinem Schicksal davon.

Erst spät am Abend beruhigte sich Nekaar wieder und kam zu Verstand. Seine Glieder waren schwer wie nasser Schnee und er hatte sich in der Dunkelheit weit in unbekanntes Gelände vorgewagt. Der Rückweg war dank seiner eigenen Spur einfach zu finden, doch er würde lang werden.

Die kältesten Stunden der Nacht standen ihm noch bevor und ermattet, wie er war, würde er schnell müde werden und einschlafen, wenn die Temperatur sank.

Nekaar ließ die Schultern hängen. Unentschlossen trat er gegen einen Stamm und ließ sich von den dürren Ästen mit feinem Schnee bestäuben. Er musste sich wohl oder übel hier ein Biuak bauen und dann morgen ins Lager zurückkehren.

Im Schein des abnehmenden Mondes warfen die Äste ein trügerisches Netz aus Schatten über das Gelände. Ne-kaars Blick schweifte hin und her. Am besten wäre es, wenn er seinen Unterschlupf an einen bestehenden Schutz anbauen konnte. An einen Baumstamm, in eine Mulde oder an einen Felsen.

Er folgte den eigenen Fußspuren zurück und suchte einen geeigneten Lagerplatz. Nekaar rieb sich mit dem Fäustling über die Augen. Er wurde zu müde, um noch lange weiterzugehen. Wenn er nicht bald eine gute Stelle fand, dann würde er anfangen zu graben. Er gab sich noch hundert Schritt.

Sein Kopf sank unmerklich hinab. 88, 89, 90 ...

Da war etwas zur Rechten. Ein Stück aufgeworfener Erde mit Blättern vermischt, gerade groß genug, um einem Schneedachs als Höhle zu dienen. Aber vielleicht... Nekaar trat näher heran. Das Mondlicht sammelte sich zu einem hellen Teich rings um seine Füße. Hier senkte sich der Boden ab, und der Hügel erstreckte sich wie ein Damm ein gutes Stück jenseits dieses baumfreien Bereichs. Das freie Gelände war größer als erwartet.

Nekaar stieß den Speer tief in den Boden und lauschte auf den Klang. Hier war keine gefrorene Walderde, die mit dem Knistern zerspringender, eisumhüllter Blätter und mürbe gewordener Äste nachgab. Hier unten war. Felsgestein, weshalb an der Stelle auch keine Stämme aufragten, sondern nur ein paar Sträucher wuchsen.

Nekaar ging umher und stocherte noch etwas im Untergrund. Auf einmal sackte der Boden ein Stück ein. Der junge Mann rutschte etwas nach vorn, und sein Fuß glitt weg. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren, aber er ruderte heftig mit den Armen und konnte sich mit dem Speerschaft abfangen. Vor ihm klaffte eine Öffnung.

Das Loch maß zwei Schritt im Durchmesser und führte schräg in den festen Untergrund. Fast eine Höhle! Loser Schnee hatte den Eingang bisher verborgen.

Wenn er das Loch mit der Felldecke abdeckte, wäre es ein frostsicherer Ruheplatz für die Nacht.

Müdigkeit umwölkte Nekaars Gedanken, und in seiner seelischen Erschöpfung wünschte er sich nur tiefen Schlaf. In der einen Hand den Speer, mit der anderen am Rand des Loches, stieg Nekaar in die Öffnung hinunter.

Es gab einige Dinge, die niemand vergaß, der bei den Nivesen aufgewachsen war. Und so stieß auch Nekaar den Speer, mit dem stumpfen Ende zuerst, tief in das Loch hinein, um einen möglichen Bewohner zu verscheuchen. Ein guter Unterschlupf war zuweilen schon von anderen besetzt. Schneelaurer, Dachse, Füchse. Sogar die Wölfe suchten Schutzhöhlen auf, um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Aber in der Umgebung der Höhle hatte Nekaar keine frischen Fußspuren gefunden. Ohnehin scheuten die meisten kleinen Tiere die Gegenwart der Menschen und gaben bei einem Zusammentreffen ihren Unterschlupf auf.

Nekaar verharrte und drehte sich witternd herum. Er konnte keinen Raubtiergeruch ausmachen, der auf einen gefährlichen Bewohner hindeutete. Andererseits war die Luft eisig und seine Nase zugeschwollen.

Es war dunkel da unten. Nekaars Speer stieß ins Leere, dann gegen etwas Nachgiebiges. Scharf atmete er ein. Vielleicht war es besser, sicherzugehen und zu verschwinden.

Nekaar kehrte um. Als er aus dem Loch klettern wollte, prallte seine Stiefelspitze gegen die gefrorene Erde. Noch in der Bewegung verlor er den sicheren Halt. Er kippte zur Seite und konnte sich nur dank seiner Gewandtheit vor einem Sturz retten. Der Speer rutschte aus seiner behandschuhten Rechten und verschwand im Schlund der Öffnung. Verdammt, ich bin zu müde zum Gehen.

Das Missgeschick machte Nekaar wieder munter. Achtsam setzte er den Fuß wieder zurück auf den Grund des Lochs. Der Speer lag kaum einen Schritt weit entfernt.

Er beugte sich hinab und angelte nach dem Schaft. Dabei fiel sein Blick auf einen abgenagten Knochen im Eingangsbereich, halb unter vermoderten Wurzeln verborgen. Und mehr noch sah er: Etwas bewegte sich vor ihm, ein Schatten in der Schwärze.

Es war groß; wie groß, erkannte Nekaar erst, als sich das Tier bewegte und auseinander rollte.

Nekaar packte den Speer und wollte Fersengeld geben. Da erschütterte schon ein Brüllen das Innere der Höhle. Nekaars Kopf dröhnte, und der Laut vertrieb den letzten Anflug von Müdigkeit. Trockene Blätter raschelten, etwas zerbrach, dürres Gestrüpp oder morsche Knochen.

Wenn Nekaar jetzt schnell verschwand, würde der Bär vielleicht weiterschlafen. Aber wenn er erst einmal richtig wach geworden war, wurde Taarjuk zu einem gefährlichen Gegner. Einen Bär aus dem tiefen Winterschlaf zu wecken und gegen das noch schlaftrunkene Tier zu kämpfen war eine Sache. Aber jetzt, gegen Ende des Winters, stiegen die Temperaturen tagsüber, und die Bären schliefen lange nicht mehr so fest wie in Firngrimms frostklirrenden Tagen. Auch die Flucht war gefährlich, wenn das Raubtier ihm folgte und in den Rücken fiel. Nekaar verharrte wie festgefroren. Was sollte er tun?

Der Bär schüttelte seine Benommenheit schneller ab, als Nekaar eine Entscheidung treffen konnte. Die Bärenschnauze mit den kleinen blinzelnden Augen schob sich vor. Erschrocken wich Nekaar zurück und wollte aus dem Loch springen. Seine Füße fanden keinen Halt an dem vereisten Ausgang, und er strampelte sich hinauf Auf den Speer gestützt, kam er auf die Füße. Weit und breit gab es keine Zuflucht.

Seine Beine begannen zu schlottern. Er wollte fliehen. Aber der Bär würde ihm folgen, und Taarjuks Stärke und Ausdauer waren gewaltig.

Nekaar musste kämpfen!

Aber ich bin kein Jäger, dachte er verzweifelt! Ich bin Geisterrufer. Er versuchte, sich zu beruhigen, einen Weg in die Trance zu finden.

Schon einmal hatten ihn die Geister aus der Lebensgefahr gerettet. »Geister, ich rufe euch. Fahrt in die Pranken des Bären und lähmt seinen Schlag!«

In dem Loch erschien der gewaltige braune Leib, und der Bär schob sich bis zu den Schultern hinaus. Dann hob er den Kopf, brüllte und bleckte die Zähne. Taarjuk zürnte dem, der ihn geweckt hatte.

Nekaar wich ein Stück zurück und vergaß die Trance. Die körperliche Präsenz des Bären war einschüchternd.

»Geister!«, schrie Nekaar.

Und die Geister kamen. Für einen Augenblick fühlte Nekaar, wie sich seine innere Kraft aufbaute. Sie durchdrang jede Faser seines Körpers und entlud sich dann in einem Blick und einer Geste auf den Bären.

Taarjuk schloss das Maul. Er kauerte sich zusammen, und seine Lider flatterten, als wolle er wieder einschlafen. Seine verschleierten Pupillen blickten Nekaar benommen an.

Diesen Moment der Verwundbarkeit nutzte der junge Nivese. Er stieß die dünne Speerspitze aus Geweih durch das Auge des Bären in seinen Schädel.

Nekaar vergewisserte sich, dass der Bär wirklich tot war, ehe er sich an dem Kadaver vorbei in die Höhle zwängte.

Schlagartig kehrte seine Erschöpfung zurück, und er sank zwischen abgenagten Knochen und Tierschädeln auf ein streng riechendes Lager aus Blättern.

Dort in der Bärenhöhle träumte Nekaar seinen Traum.

Taarjuk hatte sich gegen die Sonne aufgerichtet, als sei er ein Mann. Der Schatten des Bären lag langgezogen und dunkel wie ausgegossenes Blut über der gleißenden Schneefläche.

Und Taarjuk konnte sprechen.

»Ich habe gesehen, dass du ein mächtiger Schamane geworden bist. Niemand außer dir hätte mich besiegen können. Du hast mich mit der Kraft deiner Seele getötet, und deswegen gehören Kraft und Mut des Taarjuk nun dir.«

Nekaar nickte. Der Geist des Bären war im Augenblick des Todes auf ihn übergegangen. Und nun lebte der Geist in ihm und erfüllte ihn mit Taarjuks Stärke.

Und der Bär sprach weiter »Die Himmelswölfe wollen dich nicht als ihren Kasknuk, dein Volk will dir nicht gewähren, was dir längst zusteht. - Aber höre mir gut zu, Mann mit den Geistern.

Taarjuk ist mächtig und er wählt dich zu seinem Schamanen.

Und du weißt, was du morgen zu tun hast.«

Nekaar erwachte, Bärenblut an den Händen und Bärengeruch am Leib. Und er fühlte, dass in ihm Taarjuk lebte.

Er blieb eine Weile in dem warmen Nest liegen, in dem der Bär den Winter zugebracht hatte. Hatte Taarjuk wirklich im Traum zu ihm gesprochen?

Und was verlangte er von ihm?

Es war Sitte bei den Tamani-Lie, dass nur ein verdienter Jäger den Bären töten durfte. Denn mit dem wilden Geist des Taarjuk, der nach dessen Tod auf den Jäger überging, kam eine große Verantwortung. Der Bärentöter wurde zu einer Gefahr für seine Leute.

Wenn er auch nur ein Wort sprach, dann erhob sich mit seiner Stimme das Brüllen des Taarjuk und sein Gebrüll gebar einen Sturm der Vernichtung, der alle in seiner Nähe ins Unglück riss.

Drei Tage lang musste der erfolgreiche Jäger schweigen, die Hände und das Gesicht zum Schutz mit zauberkräftigem Fett einreiben. Während dieser Zeit wich dann langsam mit dem Atem des Jägers der Geist des Taarjuk aus ihm, und er wurde wieder zu einem gewöhnlichen Menschen. Der Bär hatte Nekaars Pläne umgeworfen.

Gestern noch war Nekaar bereit gewesen, nach Hause zurückzukehren und zu tun, was immer für seine Sippe das Beste war. Aber da hatte er noch nicht von Taarjuks Stärke gekostet.

Nekaar kroch an dem toten Bären vorbei ins Freie. Er hebelte mit Hilfe seines Messers und der Speerklinge den Kiefer des Tieres auf und brach dessen Eckzähne heraus. Dann schnitt er die Krallen aus den Tatzen des Bären und schlug sie sorgfältig in ein Tuch. Nekaar schälte Pelz und Fleisch von den Beinen des Bären und nahm einen der mächtigen Schenkelknochen. Dieser sollte seine Schamanenkeule werden.

Und nachdem er das getan hatte, machte er sich auf den Weg zu seiner Sippe, um ihr Taarjuks Macht zu demonstrieren.