Скрипториум Авентурис

Epilog

Einige Wochen später erwartete Rikkinen und Starna im Sommerlager der Hekkla eine Überraschung. Starnas Sippe hatte ganz in der Nähe ihre Jurten aufgebaut.

Rejko begrüßte erst Starna und umarmte dann Rikkinen. »Nachdem ich den lyamit ihre Kaskju entführt habe, fühlte ich mich verantwortlich, weil sie ohne Wolfsprecher zurückgeblieben waren«, erklärte er und verwies Rikkinen für weitere Fragen auf das große Willkommensfest. »Starna möchte nun gewiss ihre Leute begrüßen, und wir haben für dich die Taana angeheizt! Schnell, wasch dich, ehe Sekjera dich in diesem Zustand sieht.«

Mit feuchten Haaren betrat Rikkinen zur Dämmerstunde den Festplatz. Goldglanz lief immer noch an seiner Seite.

Die Nivesen beider Sippen hatten sich herausgeputzt und zwischen den Jurtunar versammelt. Starna saß inmitten ihrer Sippe und hatte, wie es aussah, eine Menge zu berichten.

Nach einem Festmahl voller süßer Sommerbeeren und dem zarten Fleisch wilder Karenkühe erhob sich Rejko Himmelsschweif. Er breitete die Arme aus und gebot Schweigen. Sein prächtig besticktes Schamanenornat schien in der Dämmerung das Licht zu fangen. »Die Geschichte beginnt...«, sagte er, als Goldglanz plötzlich aufgeregt bellte.

Da sprangen schon einige Hekkla auf und machten weiteren Gästen Platz. Das Wolfsrudel von Schimmerglanz trabte heran. Der Welpe stürmte zu seiner Mutter, und die Wölfe begrüßten lautstark ihren verlorenen Sohn.

Dann blaffte die helle Leitwölfin kurz und bat damit um Gehör.

»Schimmerglanz möchte mit der Erzählung anfangen«, erklärte Rejko ein wenig verblüfft. Dann übersetzte er: »In einer Winternacht entdeckte der Vater meines Vaters ein Bündel im Schnee. Es war ein Menschenkind. Obgleich der Wind Schnee darum aufgehäuft hatte, lebte das Kind noch. Wir wissen, dass die Menschen manchmal einen schwachen Säugling hinaustragen, wenn die Sippe großen Hunger leidet, oder ein Kind aussetzen, dessen Mutter gestorben ist. Aber dieses Jahr war fett und das Kind munter. Der Vater meines Vaters sah Spuren, die zu einem Dorf der Nikaureni führten.«

Es gab einen leisen Aufschrei aus der Menge der lyamit.

Rejko übersetzte unbeirrt weiter. »Mein Ahn wusste, da war noch eine andere Ansiedlung unserer zweibeinigen Brüder in der Nähe. Also packte er das Kind an dem Tuch, in das es gewickelt war, und trug es an das Herdfeuer des Wolfssprechers. Damals war er jung und das Kind ebenso. Nun ist aus dem Säugling ein Mann geworden, der uns unser Kind zurückbrachte. Rikkinen ist darum von diesem Tag an Teil unseres Rudels.«

Schimmerglanz stieß ein bekräftigendes Heulen aus und blickte Rikkinen in die Augen. Der schluckte gerührt. Er verdankte den Wölfen sein Leben! Das hatte Rikkinen nicht gewusst. Goldglanz sprang heran und setzte sich wie zur Bekräftigung neben ihn.

Unter den lyamit herrschte immer noch Unruhe. Eine der älteren Frauen wirkte besonders aufgebracht. Starna wurde von einigen ihrer Sippe in Beschlag genommen, und man redete aufgeregt auf sie ein. Sie schaute zu Rikkinen und wieder zu der hellhaarigen Frau zurück. »Roika, sei ganz ruhig«, hörte Rikkinen Starna sagen. Ihre Stammesschwester schien zu weinen.

Rikkinen wunderte sich, wieso seine Geschichte sie so sehr aufregte. Aber mit einem Wink bat Rejko ihn jetzt zu sich in die Mitte der Feiernden. Auch Starna kam herbei, in ein langes Gewand mit pelzbesticktem Saum gekleidet.

»In jener Nacht brachte der Wolf dich zu mir, Rikkinen«, sagte Rejko laut, »und als der kleine Goldglanz verschwand, da bat ich meinen Ziehsohn, den Fährtenleser, ihn ausfindig zu machen. Hört nun aus seinem Mund von seinen Abenteuern!«

Das Blut schoss Rikkinen ins Gesicht. Am Anfang rang er noch um jedes Wort, aber bald verlor er sich im Fluss der Erzählung. Manchmal übernahm Starna einen Teil der Geschichte, vor allem, wenn es um die Geisterwelt ging, doch hauptsächlich führte Rikkinen den Bericht fort.

Er merkte, dass er weinte, als er von Dreikralles Tod sprach. Der Schmerz war noch zu spüren. Aber so, wie er sich an das Gefühl des fremdartigen Elfenhemdes gewöhnt hatte, so fand er sich wohl langsam mit dem Tod des Wolfes ab. Und er dachte an Goldglanz und freute sich über Dreikralles Vermächtnis.

Die Begegnung mit den Steppenelfen fand unter den Zuhörern große Aufmerksamkeit, bei der Erwähnung des Goldgräberlagers und der Ruinenstadt jedoch wurde es totenstill.

Pevyks Verrat, Mada ... Rikkinen stockte. Wie sollte er seinen Leuten ... Hilfe suchend blickte er zu Starna, und sie erzählte an seiner statt weiter. Als die Rede auf Mada und sein Verhältnis zu Rikkinen kam, hob sie das Kinn und trat näher an ihn heran. Rikkinen schaute auf seine Schuhe. Der kleine Wolf strich um seine Beine. Und dann berichtete Starna von Rikkinens Heldentat. Sie war eine weitaus bessere Erzählerin als er. Es klang alles etwas anders, als Rikkinen es in Erinnerung hatte. Heller, farbiger, dramatischer. Aber damals war er auch schwach und verletzt gewesen, und vielleicht täuschte ihn ja die Rückschau.

Erst als Starna geendet hatte, hob Rikkinen den Blick wieder.

Er sah seine Leute an, erkannte einige lyamit, streifte Kirugis Blick und begegnete Sekjeras Augenpaar. Manche schauten ihm ins Gesicht, andere vermieden den Augenkontakt. Einige starrten schockiert, andere wirkten sogar ein wenig neidisch. Die Menschen waren die gleichen wie immer. Aber das war Rikkinen egal. Er hatte sich geändert.

Die Nacht brach herein, eine milde, helle Mittsommernacht. Die Wölfe begaben sich zur Jagd, und Goldglanz lief inmitten seiner Familie. Doch er sah zu Rikkinen zurück, und auch die Augen des Rudels ruhten mit Respekt auf ihm.

Hekkla und lyamit setzten sich zum geselligen Teil des Abends mit Freunden oder Familien beiseite. Von einer Seite des Platzes aus hörte man Musik, einige junge Mädchen bildeten einen Tanzkreis und sangen lachend mit.

Sekjera kam mit einem glücklichen Ausdruck zu Rikkinen gelaufen und umarmte ihn. »Dieses Hemd steht dir gut!«, sagte sie.

Rikkinen zwinkerte. »Warte erst ab, bis ich es ausziehe! Ach ja, mein Gürtel ist leider unterwegs eingerissen.«

Sekjeras Finger erkundeten und verdeckten dann die schadhafte Stelle. »Das kann man wieder flicken«, meinte sie und lächelte.

Bei Sekjera untergehakt, schlenderte Rikkinen hinüber zu den Musikanten.

Im geheimnisvollen Dämmerlicht des Abends blinkten die ersten Sterne am Himmel. Wolfsstimmen schallten von fern herüber. Die Augen der Himmelswölfe am Firmament wachten über ihr Volk, die zweibeinigen und die vierbeinigen Geschwister.