23. Kapitel
Starna stürmte dem Geruch nach den Fluss entlang. Das Ufer war von dünnen Nebelschwaden bedeckt und es sah aus, als würde die Wölfin durch ein Meer aus mondfarbe-nen Wellen gleiten.
Der Bodennebel machte den durchlöcherten Untergrund zu einem tückischen Geläuf. Immer wieder sprang Starna über voll gelaufene Trichter, ohne genau zu wissen, wo sie wieder festen Halt finden würde. Ihre Pfoten verloren sich im weißen Dunst. Zweimal sprang sie zu kurz und musste den Rücken krümmen und die Hinterbeine mit aller Gewalt nach vorne ziehen, um richtig aufzusetzen.
Sie hielt sich außerhalb der seltsamen Nebelwand, die zwischen der Stadt und dem Frisund aufragte. Die feuchtkalte Mauer ängstigte Starna, und ihr Nackenfell sträubte sich. Dunkle Flecke erschienen im Nebel, verunstaltete Gesichter, die ebenso schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Sie hörte gurgelnde Schreie, abgehackte Rufe. Etwas Schreckliches ging jenseits des Nebelwalles vor sich.
Aber auch hier am Fluss wurden die Ausdünstungen von Schmerz und Angst überdeutlich. Der Geruch von Menschenblut machte sie rasend.
Der feuchte Boden voller Löcher war schwerer zu lesen als die offene Tundra. Gerüche sanken hinab und klebten in Klumpen am nassen Gras. Die Duftfährte eines Schweins kreuzte ihren Weg, und Starna scheuchte einen Frosch auf. Sie roch Bisamratten, den Fluss ... Kurz verlor sie darüber Goldglanz‘ Witterung.
Ein Arm schien Starna aus dem Nebelwall greifen zu wollen. Ihr Herz hämmerte vor Aufregung. Sie jagte um eine Krümmung der Nebelwand und wurde unvermittelt aus dem vollen Lauf gerissen. Starna erstarrte bei dem Anblick des Steinkreises: Pevyk, der in ihrer Tasche wühlte. Zwei kämpfende Männer. Irgendwo Goldglanz. Und noch eine fremde Witterung ganz in ...
Ihre Pfoten krallten sich in den Boden. Die Wölfin drehte sich um die eigene Achse und kam zum Stehen. Noch hatte Pevyk sie nicht bemerkt.
Rasch presste sich Starna in eine der Kuhlen. Sogar hierhin sickerte die Ahnung eines schweren Geruches. Starna roch Bär! Sie knurrte verhalten. War ihr etwa Taarjuk aus der Geisterwelt bis hierher gefolgt?
Die Wölfin reckte die Nase in die Luft und witterte. Der Geruch kam von einer der beiden kämpfenden Gestalten aus dem Kreis. Und er war durchsetzt von einer bitteren Essenz und Menschenschweiß.
Starna erfasste die Witterung mit mehr als ihren Sinnen. Sie fühlte eine schattenhafte Bosheit, eine verdrehte Geisterkraft.
Dort bei Rikkinen war ein dunkler Schamane. Und Starna hätte ihn schon länger gespürt, wenn das Wechselspiel zwischen Nebelwand und kraftspendender Ader nicht so verwirrend gewesen wäre. Es roch auch nach Rikkinen und Goldglanz. Beide schwitzten den Angstgeruch gestellter Beute.
Sie musste näher heran. Pevyk kannte sie zwar als menschliche Starna, aber in Wolfsform hatte er sie nie gesehen.
Vorsichtig kroch Starna aus dem Loch und huschte zum nächsten voll gelaufenen Trichter. Sie glitt leise in das Wasser, verharrte und stellte die Ohren auf.
Aus dem Steinkreis tönten Stimmen. Rikkinens Worte klangen verwaschen und kraftlos.
Starna schlich aus der wassergefüllten Grube heraus und weiter, dicht an das Gras gepresst. Endlich erspürte sie die genaue Position des Welpen, nicht mehr als zehn Schritte in gerader Linie entfernt.
Der Mann im Bärengewand holte aus und schlug zu. Rikkinen versuchte einen Angriff, stolperte jedoch und ging zu Boden.
Starna vernahm ein Winseln, unhörbar für jedes menschliche Ohr. Goldglanz lugte hinter Rikkinen hervor und drückte sich vom Kampfgeschehen fort. Starna beobachtete, wie Rikkinen sich schützend zwischen Goldglanz und den dunklen Schamanen warf.
Waren die Männer wegen des Welpen in Streit geraten? Oder hatte sie sich vorhin in Rikkinen geirrt?
Taarjuk raste. Er würde Rikkinen erst umbringen und sich danach auf den Welpen stürzen. Das Versteckspiel war vorbei. Starna sprang aus der Senke und lief im Zickzack zwischen den Erdgruben her. Auf der Hälfte der Strecke rutschte sie mit den Hinterläufen in ein Loch und rollte Hals über Kopf durch die Pfütze. Panik vertrieb die Benommenheit schnell. Überall Wasser. Sie trat um sich, fand eine Erdwand, kam wieder an die Oberfläche und spurtete weiter.
Pevyk sah Starna aus dem Halbdunkel hervorbrechen und schrie eine Warnung. Der Mann mit dem Geruch von Taarjuk schubste Rikkinen beiseite, als wiege der nicht mehr als eine Feder. Keiner der beiden achtete auf sie.
Wassertropfen spritzten aus Starnas Fell, als sie den Steinkreis umrundete und im Vorbeilauf Goldglanz am Nackenfell ergriff. Mit dem Welpen im Maul rannte Starna weiter. Jetzt wurde der Fremde aufmerksam. Der Schamane tat zwei Sätze auf sie zu, ehe er bemerkte, dass er sie im vollen Lauf nicht aufhalten konnte. »Pevyk«, brüllte er. Mit dem Welpen im Maul konnte sich Starna nicht umdrehen, um herauszufinden, was genau er tat und ob Pevyk ihr folgte. Ihr Fell juckte, als sie an den Mann dachte.
Sie konnte jetzt mit Goldglanz fliehen, den Welpen und sich selbst in Sicherheit bringen. Aber dann müsste sie Rikkinen in der Hand dieses dunklen Schamanen zurücklassen, der sein Netz aus Falschheit bis in die Sphäre der Himmelswölfe gewoben hatte. Wenn sie ihn jetzt nicht aufhielt, würde er die Welt der Geister verderben wie ein schleichendes Gift.
Starna war sicher, dass der Mann im Bärengewand für den Zwischenfall verantwortlich war, der beinahe Rejkos Seele gestohlen hätte. Er war es, der in Gestalt des Bären in der Geisterwelt auf sie gelauert hatte, wieder und wieder.
Es war ein böser Geist.
Und er hatte ihre Freunde in seinen Bann geschlagen.
Wenn sie jetzt floh, würde es Rikkinen vermutlich das Leben kosten. Sollte sie Pevyk im Stich lassen?
Nein, sie musste sich ihrem Feind hier und jetzt stellen!
Starna tauchte in die Dunkelheit, schlug Haken wie ein Hase, damit ein Verfolger ihre Fährte verlor. In sicherer Entfernung setzte Starna den kleinen Wolf in einer flachen Erdgrube ab.
Starna kehrte um. Es roch in der unmittelbaren Umgebung kräftig nach Schwein, aber sie fand keine Spur von Pevyk oder dem schweren Bärenaroma.
Gerade trieb der Schamane Rikkinen vor sich her durch den Steinkreis. Rikkinen machte keine Anstalten, zu fliehen oder sich zu verteidigen. Etwas stimmte nicht mit ihm. Von Pevyk war keine Spur zu sehen, der Inhalt ihrer Tasche lag immer noch ausgeschüttet auf dem Boden. Vielleicht war er geflohen. Unschlüssig verfolgte Starna den Kampf. Erst als der Wind drehte und einen ganz bestimmten Kräuterduft an ihre Nase brachte, begriff sie. Der Schamane hatte einen Schutzkreis gezogen. Die Gabetaj hielten Rikkinen in ihrem magischen Bann.
Starna dachte an Rejkos eigenartige Krankheit zurück. Waren Rikkinen und Pevyk nun wie er von einem bösen Geist besessen? Vielleicht aber band der Kreis auch den Bärengeist an den Mann und würde vergehen, wenn sie den Zauber aufhob. In einer Wolfsnacht wie Tamuukan, konnte da der Bärengeist bestehen?
Starna sprang vor und scharrte die Erde mit dem Pflanzenpulver der Gabetaj und der Farbe fort. Nun war der Schutzkreis gebrochen.
Sie wartete darauf, dass irgendwas geschah. Doch der Schamane nahm ihr Eingreifen nicht einmal zur Kenntnis. Er wütete weiterhin wie besessen. Nach einem letzten Hieb mit dem Handrücken schlug Rikkinen der Länge nach auf das Gras. Er regte sich nicht mehr
Die Stimme des Fremden dröhnte durch die Dunkelheit. »Wenn ich erst deine Seele habe, wird nur noch Platz für einen in deinem Körper sein!«
Starna fühlte den Zorn wie eine Welle über sich zusammenschlagen. Eine verderbte Kraft ging von dem Mann aus. Sie musste ihn von Rikkinen ablenken, sonst war es sein Ende. Die Wölfin knurrte eine Herausforderung und entblößte die Zähne. Der Mann im Bärengewand wandte sich jetzt um und antwortete bei ihrem Anblick mit Taar-juks Gebrüll.
Starna hätte nicht gedacht, dass sich seine Wut noch steigern ließ. Aber der Mann richtete sich auf und wirbelte einen schwarzen Stab in der Hand wie eine Waffe. Es war eine Schamanenkeule.
Sie wünschte sich, Hemuka in den Händen zu halten, ihre eigene Keule. Doch die Knochenkeule und ihre Trommel lagen irgendwo weit fort unter einem Baum. Für ein Ritual war es ohnehin zu spät, ebenso für eine Verwandlung, denn während des Überganges war Starna besonders verletzlich. Und wie sollte sie als nackter Mensch ohne Waffe gegen den Schamanen antreten? Als Wölfin hatte sie zumindest scharfe Zähne.
Starna sprang vor und tauchte gestreckt unter der zuschlagenden Keule hindurch. Sie bekam den Pelzumhang zu packen und zerrte daran. Wenn sie die hoch gewachsene Gestalt nur irgendwie aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Mit dem Fell im Maul ließ sich die Wölfin zurückfallen. Der Mann wirbelte herum, die Keule sauste um Haaresbreite an ihrem Kopf vorbei. Sie ließ den Pelz fahren, umrundete den Mann und kam seiner Drehung zuvor. Starna schob sich direkt vor das Bein des Mannes, der im Schwung seiner Vorwärtsbewegung unsanft gebremst wurde. Und tatsächlich wankte er, kippte halb um und stützte sich an einem Stein ab.
Starna biss zu, ehe er sich wieder gefangen hatte.
Ihr Angriff ging direkt auf seine Beine. Starna schmeckte Blut und Fleisch unter der mit Bärenfett eingeriebenen Haut. Aber sie konnte ihr Opfer weder zu Fall bringen, noch zu lange in seiner Nähe bleiben.
In seinem Zorn hatte der Schamane Rikkinen vollends vergessen. Der Geist des Bären war stark, aber nicht besonders klug.
Immer noch hatte Rikkinen sich nicht bewegt. War sie für ihn etwa schon zu spät gekommen? Vielleicht war er ja bewusstlos. Ganz in der Nähe glitzerte Mondlicht auf einer flachen, wassergefüllten Grube. Starna musste Rikkinen dorthin schaffen. Wenn er nur wach genug wäre, um davonzukriechen. Dann könnte sie zumindest seinen Rückzug decken.
Aber Rikkinen trug kein Hemd mehr, an dem sie ihn ziehen konnte! Wieder wünschte sich Starna ihre Arme herbei.
Sie hatte den Gegner zu lange außer Acht gelassen! Der Schamane stürzte sich auf sie, und die Keule erwischte ihren Hinterlauf. Starna heulte auf, knickte ein und rutschte ein Stück vorwärts auf Rikkinen zu.
Wach auf!, schrie sie innerlich, doch aus ihrem Fang brach nur ein verzweifeltes Bellen.
Wieder kam der Schamane mit erhobener Keule auf sie zu. Starna sah eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Ein Schatten huschte durch den Steinkreis.
War ihr endlich ein anderer Wolf zu Hilfe gekommen? Doch der Vierbeiner quiekte nur und drehte in Panik um, als er gegen den Schamanen stieß. Als sich das Schwein zwischen seine Beine drängte, geriet der Mann aus dem Gleichgewicht.
Starna zwang sich hoch und humpelte zu Rikkinen herüber. Ihre feuchte Zunge fuhr über sein Gesicht. Wach schon auf, Rik! Aber er stöhnte nur.
Immer noch lieferte sich der Schamane einen Tanz mit dem Schwein, das vor seinem Pelzumhang zurückschreckte, aber bei aller Angst stur geradeaus laufen wollte.
Starna biss in Rikkinens Gürtel und schleifte seinen Körper nach hinten. Die Perlen sprangen ab, Blut quoll hervor. Sie hatte in der Eile bis in sein Fleisch gebissen. Starnas Pfoten rutschten über der feuchten Boden, aber auch Rikkinen glitt in die gewünschte Richtung. Doch nur ein Stück. Blut verteilte sich über seinem Bauch.
Das Quieken des Schweins wurde plötzlich sehr laut und entfernte sich dann rasch. Schnell jetzt!
Doch da kam der Schamane schon wieder heran. Starnas Mut sank. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Mann im Bärenpelz. Etwas zischte seitlich heran, und Starna jaulte vor Schmerz. Unwillkürlich drehte sie sich um. Surg stand bei ihrer Tasche und bewarf sie mit allem, was er finden konnte. Für den Goblin musste es so aussehen, als würde ein Wolf Rikkinen zerfleischen. Wo kam denn jetzt der Rotpelz her?
Aber sein Eingreifen lenkte den Schamanen für einen Augenblick ab. Eine Zwiebel flog dicht über seinen Kopf hinweg. Gereizt schlug der Mann im Bärenfell danach.
Starna, berauscht vom Geschmack des Blutes in ihrem Mund, zog Rikkinen ein kleines Stück weiter. Noch hielt der Gürtel der Belastung stand. Aber ihr Bein machte ihr immer mehr zu schaffen.
Es hagelte weitere Zwiebeln. Zu Starnas Glück war Surg ein miserabler Werfer. Er traf den Schamanen so oft wie ihre Wolfsgestalt, und meistens traf er überhaupt nichts. Der Schamane blieb unschlüssig stehen, wandte sich dann aber dem neuen Angreifer zu. Mit einem letzten Ruck riss Starna Rikkinens Körper in die Pfütze. Vorsichtig, damit er nicht ertrank, schob Starna seinen Kopf hinaus. Rikkinen stöhnte und murmelte etwas.
Als Starna aufblickte, um selbst Atem zu schöpfen, blieb ihr fast das Herz stehen.
Zwischen Surgs Fingern glänzte, matt im Feuerschein, ein glasiertes Tonröhrchen. Die kleine Flasche mit dem eingesperrten Taarjuk, die sie schon seit Wochen mit sich herumtrug! Der Goblin warf, das Tongefäß wirbelte in hohem Bogen auf sie zu.
Aber Surg hatte zu kurz geworfen. Das Gefäß ging vor dem Schamanen zu Boden und zerbrach an einem Stein.
Etwas wirbelte aus den Scherben auf und umhüllte den Mann. Starna heulte auf. Das war das Ende. Wenn dieser Schamane dort von Taarjuk besessen war, dann würde ihn der Inhalt des Tongefäßes nun noch mehr stärken. O ihr Geister!
Sie wollte eingreifen, sie brauchte Arme!
Surg kreischte vor Angst und lief fort.
Taarjuk, Schmerz, Blut. Sie konnte es nicht mehr aufhalten. Ihre Gliedmaßen veränderten sich. Starna schleppte sich in die Deckung einer tieferen Grube. So waren sie und Rikkinen getrennt und boten dem bösen Schamanen zwei Ziele. Immerhin konnte er sie so nicht beide auf einen Streich erledigen.
Starna wusste nicht mehr, wie sie diesen Gegner noch bezwingen sollten. Aber vielleicht konnte zumindest einer von ihnen entkommen. Sie spürte das vertraute Ziehen und verwandelte sich langsam wieder in Menschengestalt.
Rikkinen wurde von menschlichen Schreien wach, die nach und nach in das Gebrüll eines Bären übergingen. Dazwischen schrillte ein hohes Kreischen.
Er hob schützend die Hände über den Kopf. Die entsetzlichen Laute aber kamen nicht näher. Rikkinen fand langsam wieder zu sich. Ihm war nass und kalt. Wie war er in diese Pfütze geraten?
Ächzend stemmte er sich hoch und spürte dabei jeden Knochen im Leib. Sein Bauch brannte und blutete.
Das Bild im flackernden Flammenschein verdrängte für einen Moment jede Empfindung. Taarjuk-Nuk tanzte. Er stampfte auf der Stelle und schlug mit den Pranken um sich, als ziele er auf einen unsichtbaren Gegner Dann riss er sich den Bärenschädel herunter Die verzerrten Gesichtszüge darunter hatten kaum noch etwas Menschliches an sich. Schaum stand vor seinem Mund.
Ein einziger Gedanke beherrschte Rikkinen. Fort! Auf allen vieren kroch er weiter vom Steinkreis weg. Bei jeder Bewegung stachen seine Rippen. Ich sehe aus wie Tinjat, der die Wolfsverwandlung übt, dachte Rikkinen, um sich von den Schmerzen abzulenken. Sein Herz weitete sich bei dem Gedanken an zu Hause, doch dann krampfte es sich angstvoll zusammen. Da war immer noch Mada.
Ich kann nicht zurückkehren. Nicht zusammen mit ihm! Im Augenblick verhielt sich Mada ruhig. Vielleicht hatte der Zusammenprall mit dem Schutzkreis ihn geschwächt oder gar aus Rikkinens Leib herausgerissen. Rikkinen traute dem Frieden nicht, doch er wusste die Zeit der Ruhe zu nutzen. Keuchend wie ein Walross auf dem Eis schob er sich auf der schlammigen Wiese vorwärts.
Er musste so viel Raum wie möglich zwischen den tollwütigen Schamanen und sich bringen. Nur so bekam er vielleicht eine Chance, Starna wiederzusehen, die Madas Geist vertreiben konnte.
Kriechen war zu langsam. Mit einer Willensanstrengung quälte sich Rikkinen auf die Füße. Misstrauisch warf er einen Blick über die Schulter zurück. Die unheimliche Nebelwand im Hintergrund glühte im fahlen Licht. Scharf umrissen stach das Schattenbild des tobenden Schamanen dagegen ab.
Hinter der Nebelwand erschien eine Gestalt. Auch Taar-juk-Nuk sah den ungeformten Schatten. Er hob den Kopf zu einem angriffslustigen Gebrüll und lief dann auf den vermeintlichen Gegner zu.
Hatte bisher der dunkle Unterton in der Stimme des Schamanen Rikkinen Gänsehaut verursacht, so stellten sich jetzt bei dem volltönenden Brüllen seine Nackenhaare auf. Über der Bärenstimme geisterte eine angstvolle menschliche Stimme und ging in dem anschwellenden Röhren unter.
Rikkinen rieb sich die Augen. Mit kurzen und plumpen Schritten eilte Taarjuk-Nuk auf die schemenhafte Nebelgestalt zu. Seine Arme bewegten sich wie Stummel. Ohne den Bärenschädel erschien er gedrungener als zuvor. Er benahm sich wie ein Bär.
Schon war der Bärenmann an der Nebelwand angelangt und in die wabernde Masse eingetaucht.
Der Schamane verschwand. Unwirkliche Stille senkte sich auf das Flussufer. Einzig das leise Gurgeln des Frisund war noch zu hören.
Ein scharfes Bellen, gefolgt von einem lang gezogenen Heulen zerriss die Ruhe. Ein Ruf höchster Not. Rikkinen sah sich um und zwang dann seine Beine voran. Mondlicht glitzerte auf den Wellen des Frisund, aber der Uferbereich lag in Finsternis.
Ein verirrter Mondstrahl hob ein Stück goldenen Fells aus dem Dunkel.
Und darüber beugte sich eine massige Gestalt.
Rikkinen stolperte vorwärts, ungelenker noch als zuletzt Taarjuk-Nuk. »Halt!«, rief er und musste stehen bleiben, um wieder zu Atem zu kommen. Die Übelkeit der Erschöpfung lähmte ihn beinahe.
Endlich hatte er das Ufer erreicht. Pevyk kniete auf einem Haufen Treibholz, der sich am Flussufer verkeilt hatte. Als Rikkinen keuchend näher kam, fuchtelte der lyamit abwehrend mit den Händen.
Am äußersten Ende der verkeilten Äste hockte Goldglanz zwischen dünnen Zweigen und Blattwerk. Bei Pevyks Gesten schob er sich ein Stückchen weiter auf das Wasser zu. Einige Schritt weiter schäumte der Fluss weiß auf. Rikkinen sah über dem Wasser scharfe Kanten feucht glänzen. Blasen trieben durch eine Engstelle, rings um die Granitblöcke schien der Frisund zu kochen.
Auf dem angeschwemmten Totholz kroch Pevyk weiter vor. Im Gegenzug wich der Welpe zurück. Schon knisterten die dünnen Zweige und bogen sich.
»Willst du ihn umbringen?«, fauchte Rikkinen ungehalten.
Heftig schüttelte Pevyk den Kopf. Es raschelte. »Ich brauche ihn. Der Schamane hat versprochen, dass er Yalunka zurückbringt. Er wollte sie mir zurückgeben und mit den anderen aus der Stadt einen neuen Stamm gründen.«
Pevyks Unterlippe zitterte.
Er sah wieder so jämmerlich aus wie in der Stadt.
Du kannst dich jetzt an ihm rächen. Wenn er erst im Fluss liegt ...
Mada?
Nein, das war Rikkinen. Oder doch der Verfluchte? Rikkinen drängte den Gedanken in den Hintergrund. Mitleid mischte sich mit Verachtung, als er den verwirrten Pevyk betrachtete.
Vorsichtig kam er näher, ganz langsam, um weder den Welpen noch Pevyk zu erschrecken. Er ließ das Ufer hinter sich.
Unter seinen Füßen knirschte etwas. Rikkinen stockte der Atem bei dem Gedanken, seinen Körper allein verwo-benen Zweigen und Schilfblättern anzuvertrauen. Aber er ging weiter.
»Pevyk, lass das, du machst dem Wolf Angst.«
Schmollend schob Pevyk die Lippe vor. »Ich kann gut mit Tieren umgehen. Alle wissen das bei uns.« Pevyk trat auf das berstende Holz und langte nach dem Welpen.
Goldglanz zeigte die Zähne und wagte sich noch weiter zurück. Sein Hinterlauf ragte schon in die Luft, aber noch hatte der Welpe Halt.
»Sei brav!«, rief Pevyk und erschreckte den kleinen Wolf noch zusätzlich.
Am liebsten hätte Rikkinen Pevyk wirklich in den Fluss gestoßen. Er schoss vor und packte Pevyks Ärmel. Das morsche Leder riss, aber Rikkinen hatte seine Finger schon um Pevyks Handgelenk geschlossen.
»Komm!« Er zerrte Pevyk herunter. Unwillig folgte der lyamit, stemmte sich gegen den Zug.
Plötzlich brach Pevyk ein und rutschte mit einem Bein ins Wasser.
Rikkinen wurde fast die Schulter ausgerenkt, aber dann arbeitete sich Pevyk wieder hoch. Rikkinen hievte ihn vom Ufer fort. »Verschwinde!«, schnauzte er, und sein Blick flog zu Goldglanz.
Die Erschütterung hatte einen Teil des überhängenden Holzes gelöst. Äste trieben davon. Der Welpe heulte vor Angst, als das Gebilde in Bewegung geriet. Aber das Holz ruckelte kurz und verkeilt sich wieder.
Rikkinen kletterte auf allen vieren voran. Solange er den Zugang blockierte, konnte wenigstens der verrückte Pevyk darauf nichts anstellen. Rikkinen presste den Unterarm gegen den Leib, um die Pein zurückzudrängen, und beugte sich vorsichtig über die Schwachstelle zum unterspülten Vorsprung. »Komm her, Goldglanz. Hab keine Angst. Wir bringen dich nach Hause.« Natürlich verstand das Tier ihn nicht, aber Rikkinen hoffte darauf, dass der Klang der Worte den Welpen etwas beruhigte. Bei Kerjuk hatte es oft geholfen.
»Wir haben eine lange Reise gemacht, um dich zu finden, kleiner Wolf.« Sie hatten Wolfsjäger und Goldgräber getroffen. Und einen Goblin. »Sogar die Steppenelfen haben uns bei der Suche geholfen.« Und ein Wolf verlor sein Leben, damit sie weitermachen konnten.
Und was bei dem kleinen Kerjuk damals angeschlagen hatte, das schien auch hier zu fruchten. Der Wolf richtete sich aus seiner zusammengekauerten Stellung auf. Seine pelzigen Ohren drehten sich. Dann blaffte er.
»Rikkinen? Alles in Ordnung?«, fragte eine helle Stimme.
Was machte Starna denn hier?
Aber gut. Er wich zurück. »Starna, du bist leichter, besser du hol...«
Als Rikkinen sein Gewicht verlagerte, sackte er tiefer. Unter seinen Knien gurgelte es lauter. Der Frisund hatte bereits zu viel Substanz fortgerissen, und der Keil aus Astwerk löste sich auf. Verzweifelt kratzten Goldglanz‘ Pfoten über das Buschwerk und suchten nach Halt, doch immer wieder glitten sie ab. Das Gewebe aus Schilf und Zweigen trieb auseinander.
Rikkinen warf sich vor und packte den Welpen, ehe er ins Wasser rutschen konnte. Schmerz hieb wie mit einem Hammer in seinen Unterleib, und er zitterte.
Der Fluss brach sich Bahn und spülte durch die Lücke. Es knirschte vernehmlich, und schon trieben sie auf einer schwimmenden Insel, die sich augenblicklich in ihre Einzelteile auflöste.
Der panische Welpe zappelte. Rikkinen verlor das Gleichgewicht und stürzte in die schäumenden Wellen. Aber noch hielt er Goldglanz über Wasser. Er wirbelte herum, schlug mit den Beinen, doch der Fluss zerrte ihn unbarmherzig weiter. Ein einzelner, angeschwemmter Baumstamm ragte ins Wasser. Mit einem Arm presste Rikkinen den Welpen an die Brust, mit der anderen ruderte er näher heran.
Näher ans Ufer kamen sie gewiss nicht mehr. Halb warf Rikkinen den Welpen an Land - halb sprang Goldglanz aus seinen Armen ab. Rikkinen sah das Wolfsjunge sicher aufkommen, dann riss die Strömung ihn mit. Der Frisund sprudelte über die Steine.
Wasser peitschte Rikkinen ins Gesicht, da krachte er auch schon gegen den Felsen, fühlte sich von einem Sog erfasst und dann gar nichts mehr.