Скрипториум Авентурис

3. Kapitel

Starna saß in ihrem geschmückten Schamanenzelt und zerrieb getrocknete Kräuter zwischen zwei flachen Steinen. Es war noch zu früh im Jahr, um frische Pflanzen zu sammeln, und sie musste mit den schwächeren Geistern der Trockenkräuter vorlieb nehmen.

Sie trug über eng anliegenden Hosen einen einfachen Überwurf aus gewebter Karenwolle und darüber eine lange Weste aus Leder, die ihre Kleidung beim Salbekochen vor Fettflecken schützte.

Wie so oft schweiften ihre Gedanken während der eintönigen Arbeit des Kräutermahlens ab.

»Weißt du, Yassi, ich habe heute Morgen ein paar graue Haare um Schattenfängers Nase entdeckt. Aber manchmal benimmt er sich immer noch wie ein Welpe, wenn es darum geht, die Traglast abzuschütteln.«

Starna hielt mit den kreisenden Bewegungen des Reibsteines inne. Sie schüttete die pulverisierten Kräuter sehr vorsichtig auf ein Stück glatt geschabtes Leder, nahm das Leder zusammen und füllte das Pulver dann in ein Leder-säckchen.

»Puh, erst halb voll«, seufzte sie, streute eine Hand voll neuer Pflanzenteile auf den Stein und machte weiter.

»Weißt du noch, wie wir damals mit dem Hund durch den Regen gelaufen sind und er sich immer unter deiner Decke versteckt hat?« Starna kicherte. »Entschuldige, Yassi, ich meinte natürlich deinen Mantel, dieses ärmellose Ding aus Elfenwolle. - Sag mal, glaubst du immer noch, dass Elfen Wolle verarbeiten? Da haben die Norbarden dich wie einen jungen Karenbullen an der Nase herumgeführt.«

Starna lachte kurz auf und suchte Yassis Blick.

Doch sie sah nur die bunten Wände ihrer Jurte. Yassi war tot.

Für einen Moment war sie so sehr in der Vergangenheit gefangen gewesen, dass sie tatsächlich geglaubt hatte, er wäre bei ihr.

Starna ließ die Hand mit dem Stein sinken und berührte die bemalte Zeltwand. Figuren in Schwarz und Rot hoben sich von dem fahlbraunen Untergrund ab. Der Reigen rings um die Jurte begann und endete am Eingang.

Die lyamit hatten Starna das Zelt gebaut, aus Dankbarkeit und zum Anlass ihrer Initiation als Schamanin. Die Bilder darin erzählten die jüngste Geschichte der Sippe -und von Starnas und Yassis Reise.

Tränen stiegen Starna in die Augen, die Figuren verschwammen und ihr Blick kehrte sich nach innen. Aber sie kannte die Szenen auswendig. Männer mit Waffen trieben gefesselte Nivesen aus dem Lager. Ein rothaariges Mädchen tanzte um ein Feuer. Vor vier Jahren war Starnas Sippe überfallen worden, während sie eine Nacht im Wald zubrachte, um auf Geistreise den Himmelswölfen zu begegnen. Ein zerstörtes Lager, wenige Überlebende. Das Mädchen wanderte mit einem Hund zu einer Wagenburg. Starna hatte die überlebenden Hirten bei der Herde zurückgelassen und war allein mit Schattenfänger losgezogen, um ihr Volk aus der Gewalt der Sklavenjäger zu befreien. Bei den Norbarden hatte sie Hilfe gefunden - und Yassi. Zwei Menschen und ein Hund in der Tundra. Ein Mann, der sich in einen aufrecht gehenden Wolf verwandelt.

Der Südländer war mit ihr fast bis in das wilde Land der Orks gezogen und sie hatten ihre Liebe entdeckt. Doch dann erkaltete die Spur ihrer Leute, und Yassi wurde des Fluches gewahr, der auf ihm lastete. Starna war ihm in eine Stadt gefolgt, wo er Heilung erhoffte.

Ein Wolf kämpfte gegen bewaffnete Fremde.

Das Mädchen befreite die Sippe aus dem Lager der Feinde.

In der Stadt waren sie auf die Fremden gestoßen und gerieten in Streit mit ihnen. Als Yassi versuchte, Starna zu retten, hatte er mit seinem Leben Starnas Flucht erkauft.

Starna hatte daraufhin ihre Geister gerufen, das Lager der Feinde ausgekundschaftet und ihre Sippe gerettet.

Sie wischte die Tränen fort. Die Bilder erzählten nur einen Teil der Geschichte. Sie verschwiegen Starnas Ängste und Zweifel während der langen Reise. Aber vielleicht war es gut so.

Starna erinnerte sich an die Worte des alten Orkschamanen, den sie unterwegs getroffen hatten. »Schaman müssen groß sein für Stamm.«

Damit hatte er Recht. Die lyamit wollten nichts hören über die Fährnisse der Reise. Starna hatte ihnen erzählt, dass sie erst kurz vor der Befreiung eine vollwertige Schamanin geworden war. Aber ihre Leute hatten das nur mit einem beiläufigen Nicken zur Kenntnis genommen.

Die Sippe ehrte Yassi als heldenhaftes Wolfskind, doch sie ahnte nichts davon, wie sehr er unter der gewaltsamen Verwandlung in eine Bestie gelitten hatte. Seine Fähigkeit, ein Wolf zu werden, war ein Fluch gewesen, keine Gabe.

Erst sein Tod und die Hilfe von Liska hatten seine Seele geläutert. Als Hilfsgeist hatte Yassi Starna den Weg zu den Himmelswölfen gewiesen. Damit erst war sie zur Schamanin geworden. Aber die lyamit sahen in ihr heute nur die große Kaskju und vergaßen darüber manchmal Starna.

Es bedrückte die junge Schamanin manchmal, niemanden mehr um Rat fragen zu können, wenn es um die Aufgaben des Wolfssprechers ging. Schließlich war ihre Lehrmeisterin beim Überfall zu Tode gekommen und hatte Starna nicht alles beibringen können.

»Ach Yassi, wann sehe ich dich wieder?«

Starna schloss die Augen. Manchmal, in der Trance, zeigte sich der Geist von Yassi und sie konnten reden. Doch das geschah selten, denn während dieser Traumzeit schickten die Himmelswölfe den Schamanen Nachrichten und Weisungen, und das Wohl der lyamit besaß Vorrang.

»Ich weiß schon, ich soll den Kopf nicht hängen lassen«, sagte Starna. »Du hast Recht, schwarzer Wolf.« Yassi war glücklich bei den Himmelswölfen, und sie hatte ihr Ziel erreicht und war Schamanin geworden. Sie sollte zufrieden sein. »Wolfssprecherin? Redest du mit mir?« Starna riss die Augen auf. Im Zelteingang stand eine junge Frau, atemlos und ein wenig eingeschüchtert. Die Jägerin zeigte stets Scheu vor der Schamanin und hatte ihr Zelt noch nie betreten, seit sie in die Sippe eingeheiratet hatte. Peinlich berührt wollte Starna abwiegeln, doch dann hob sie den Kopf. »Nein, mit den Geistern.« Das stimmte, schließlich war Yassi ein Geist.

Ehrfürchtig legte die Jägerin eine Hand auf die Brust. »Dann weißt du es also schon?«

Starna stand auf. Kräuterpulver rieselte von ihrem Gewand auf den Boden aus gegerbten Fellen. Ihr Gegenüber war mit ihren zwanzig Sommern nicht jünger als Starna, aber unter dem fragenden Blick der Schamanin stotterte sie. »Ich, es - da kommen Fremde. Ein Mann und ein ...« Sie sprang zur Seite, als sich ein pelziger Kopf an ihr vorbeischob. »... ein Wolf«, beendete Starna den Satz. Der Rauhwolf war riesig, sein Fell leuchtete wie die Morgenröte. Über den Augen und den Fang entlang war der Pelz dunkler, so als trüge der Wolf eine Maske. »Es ist gut, danke.« Starna nickte. Die Jägerin wich zurück, als der Wolf zu jaulen und knurren begann. »Ich bin sofort da!«, antwortete Starna in der Wolfssprache.

»Wir haben zwei Gäste«, erklärte sie dann in Menschenworten für die Jägerin. »Bitte gib Bescheid, dass ein Gastmahl gerichtet wird.«

Nachdem der Wolf kurz blaffte, schob sie noch hinterher: »Nur eine Kleinigkeit, die beiden sind in großer Eile.«

Starna wunderte sich, welche Not den Rauhwolf und seinen Begleiter veranlasst hatte, sie aufzusuchen. Aber es wäre mehr als unhöflich gewesen, das Thema anzusprechen, ehe der Lahti die beiden Gäste willkommen geheißen hatte.

Rikkinen war atemlos, doch er unterdrückte das Keuchen so gut wie möglich, als er ins Lager stolperte. Der Weg war schwierig und lang gewesen, doch vor den lyamit wollte er sich keine Blöße geben. Sein Herz pochte ihm wie eine Trommel in der Brust. Das war keine Aufregung, gewiss nicht! Doch er war schon weiter gelaufen, ohne Anzeichen von Erschöpfung.

Angesichts der neugierig herbeieilenden Sippenmitglieder hob Rikkinen die Hand zum Friedensgruß. Er las in den Mienen des fremden Stammes das gleiche Erstaunen wie in den Augen Sekjeras, als die Wölfe heute zu den Hekkla gekommen waren.

Rikkinen schluckte hastig und suchte nach Worten.

Seine Brust hob und senkte sich heftig. Dann presste er die Lippen zusammen. Es blieb keine Zeit für höfliche Reden, für Nu, dahinplätschernde Unterhaltung. Schließlich hatte er einen Auftrag zu erfüllen. »Rejko Himmelsschweif schickt mich in einer wichtigen Angelegenheit der Wölfe zu eurer Schamanin«, verkündete er mit gleichmütiger Stimme.

Es war demütigend, hier nur als Bote aufzutreten. Doch die Erwähnung seines Vaters und der Rauhwölfe verschaffte ihm sicher Gehör.

Die lyamit traten beiseite und bildeten eine Gasse in die Mitte des Lagers, wo das Zelt der Schamanin gleich neben der Jurte des Lahti zu finden war Aus dieser Richtung kam ihm der Anführer bereits entgegen.

»Sei willkommen im Lager der lyamit«, sagte der Mann.

»Ich bin Kylänjak, das Oberhaupt der Sippe. Dein pelziger Begleiter hat unsere Schamanin bereits begrüßt.«

Kylänjak legte Rikkinen freundschaftlich die Hände auf die Schultern. »Komm erst einmal in mein Zelt, damit wir ein paar Bissen zu uns nehmen können. Du hast sicher einen weiten Weg hinter dir.«

Seinen Hunger konnte Rikkinen nicht verleugnen. »Mein Name ist Rikkinen von den Hekkla. Rejko Himmelsschweif ist mein Vater. Ich danke für die Einladung und nehme die Gastfreundschaft deiner Sippe an.«

Während er mit dem Lahti voranschritt, hörte Rikkinen viele gedämpfte Stimmen hinter seinem Rücken wispern. Bestimmt wunderten sich die lyamit nicht mehr über ihn, als er sich über sich selbst wunderte. Was tat er hier bei den alten Gegnern seiner Sippe?

Kylänjak öffnete zuvorkommend die Zeltklappe für den Gast. »Nimm schon Platz. Ich komme gleich nach. Wir müssen noch Vorbereitungen für das Mahl deines Begleiters treffen.«

Rikkinen blickte sich um, aber er konnte Dreikralle nirgendwo entdecken. Sollte der Rauhpelz doch ruhig im kalten Wind bleiben, Rikkinen würde es sich lieber gemütlich machen. Achtsam trat der junge Nivese über die Schwelle des Zeltes, die kein Fuß entweihen durfte. Der polierte Ast bezeichnete die Grenze zwischen innen und außen, und im Inneren einer Jurte war jeder Hader verboten. Rikkinen warf einen ersten Blick in das Rundzelt, als er sich unter der Klappe hindurchduckte.

Eine Frau und ein Mädchen saßen mit untergeschlagenen Beinen da und musterten ihn neugierig. Die Ältere der beiden nickte ihm zu, sagte aber kein Wort.

Nun, da habe ich aber schon mal bessere Häuptlingszelte gesehen.

Es hieß ja, dass die lyamit einen Großteil ihrer Habe bei dem Überfall verloren hatten. Da konnte man sicher nichts Besseres erwarten.

Die Jurte war mit Pelzen ausgelegt, aber mit Sommerfellen, die weniger dicht und kostbar waren als das Winterkleid der Karene. An manchen Stellen gingen den Pelzen bereits die Haare aus. Auch die Jurtenwände zeigten einige Abnutzung.

Rikkinen nahm die Ledermütze mit den breiten Ohrenklappen ab und öffnete den Kragen seines Anaurak. »Mein Name ist Rikkinen von der Sippe der Hekkla«, grüßte er und fasste die ältere der beiden Frauen genauer ins Auge. War das die Schamanin der lyamit? Sie trug keinen Schmuck und kein Zeichen ihrer Würde, bloß eine breite Halskette.

Das rothaarige Mädchen mit den hohen Wangenknochen mochte ihre Tochter sein. Sie war für die Arbeit gekleidet und wirkte ebenso verschwitzt wie er selbst. Keine der beiden sah wie eine Schamanin aus! Vielleicht waren das einfach Frau und Tochter des Lahti. So musste es sein!

Die ältere Frau wies Rikkinen mit einer anmutigen Geste einen Platz dicht am Feuer zu, und er setzte sich neben das Mädchen.

An der Außenwand der Jurte wurde es laut. Bestimmt kamen da die letzten Gäste und die Schamanin. Es wurde auch Zeit. Rikkinen war schon sehr gespannt auf die Wolfsruferin der lyamit. Er stellte sich eine hoch gewachsene und vierschrötige Frau vor. Wenn sie ihr Volk alleine befreit hatte, dann musste sie schon eine auffällige Persönlichkeit sein. Die Wärme der Jurte und die Aussicht auf das bevorstehende Mahl stimmten Rikkinen milder. Auf Tellern aus Birkenrinde stapelten sich Köstlichkeiten, deren Duft ihm den Mund wässerig machte. Geräucherter Kvillsalm und Forelle, dazu flaches Brot, selten wie jedes Gericht aus Getreide: Korn musste bei den Norbarden eingetauscht werden, gegen Felle oder Schnitzereien wie die begehrten Knochenflöten.

In der Mitte der Jurte köchelte auf einem Kohlefeuer ein Kupfertopf mit Karengulasch. Rikkinen staunte. Diese Speise konnten die lyamit nicht extra für ihn zubereitet haben, denn so ein Gericht musste einen halben Tag kochen, bis es zart und schmackhaft wurde. Vermutlich war es das Mittagsmahl des Lahti, das er jetzt dem Gast auftischte.

In einer Holzschale lagen einige Tropfen hart gewordenen Honigs, und neben der Nascherei stand auch schon der Teekessel bereit. Die Gastgeberin reichte Rikkinen gerade einen Becher Tee, als der Lahti hereinkam. Allein.

»So, nun sind alle versammelt«, sagte er, und Rikkinen vernahm Erleichterung in seiner Stimme.

Warum schloss Kylänjak die Zeltklappe nicht wieder? Wo blieb die berühmte Schamanin? Ein kühler Windstoß traf Rikkinens Nacken und er bedauerte, dass er die Mütze schon ausgezogen hatte. Kylänjak schien darauf zu warten, dass Rikkinen irgendetwas dazu sagte, also brummte er: »Gut!« Sein Magen knurrte.

Wieder blies der Wind in die Jurte, und jetzt drehte sich Rikkinen danach um. Für einen Moment blieb ihm der Mund offen stehen.

Eine Plane des Zeltes war hinter ihm halb beiseite geschlagen worden. Vor der Öffnung lag Dreikralle auf einer Lederdecke, mit einer Schale Karenrippen vor sich.

Der Lahti bemerkte Rikkinens Blick und meinte zufrieden: »So bist du nicht von deinem Gefährten getrennt.« Er setzte sich auf den letzten freien Platz, zwischen Rikkinen und die ältere Frau. Rikkinen biss sich auf die Zunge. Was sollte er sagen? Seit der Tat des verruchten Mada mochte kein Rauhwolf mehr eines Nivesen Jurte betreten. So war es vielleicht besser, wenn sie dem Wolf einen Zugang gewährten, als sich dem Tier draußen im Schnee bei seinem Mahl hinzuzugesellen.

Wenn dieser zugige Platz nur nicht ausgerechnet in seinem Rücken läge! Warum ging Kylänjak nur so selbstverständlich davon aus, dass er den Wolf stets in seiner Nähe haben wollte?

Dreikralle machte sich bereits lautstark über die Rippchen her. Seine Kiefer zerknackten die Knochen mühelos. Rikkinen hätte schwören können, dass der Wolf die Mundwinkel nach oben zog und ihn still auslachte.

Verdammte Wölfe! Und wieso wurde der Vierbeiner beim Essen vorgezogen?

Rikkinen schluckte den Ärger herunter, so gut es ging. »Deine Familie ist sehr zurückhaltend, Lahti. Willst du sie mir nicht vorstellen?«, bat er. Im gleichen Moment bedauerte Rikkinen diese Worte schon wieder. Vielleicht schwiegen die Frauen, weil sie sich in der Gegenwart eines Hekkla unwohl fühlten. Und sich den lyamit aufzudrängen, das hatte er wirklich nicht nötig.

Der Blick des Lahti loderte kurz auf. Aber dann schluckte er sichtlich. »Das ist meine Frau Ulu. Wundere dich nicht über ihr Schweigen, sie ist seit dem schrecklichen Überfall stumm.« Dann wandte sich Kylänjak erst an das Mädchen und dann an Rikkinen: »Schamanin, darf ich dir Rikkinen von den Hekkla vorstellen, der deine Hilfe in einer dringenden Angelegenheit sucht? Rikkinen, dies ist Starna, unsere Wolfsruferin. Sie wird dir mit ihrem ganzen Wissen und ihrer Erfahrung beistehen. Doch zuvor wollen wir uns ein wenig stärken.«

Die Schamanin? Dieses halbwüchsige Mädchen?

An dieser Enthüllung hatte Rikkinen erst einmal kräftig zu knabbern. Nichts verriet die Stellung der Kaskju. Wieso trug sie dem Gast zu Ehren keine Festkleidung?

»Auch ich grüße dich, Rikkinen von den Hekkla. Wir reden dann später«, sagte Starna. Wenn es sie ärgerte, dass Rikkinen sie für die Tochter des Lahti gehalten hatte, so ließ sich die junge Schamanin keine Verstimmung anmerken.

Das Missverständnis erleichterte Rikkinens Mission nicht gerade. Aber ... Wenn sie doch beleidigt ist, umso besser für meinen Plan! Er hatte ja ohnehin nicht gewollt, dass die Schamanin ihn begleitete.

Rikkinen warf einen schnellen Seitenblick auf Dreikralle, der sich schräg hinter ihm über die Fleischknochen hermachte und das Mark aus den Knochen leckte. Hoffentlich wurde der Rauhwolf bei seinem Vorhaben nicht zu einem Problem! Unaufmerksam hob Rikkinen ein Stück Fisch mit dem hölzernen Spatel auf seinen Teller. Er zückte das Gürtelmesser, obwohl der Salm so zart war, dass er beinahe von allein zerfiel, und schob sich den Mund voller Fisch. Zeit, um nachzudenken.

Beim Essen versuchte der Lahti, ein Gespräch in Gang zu bringen. Da Rikkinen nur halb zuhörte, tröpfelte die Unterhaltung mehr oder weniger dahin.

»Ich habe von Hillahs Norbardensippe gehört, dass weiter im Süden schon vereinzelt Karene wandern«, sagte Kylänjak. Die Tiere schlossen sich im Frühling zu gewaltigen Herden zusammen, und auch die besten Hirtenhunde konnten die Karene nicht mehr aufhalten, wenn der Wandertrieb sie einmal erfasst hatte.

Rikkinen nickte und dachte an die gestohlenen Karenkühe seiner Sippe.

»Ich weiß ja nicht«, fuhr Kylänjak fort. »Der Mond ist seit zwei Abenden verschleiert. Das könnte auf einen Wetterwechsel hindeuten. Ich denke, dass sich die Herde hier erst in einem halben Monat aufmachen wird.«

Eine Wetteränderung? Rikkinen horchte kurz auf und murmelte seine Zustimmung. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sich Starna und Ulu mit einigen Gesten verständigten. Sein Nacken kribbelte. Sprachen sie über ihn?

Aber dann reichte Ulu der Schamanin einen Becher mit heißem Tee und es wurde klar, worüber sie sich unterhalten hatten.

Jetzt wandte sich die Schamanin Dreikralle zu. Starna knurrte, brachte die Hand an den Mund und kreiste damit über ihren Bauch. Zuletzt legte sie die Hände an die Ohren und bildete Lauscher, die sich drehten. Die rötlichen Halbmonde ihrer Augenbrauen hoben sich in einem fragenden Ausdruck.

Dreikralle blaffte kurz und jaulte, dann streckte er eine Pfote vor und legte den Kopf darauf. Er war zufrieden.

Beiläufig schob sich Starna eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und Rikkinen entdeckte auf ihrer Stirn eine Tätowierung, nicht größer als eine Pfeilspitze. Es war eine verschlungene blaue Spirale mit einem dunklen Fleck in der Mitte. Beinahe wie ein Auge. Als Starnas Blick Rikkinen streifte, fühlte er sich von diesem zusätzlichen Auge auf unangenehme Weise beobachtet.

Kylänjak hatte mit der Wanderung der Karene nun ein Thema gefunden, zu dem es einiges zu sagen gab. Er hob erneut an. »Am Oblojo und den Seen werden wieder die Mücken lauern und sich auf die Tiere stürzen. Je eher wir aufbrechen, desto weniger von ihnen schwärmen aus. Umso besser.«

»Ja, das denke ich auch«, meinte Rikkinen und bediente sich an dem würzigen Gulasch.

So verlief das Gastmahl. Als Rikkinen schließlich satt war und sich den ausgekühlten Nacken rieb, erhoben sich der Lahti und seine Frau.

»Wir heizen schon mal die Taana an. Wenn du möchtest, Rikkinen, dann schließ dich später unseren Leuten beim Besuch der Schwitzhütte an.« Er nickte dem Gast und der Schamanin zu und verließ dann mit Ulu die Jurte.

Rikkinen nutzte die Gelegenheit und rückte ein Stück von der offenen Zeltplane ab. Er räusperte sich nervös, um die Stille zu brechen, und erzählte die Geschehnisse um den goldenen Wolf.

Dann und wann grollte oder bellte Dreiklaue zur Bestätigung. Zumindest hoffte Rikkinen das.

»Mein Vater ist nicht mehr so gut auf den Beinen und hat mich gebeten, die Nachricht zu überbringen. Hat jemand von deiner Sippe vielleicht etwas Ungewöhnliches bemerkt?

Oder haben die Wölfe euch geheimes Wissen zugetragen, das helfen könnte, den Welpen wiederzufinden?« Rikkinen hob den Teebecher an, blies die Fettschicht beiseite, die den Tee warm hielt, und nahm einen Schluck, um seine Kehle anzufeuchten.

Starna schüttelte bedächtig den Kopf, eine leise schwingende Bewegung. »Die lyamit haben nichts gehört. Weder von einem goldenen Welpen«, sie blickte Rikkinen streng an, »noch von seinem Verschwinden oder Verbleib. Sobald wir etwas erfahren, geben wir den Hekkla natürlich Bescheid.«

»Vielen Dank!« Rikkinen hielt Starnas Blick stand. Was ging es die lyamit an, welche Welpen dem Rudel der Hekkla geboren wurden? Sie waren schließlich die Verbündeten seiner Sippe. Die nächsten Worte wählte Rikkinen sorgfältiger. »Rejko Himmelsschweif hat noch eine weitere Bitte. Die Wölfe wünschen, dass sich ein Wolfssprecher der Suche nach dem Welpen anschließt. Das Rudel möchte die Magie ...« Er biss sich ärgerlich auf die Zunge. »... die Unterstützung der Geister erbitten. Wahrscheinlich wird eine anstrengende Suche im Schnee nötig sein. Das übersteigt jedoch die Kräfte meines Vaters. Ihr seid die nächste Sippe, daher...«

Rikkinen wand sich innerlich. Er schwatzte hier wie ein altes Weib! Er musste Starna die Sache ausreden, noch ehe sie eine Entscheidung treffen konnte. »Mein Vater hat mich ausgeschickt, um die Suche nach Goldglanz anzuführen. Aber Rejko würde sicher verstehen, wenn du so kurz vor der Wanderung in die Tundra andere Pflichten hast.«

Starna schloss für einen Moment die Augen. Ihre Finger berührten die Halskette aus Horn- und Holzperlen, in deren Mitte ein fein geschnitztes Karen hing. Dann sagte sie: »In den Reihen der lyamit ist alles wohl geordnet. Ich nehme gerne als Schamanin an der Suche teil.«

»Meinst du nicht, dass du ...«, begann Rikkinen, doch Starna musterte ihn kühl und schnitt ihm das Wort ab.

»Dein Vater kann sich auf die lyamit verlassen. Soll ich die Fährtenleser meiner Sippe mitbringen?«, fragte sie eifrig.

Rikkinen schüttelte den Kopf und versuchte, sich seine Verärgerung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. »Das ist überflüssig.« Er wies auf Dreikralle. »Der Wolf weiß, wo die letzte Spur des Welpen entdeckt wurde.«

Starna runzelte Stirn und Gesicht zu einer Grimasse und gab einige kehlige Laute von sich.

Dreikralle antwortete mit leisem Knurren und schlug heftig den buschigen Schweif auf den Boden.

Rikkinen wurde unbehaglich zu Mute, als er die beiden sprechen sah. Er fühlte sich ausgeschlossen. »Was ist?«, fuhr er den Wolf an.

Starna riss erschrocken die Augen auf, doch dann kräuselte sie nur die Lippen. »Er sagt, dass es ringsum keine Fährte gab, überhaupt keine.«

»Das sollte nicht deine Sorge sein, Kaskju. Ich bin der Jäger und werde den Wolf schon aufspüren.« Rikkinen frohlockte. Das war die Gelegenheit, das Mädchen loszuwerden! »Vielleicht solltest du, wie Rejko, der Kraft der Geister vertrauen und deine Aufgaben von hier aus wahrnehmen. Schamanin? Dann müsstest du deine Sippe nicht verlassen«, fügte er noch betont freundlich hinzu.

»Die Wölfe sind unsere Brüder und Schwestern. Wenn einer ihrer Welpen vermisst wird, dann ist es, als sei eines unserer Kinder verschollen. Natürlich komme ich mit dir.« Starnas Gesicht lief vor Aufregung rot an, beinahe so rot wie ihre Haare. »Ich kann aber auch alleine gehen, wenn du Angst vor den Geistern hast«, fügte sie schnippisch hinzu.

»Angst vor den Geistern?« Rikkinen lachte auf. »Du vergisst, dass ich der Sohn eines Schamanen bin. Mein Vater hat mir aus gutem Grund die Suche nach dem Welpen übertragen.«

»Sollst du auf mich aufpassen? Ich brauche keinen Beschützer. Mein Geisterwolf wird mich bewachen, bis ich den goldenen Welpen finde.« Starna stand auf und stützte erbost die Arme in die Seite.

Damit hatte die kleine Schamanin einen taktischen Fehler gemacht. Rikkinen erhob sich ebenfalls. Er überragte Starna beinahe um zwei Köpfe. »Und wer passt dann auf den Welpen auf?«, fragte er. »Was Diebstahl angeht, so besitzt ihr lyamit doch einige Erfahrung.«

»Man kann nur stehlen, was einem anderen gehört. Die Wölfe gehören niemandem.« Starna war so aufgeregt, dass sie Rikkinens Anspielung nicht verstanden hatte.

Er wurde deutlicher. »Aber die trächtigen Karenkühe, die eure Leute fortgetrieben haben, die gehörten den Hekkla!«

Dreikralle winselte schon eine Weile unglücklich vor sich hin. Jetzt aber sprang er auf und blaffte aus voller Kehle. Rikkinen wich vor dem Wolf zurück.

Starna machte den Mund auf, klappte ihn dann aber wieder zu. Sie griff an ihren leeren Gürtel und schien eine unsichtbare Keule in den Händen zu wiegen. Hörbar atmete sie ein und rang sichtlich um Fassung. Dann nahm ihr Gesicht einen würdevollen Ausdruck an. »Zum Wohle der Wölfe wollen wir gemeinsam nach dem Welpen suchen. Und wir werden eilen, um noch genug Licht für die Suche nach Fährten zu haben.«

Dreikralles Jaulen klang wie ein Triumphlaut.

Starna sah Rikkinen unter zusammengezogenen Brauen an. »Du willst dich vielleicht noch ausruhen, ehe wir aufbrechen, Hekkla? Dann warte hier, bis ich meine Ausrüstung geholt habe.«

»Ich bin taufrisch. Schamanin der lyamit. Stets zu Diensten.« Rikkinen lächelte. Er würde sie unterwegs schon abhängen.