2. Kapitel
15 Jahre früher
Durch den lichten Birkenwald am Rande des Sommerlagers der Tamani-Lie schallten der dumpfe Klang einer Bunga-Trommel und das helle Lachen junger Stimmen. Jubilierend wie Vögel zwitscherten zwei Knochenflöten den Kontrapunkt zu der Melodie.
Völusa schlich hinter die kleine Lichtung am Bach, wo die Geräusche herkamen, und beobachtete im Schutze einer Strauchbirke das fröhliche Treiben.
Einige Heranwachsende hatten sich an diesem schönen Frühlingstag von ihren Pflichten davongestohlen und sich zum Müßiggang versammelt. Weil es aber langweilig war, beim Nichtstun überhaupt nichts zu tun, musizierten sie zum Zeitvertreib. Die einen spielten Flöte, die anderen zogen Maultrommeln hervor, die ihnen sonst die endlosen Stunden der Wache bei der Herde verkürzten. Einer schlug die Bunga.
Zwei Mädchen tanzten zu den Klängen und verbeugten sich kichernd immer wieder voreinander wie ein schüchternes Hochzeitspaar Die Schamanin lächelte in sich hinein. Sollten die jungen Leute ruhig ein wenig schäkern. Es war nicht ihre Aufgabe, sie zur Arbeit zu rufen.
Völusa wollte schon wieder gehen, als die Musik plötzlich aussetzte. »Nekaar«, sagte eines der Mädchen. »Möchtest du nicht für uns tanzen? Zeig uns doch Arngrimms Verkündigung des Frühlings.« Sie lachte und schüttelte sich etwas Birkensamen aus dem Haar.
Geschmeidig sprang der schlaksige Junge auf. »Du weißt, dass ich die Wolfslegenden nicht eher tanzen darf, als bis ich selbst Schamane bin.« Er zuckte bedauernd mit den Schultern.
»Oh, das muss ich vergessen haben«, sagte das Mädchen gekünstelt und die anderen lachten über ihre Tändelei.
Völusa schüttelte den Kopf. Stieg den Kindern heute schon die Frühlingsluft zu Kopf? Dann hörte sie wieder Nekaars Stimme: »Aber ich werde trotzdem für euch tanzen.«
Der alten Schamanin stockte der Atem bei dieser Ankündigung.
»Meine lieben Freunde und Freundinnen«, fuhr Nekaar fort und schenkte dem Mädchen einen überzogen schmelzenden Blick, »die Geschichte vom Wolf und dem Hasen.«
Jetzt stieß Völusa erleichtert die Luft aus. Wolf und Hase war ein Festtanz, keine heilige Wolfslegende, die einem Lehrling in der Öffentlichkeit verboten war.
Schon setzten die Schläge der Bunga-Trommel ein, und Nekaar ließ sich zu Boden fallen und hoppelte auf Armen und Beinen wie ein vorwitziger Frühlingshase. Er hüpfte hin, er hüpfte her. Hier wartete köstliches Gras und dort auch. Hier lag süßer Tau auf der Tundra, aber dort badete das Grün verlockend im Sonnenlicht.
Unentschlossen hoppelte der Nälja über den Boden und konnte sich nicht entscheiden. Bei seinen albernen Bewegungen lachten die Zuschauer. Der dumme Hase würde in all dem Überfluss noch verhungern, wenn er sich weiterhin verausgabte, ohne zu fressen.
Doch schon nahte ihm der Jäger - ein prächtiger Rauhwolf!
Nekaar übernahm jetzt die Rolle des Wolfes. Er schlich und witterte, er sprang und tänzelte. Die Schamanin hatte Nekaar alle heiligen Tanzfiguren gelehrt und kannte seine Bewegungen. Trotzdem hatte sie ihren Lehrling noch nie so tanzen sehen wie heute. Völusa konnte sich nicht von dem Schauspiel lösen.
Nun, wo sich Nekaars Körper langsam veränderte, gewann sein Tanz noch mehr Anmut. Der Junge war immer noch geschmeidig wie ein Kind, doch jetzt spielten Muskeln unter seiner Haut, und er setzte langsam Masse an. Nicht mehr lange, und er hatte auch den Stimmbruch überwunden.
Zwischen den einzelnen Szenen erzählte Nekaar die jeweiligen Episoden der Geschichte und schmückte die lustigen Einzelheiten gekonnt aus.
Völusa entging nicht, wie gebannt die anderen an seinen Lippen hingen. Nekaar verstand sich auf das Erzählen. Und er tanzte jetzt bereits besser, als sie es jemals gekonnt hatte.
Wenn er wollte, fiel er innerhalb von Momenten in Trance, auch ohne die Hilfe der Pflanzengeister. Viel fehlte ihm nicht mehr. In einigen Jahren würde er einen guten Schamanen abgeben!